Emigrate - Emigrate

 

Emigrate

 

Emigrate

Veröffentlichungsdatum: 31.08.2007

 

Rating: 5.5 / 10

von Kristoffer Leitgeb, 25.11.2016


Selbst stumpfsinnigstes Englisch kann nicht alle Qualität aus dem Metal-Ausritt hämmern.

 

Die Selbstverwirklichung als Lebensmotto ist ein Zeichen unserer Zeit. So sehr, dass man mitunter das Gefühl bekommt, es wäre eine gesellschaftliche Verpflichtung sich selbst zu verwirklichen, was zu einem paradoxen Durcheinander führen kann. Dafür zeichnet allerdings auch ein gewisser Geschlechterunterschied verantwortlich. Wo Frauen bereits eifrig an der Traumkarriere basteln, scheint bei Männern doch noch eher "Selbstverwas?!" eine gängige Antwort zu sein. Aber klar, wer von der Fußball-WM träumt oder den Rock wiederbeleben will, der muss arbeiten, und das ist ja dann eigentlich schon wieder unsympathisch. Geht aber gleich viel einfacher, wenn man schon erfolgreicher Musiker ist und sich also schnell einmal die Möglichkeit bietet, in Eigenregie zu werken und wahr werden zu lassen, was davor nur Wunschdenken war. Richard Z. Kruspe dürfte unfassbar wenige Wünsche haben, er macht nämlich ohne Rammstein fast genau das, was er auch als Gitarrist der Band gemacht hat. Inklusive balladesker Geschmacksverirrung und einem schwachen Vierer in Englisch.

 

Und beides verwundert den Kenner Kruspes nicht weiter. Wenn einer nämlich bisher fast ausschließlich als Leadgitarrist einer Band wie Rammstein in Erscheinung getreten ist, dann kann er in dieser Rolle noch so sehr überzeugt haben und das hat er, das Herantasten an anglikanische Sprachwelten und die Inklusion weichgespülter Low-Speed-Nummern können kaum ohne Kollateralschäden passieren. Wobei man letzterem tatsächlich noch eine gewisse Realitätsnähe zugestehen kann, denn Rammstein hatten ihre guten Balladen. Penibelster Produktion, stimmiger Atmosphäre und Till Lindemann sei Dank. Kruspe hat bei Emigrate nichts davon, auch wenn man bereits dem eröffnenden Titeltrack die Nähe zur eigenen Vergangenheit anmerkt. Emigrate startet effektvoll unterkühlt mit Industrial-Keys, mündet in aller Schnelle in brachial-monotonen Drums und drückenden Riffs. So könnte jedes Album der Mutterband beginnen. So unkreativ das klingen und auch sein mag, es verschafft dem Deutschen früh etwas Luft. Denn zu Beginn arbeiten er und die Mitmusikanten - Olsen Involtini, Henka Johannson und Arnaud Giroux, allesamt mit Metal-Erfahrung gesegnet - vor allem über die nötige Härte. Da vergisst man im Falle von Wake Up schon einmal, dass Kruspes Stimme einer elektronischen Dauerkorrektur unterzogen wird, um nicht ganz so dünn zu klingen. Man verschmerzt auch die eher zusammenhanglos erscheinenden Zeilenfetzen, die dem Track Inhaltsähnliches mitgeben sollten. Die Musik ist laut und stark genug, dass nichts davon dramatisch ins Gewicht fällt. Mit hochgedrehtem Tempozähler landet das Quartett in einer Ecke des geschliffenen Metal, der insbesondere die Stärken Kruspes an der Gitarre begünstigen und so doch noch für ein gewisses Heimspiel sorgt.

 

Heimspiel oder nicht, man wird kaum daran vorbeikommen, hier überall Makel größerer und kleinerer Prägung zu finden. Das Urteil definiert sich dann rasch darüber, wie gut man auf einem Ohr taub sein kann. Ideal wäre überhaupt, man würde einen auf Van Gogh machen, sich eines Lauschlappens entledigen und so dem verbliebenen die Chance geben, nur die guten Seiten der LP aufzusaugen. Denn zusammengefasst kämpft hier eine gut geölte, bei Zeiten ausreichend muskelbepackte und stimmig produzierte Instrumentalmaschinerie gegen durchwachsene Vocals, fragwürdige Texte und kompositorische Fehltritte. Je weniger man also davon mitbekommt, dass überhaupt jemand am Mikrofon steht, desto besser. Ein Hoch daher auf My World, dessen treibender Riff sich in Wandhöhe um die Vocals legt und nicht mehr viel davon übrig lässt. Kruspe und Involtini harmonieren an ihren jeweiligen sechs Saiten, ersterem ist es dann überhaupt gleich überlassen, mit wenig grazilen und doch wirkungsvollen Soli die Songrettung zu versuchen. Wann immer die LP wie im Falle von My World eine gewisse Ähnlichkeit mit der Dampframmenstrategie von "Sehnsucht" hat, braucht es solche Rettungsversuche ohnehin nicht. Trotz einfallsloser Kitschmomente wie dem eingespeisten Kinderchor im Hintergrund läuft dort viel rund, weil man auch sehr, sehr schnell merkt, dass die auf etwas merkwürdige Art bearbeiteten Stimmeinsätze hier gut ins Gesamtbild passen.

 

Aber Kruspe ist kein Lindemann. Und in so einem Fall muss man unweigerlich noch einrechnen, dass sich Lindemann mit seinem Side Project ja ein noch viel größeres, schlicht unerklärliches Ei gelegt hat. Trotzdem muss Kruspe damit leben, dass es ihm als Bandleader an der stimmlichen Anziehungskraft mangelt, die der Rammstein-Sänger mitbringt. Zu spüren bekommen das vor allem die Balladen überdeutlich. Sobald die Geschwindigkeit draußen ist, reitet auch die Qualität in kurzem Abstand hinterher. Der inhaltslose Schmarrn, den einem der Deutsche textlich präsentiert, steht in solchen Fällen natürlich besonders in der Auslage, seine Stimme genauso. Beide enttäuschen maßlos. Babe zum Beispiel wird seinem lächerlichen Titel gerecht und mutiert als seicht-süßliches Gebrabbel mit komplett ermüdeter Instrumentation zu einem Anti-Beispiel für alle, die einmal eine Ballade schreiben wollen. Wäre da nicht ein aus dem Nichts kommendes, kurzes Solo, das auf notdürftigste Art die Wunden zu kitten versucht, man würde sich nahe dem Bodenlosen wiederfinden. Vielleicht endet das bei In My Tears und dem zähen Closer You Can't Get Enough eine Spur weniger schlimm, aber die Defizite sind allzu offensichtlich. Diese ausdruckslose Stimme kann keine Atmosphäre oder Emotion transportieren. Punkt! Das geht sich nicht aus, schon gar nicht mit billigem Synthie-Intro und Refrainzeilen wie "In my tears don't let me drown / My fears don't make a sound." Kann ja kaum das Beste sein, was ihm einfällt. Dass der Track so nebenbei dem Rammstein-Song Stein Um Stein fast 1 zu 1 gleicht, soll meinetwegen unbedeutend bleiben, wobei selbst ich da stutzig werde - und ich beklage mich quasi nie, wirklich NIE über Songähnlichkeiten.

 

Also Jekyll und Hyde, qualitativ. Oder Radiohead und Soulja Boy, wenn wir in der Musik bleiben wollen. Wirklich starken Radiohead-Songs kommt Kruspe zwar auch in seinen glorreichsten Momenten nicht nahe, aber im Rahmen seiner Möglichkeiten bieten New York City und Resolution hochnotwendige Erleichterungen für die gequälte Hörerseele. Vor allem ersterer ist auf vielfältige Art bemerkenswert, immerhin bedeutet der in den harten Kommerz-Rock abdriftende Song vielleicht den weitesten Schritt weg von der musikalischen Vergangenheit des Gitarristen. Während der schon obligatorische kurze Soloauftritt nette Erinnerungen an jemanden der Marke Angus Young wach werden lässt, gerät das Gesamtgebilde dank Rhythm-Section-Fokus in den Strophen und seiner für einmal wirklich ansprechenden Vocals äußerst stimmig. Wen könnte es da stören, dass die Band mit einem ausreichend dröhnenden Refrain doch noch etwas in alte Muster zurückfällt? Dass man nie so wirklich weiß, was uns der Mann jetzt eigentlich über die US-Stadt sagen will, kratzt dagegen ein klein wenig an der Qualität, genauso wie der Cheap Shot der Claps in der Bridge. Aber der Ausflug an die Ostküste bringt den nötigen Drive und einen Refrain fürs Gedächtnis mit, das kann dann schon was. Resolution will weniger in die Richtung, marschiert mit der orientalischen Keyboard-Hook und den spröden, abgehackten Riffs doch wieder ins Rammstein-Territorium ab.

 

Soll recht sein, nachdem der Versuch, Distanz zwischen Emigrate und die NDH-Pioniere zu bringen, zu suboptimalen Entscheidungen geführt hat. Und wir alle wissen, dass suboptimal nur ein Euphemismus für scheiße ist. So lassen sich der relativ sinnlose Umstieg auf die englische Sprache und das inflationäre Aufkommen ruhiger Minuten adäquat beschreiben. Wenn man noch immer auf elektronikbegleiteten, harten Rock bis Metal steht, genauso viel Wert auf Gitarrenpräsenz legt und sich mit Jacob Hellner sogar den Produzenten nimmt, der für alle Rammstein-LPs verantwortlich zeichnet, warum macht man dann überhaupt ein Side Project? Und warum verunstaltet man dessen potenziell starken Output durch solch offensichtlich unproduktive Veränderungen? Die Frage muss übrigens jemand anderes beantworten, der Reviewer steht dahingehend komplett im Dunkeln.

 

Anspiel-Tipps:

- Wake Up

- My World

- New York City