Ed Sheeran - ÷

 

÷

 

Ed Sheeran

Veröffentlichungsdatum: 03.03.2017

 

Rating: 5 / 10

von Kristoffer Leitgeb, 16.02.2019


Schubumkehr für den hitgepflasterten Stromlinien-Weg ins inhaltsarme, poppige Nirvana.

 

Nicht, dass ich ihn persönlich kennen würde, aber es scheint zunehmend schwieriger, Ed Sheeran wirklich sympathisch zu finden. Man könnte das der Einfachheit halber natürlich an ein bisschen Neid festmachen, weil der Typ aus dem Nichts Millionen Alben verkauft und ein entsprechendes Bankkonto hat. Ich vermute allerdings eher, dass eine unheilige Dreifaltigkeit dafür verantwortlich ist: Da wäre einerseits die Omnipräsenz des Briten, die an einen gewissen Phil Collins erinnert, der in den 80ern so oft in Radio, Film und Fernsehen musikalisch anzutreffen war, dass ihn die Leute nur mehr bedingt wegen seiner Musik verabscheut haben. Mit dem kürzlich aus der Pension zurückgekehrten Synth-Pop-Altmeister verbindet ihn zudem das Image als kitschiger Süßholzraspler, das in Verbindung mit Sheerans Auftreten als weißester Rotschopf des Planeten genauso für mäßige Beliebtheitswerte sorgt. Zumindest bei dem Teil seiner Zuhörer, die seinem "Charme" nicht schon seit Lego House verfallen sind. Der in dieser Sache ziemlich emotionslose Beobachter könnte sich aber am künstlerisch gravierendsten Teil der Dreifaltigkeit stoßen, nämlich der allzu eindeutigen Entwicklung, die Sheeran musikalisch mit "÷" fortsetzt.

 

Denn allen Vorbehalten zum Trotz überzeugt sein Debüt insgesamt als starker Einstieg für einen, der sich irgendwo zwischen der umgehenden Eingängigkeit des straighten Pop und der zurückhaltenden Emotionalität des Indie-Folk niederlassen möchte. Natürlich liegt es nahe, mit Begriffen wie Kitsch zu hantieren und darüber die plakativen, teils auffallend glatten Herzschmerz-Minuten zu disqualifizieren. Niemand wird bestreiten können, dass man auf dieser Basis jede noch so große Abneigung dem Singer-Songwriter gegenüber ausreichend rechtfertigen kann. Auf der anderen Seite steht allerdings, dass Sheeran es zeitweise auf beeindruckend verführerische Art geschafft hat, sein Feingefühl für großartige Melodien und sein mal glauwürdigere, mal schwierigere gefühlsbetonte Art zu verbinden.

Was er allerdings gleichzeitig noch gern gemacht hat, war Einflüsse aus Hip-Hop und R&B auf streitbare Art in seine Songs einfließen zu lassen. Und das ist der Punkt, an die Schwierigkeiten mit seiner dritten LP beginnen. Und das buchstäblich, weil nämlich Opener Eraser die große Diskrepanz seiner nicht zu leugnenden Kompetenzen im gewöhnlichen Pop-Handwerk seinen mehr als durchwachsenen Rap-Künsten gegenüberstellt. Da kann es dann gern sein, dass er das mit dem Rappen nie so ganz ernst gemeint hat als aktuell weißester aller Popstars, der Song wird trotzdem allein dadurch zu einem ordentlichen, weil der Refrain ein melodischer Volltreffer ist und die aufpolierten Akustikzupfer um Hintergrund sich mit dem Beat ziemlich gut vertragen.

 

Bald merkt man aber, dass ein puristischer Zugang zum Jahre vorher praktizierten Folk-Pop nicht die Intention des Briten ist. Produktionstechnisch und damit klanglich ist "÷" großspurig, aufgeblasen, von strahlender Glätte. Naturgemäß hilft das einem Songwriter, der vermeintlich auf gefühlsschwangeres Musizieren setzt, nicht wirklich. Dementsprechend hat man ein Album vor sich, das von der Unmittelbarkeit und daraus resultierenden Effektivität seiner Singles lebt. Nimmt man sich die zur Brust, werden sich die Skeptiker bestärkt sehen, weil Castle On The Hill voluminöser, von wuchtigen Drums und zurückhaltenden Gitarrenzupfern geprägter Pop der Marke Coldplay ist, weil die erotische Spannung in Shape Of You so gekünstelt wirkt wie nichts sonst in Sheerans Repertoire, weil Galway Girl mit einem Hauch von Irish Folk ein einziges Gimmick darstellt. Alle drei überzeugen trotzdem. Einerseits wegen des vorteilhaft hohen Tempos, was für einen Musiker, der eigentlich als Balladensänger der ziemlich ruhigen Art seine besten Momente hatte, keine vorteilhafte Entwicklung andeutet. Allerdings gelingt es Sheeran immerhin, mit den starken Hooks, den guten Beats und der reibungslosen Einflechtung der wenigen Spuren von Irish Folk und dem weitaus offensichtlicheren Tropical-House-Einfluss auf Shape Of You die Nichtigkeit seiner Texte bestmöglich zu kaschieren und stattdessen einfach unterhaltsame Songs abzuliefern.

 

An der emotionsgeladenen Balladenfront ist dagegen wenig zu finden, was ein Hinhören lohnen würde. Mit Perfect gelingt es ihm zwar zumindest ein Mal, die Brücke zwischen überzeugender Melodik und den eingebauten Streichern zum Trotz musikalischem Understatement ziemlich gut zu schlagen, das war es dann aber auch eigentlich bereits. Happier präsentiert sich als melodramatischer Kitsch, dessen aufgeblasener Refrain jeglichem Aufbau von Gefühlen zuwiderläuft, während Sheeran das unterkühlt klingende Klavier eher durch Jaulen als durch Singen zu übertönen versucht. Hearts Don't Break Around Here und How Would You Feel (Paean) präsentieren sich dagegen sehr nahe an den Anfängen des Briten, dementsprechend ruhig und zaghaft instrumentiert. Dass ihnen gerade das das Genick bricht, wirkt schmerzhaft ironisch, liegt aber am antiklimatischen Gesang und umso mehr den lahmenden Zeilen, die sich eher nach Malen-nach-Zahlen des schmalzigen Songwriting anfühlen als nach irgendetwas, das einem Emotionen entlocken könnte. Umso mehr liegt es also an der Verpackung des Ganzen und die ist eben insbesondere in den ruhigeren Minuten wenig bis gar nicht überzeugend, sieht man von der finalen Hommage an die eigene Großmutter, Supermarket Flowers, ab, wobei sich selbst die ohne die Backgroundstimmen und damit als wirklich reines Klavierstück besser gemacht hätte.

Es wäre allerdings ein bisschen besser mit der latenten Schwäche dieser Seite Sheerans zu leben, wären seine lauteren, auf die eine oder andere Art in der Black Music wurzelnden Minuten durchwegs überzeugend. Sind sie jedoch auch nur in der ersten Hälfte, während der Semi-Rap von New Man nach eher lauwarmer Kost klingt und sich mit einem Haufen Platitüden spielt, die so nicht und nicht mit den sperrigen Vocals zusammenspielen wollen. Auf der anderen Seite steht das musikalisch ordentlich What Do I Know?, das hauptsächlich an seiner anstrengenden Weltverbesserer-Botschaft zerbricht, die mit nichts weniger verbunden werden sollte als mit diesem Up-Beat-R&B, den er hier zusammenbastelt.

 

Letztlich kann man "÷" nicht wahnsinnig viel abgewinnen, auch wenn man es auf Basis des Hörens selbst auch nur schwer wirklich grausam finden könnte. Das ergibt sich wahlweise eher daraus, dass Sheeran mit seinem dritten Album nach einer Ein-Mann-Boyband klingt, ähnlich wenig textliche Substanz mitbringt und noch dazu seinen eigenen früheren Stärken eine Abfuhr erteilt. Stattdessen retten ihn Up-Tempo-Songs, die zwar eigentlich keine einzige erinnerungswürdige Zeile hergeben, aber wenigstens die musikalischen Stärken des Briten im richtigen Licht zeigen. Doch der Mangel an Inhalt, auch auf emotionaler Ebene, schadet dem Album insofern, als dass sich keine Atmosphäre aufbauen will. Dabei hilft es naturgemäß auch nicht, dass der Sound so lange abgeschliffen wurde, bis er tatsächlich über rauf und runter gespielt werden kann. Dass das passiert, dafür kann wiederum Sheeran weniger, weswegen man ihm nur insofern Vorwürfe machen kann, als dass er einmal auch albumumfassend ziemlich gute Arbeit abgeliefert hat und der Trend eindeutig nach unten zeigt. Wo das noch hinführt, man will es eigentlich nicht wirklich wissen.