Eagles - Desperado

 

Desperado

 

Eagles

Veröffentlichungsdatum: 17.04.1973

 

Rating: 8 / 10

von Mathias Haden, 21.11.2020


Ein Ausritt in den Wilden Westen als Krönung künstlerischer Vision und ungekannter Freiheit.

 

Man könnte meinen, im 21. Jahrhundert der christlichen Zeitrechnung wären Fakten und Tatsachen leichter zugänglich als ein liebevoll in Alufolie eingewickeltes Dürüm (beliebte türkische Mahlzeit, Anm. d. Red.). Selbst in Zeiten von fake news, Lückenpresse und dem vermeintlich größten Wahlbetrug der amerikanischen Geschichte ist eigentlich nichts einfacher und kostensparender als Wissenserwerb. Wer tiefer in die Materie einsteigen will, der ist mit entsprechender Fachlektüre selbstverständlich besser beraten, für einen überblickartigen Informationsgewinn sind allerdings auch die leicht zugänglichen Regionen des Internets in der Regel geeignet. Dass die meisten Menschen dennoch nicht wissen, dass Gambia der kleinste Staat des afrikanischen Festlands ist oder dass ein Mann mit dem klingenden Namen Joseph Mortimer Granville als Erfinder des elektrischen Vibrators gilt, ist natürlich primär dem eigenen Desinteresse und zugegeben einer gewissen Prioritätensetzung inmitten der überwältigenden Daten- und Informationsflut geschuldet.

 

Mit weltweit über 200 Millionen abgesetzten Tonträgern ist es allerdings in höchstem Maß verwunderlich, dass man hierzulande die Eagles fast ausschließlich von ihrem Megahit Hotel California kennt. Dass das in den Vereinigten Staaten anders aussieht, habe ich ja schon im Review zum Debüt bemerkt, bei derart gigantischen Verkaufszahlen ist es trotzdem mehr als verwunderlich. Ich habe nebenan übrigens auch keinen Hehl daraus gemacht, dass ich diese Band, die mehr Zeit dafür aufbrachte, den überraschenden Ruhm auszuleben als etwas dafür zu tun, diesen zu rechtfertigen, für nicht sonderlich viel mehr als eine Truppe begabter Musiker mit formvollendet opportunistischen Tendenzen halte. Aber auch wenn die Eagles auf ihren Studioplatten (live sollen sie ja eine formidable Gruppe gewesen sein) nie ganz in der Liga der Big Players im Becken zwischen Country und Rock mitspielen konnten, so waren sie einmal verdammt nah dran. Dieses Vermächtnis trägt den Titel Desperado.

 

Es gibt viele Gründe, warum Desperado zum großen künstlerischen Triumph der Band heranreifen konnte, der heute allerdings nach wie vor weitflächig erst als solcher identifiziert werden muss. Einerseits hatte das Quartett Henley, Frey, Leadon und Meisner nach dem kommerziellen Erfolg des Debüts ungekannte Freiheiten im Studio, andererseits war man von dem praktisch konkurrenzlosen Ruhm der folgenden Jahre auch noch ein gutes Stück entfernt und dementsprechend auch noch von berstenden Egos und Selbstgefälligkeit gefeit, auch wenn vor allem die beiden Leader Don Henley und Glenn Frey zu keiner Zeit Kinder von Traurigkeit gewesen sein dürften. Dazu kommt, dass die beiden auf der zweiten LP erstmals in größerem Umfang gemeinsam Songs schrieben und damit das Fundament für eine beachtliche Songwriting-Partnerschaft legten.

 

Diese neu definierte Zusammenarbeit zeichnet sich auch für acht der elf Songs mitverantwortlich. Desperado ist zwar nicht als Konzeptalbum per se ausgelegt, dreht sich thematisch aber überwiegend um den Wilden Westen, Outlaws und eben die titelgebenden Desperados. Der Titeltrack bildet mit seinen romantisierten Cowboy-Fantasien, herrlich unangestrengten Harmonien, der cineastischen, von Streichern getragenen Atmosphäre und Henleys starkem Gesang zusammen mit Doolin-Dalton, der einleitenden Ode an die legendäre Gang, nicht nur thematisch das Herzstück der LP. Hier finden sich mit den schönen Melodien und dem großartigen Harmoniegesang die wichtigsten Tugenden der Band, wie zu vermuten auch mit der nötigen Prise Kitsch unterbuttert:

 

"Desperado

Why don't you come to your senses?

Come down from your fences, open the gate

It may be rainin', but there's a rainbow above you

You better let somebody love you"

 

Wie beide Stücke im abschließenden Reprise zueinanderfinden und zum Abschluss gebracht werden, ist nochmal eine eigene tolle Sache. Sehr gelungen ist auch die melancholische Hymne Tequila Sunrise, die ihren Namen zwar enttäuschenderweise dem Cocktail entnommen hat und nicht umgekehrt, mit einem Frey in Bestform hinter dem Mikro und einer souveränen Bandperformance aber nichts anbrennen lässt.

 

Nachdem geklärt wäre, dass das Quartett auf dem Terrain nostalgischer Wildwest-Romantik wesentlich bessere Arbeit leistet als am unausgewogenen Vorgänger, wäre noch zu klären, wo genau sich Desperado zwischen den beiden Polen der Band, Country und Rock, einpendelt. Obwohl Titel und die ganze Thematik natürlich ein deutliches Übergewicht in Richtung ersterem suggerieren, sind die einzelnen Stücke doch eine ausgewogene Mischung. Gelegentlich und wenig überraschend auf den beiden Kompositionen von Bernie Leadon, schlägt das Pendel mehr in Richtung Country aus. Twenty-One darf sich zwischen der ganzen Schwermut als lebensbejahender Banjo-Schunkler behaupten und der Ausritt nach Bitter Creek wird zum verheißungsvollen Erlebnis. Auf der anderen Seite wird der Rock-Affinität nicht ganz so viel Platz eingeräumt wie am Debüt. Nur ein einziges Mal fällt man diesbezüglich unangenehm auf, nämlich am komplett deplatzierten Hard-Rock-Rausschmeißer Out Of Control, auf dem Frey zu nimmermüden Gitarren das Outlaw-Raubein gibt um auch der Rock-Fraktion der wachsenden Fangemeinde einen Knochen hinzuwerfen.

 

Weil der Rest der Platte einem harmonischen Flow gemäß seiner Harmoniegesänge untergeben ist und auch Randy Meisners Beitrag eine andere Wertigkeit zur Schau stellt, als das noch ein Jahr zuvor der Fall war, ist Desperado tatsächlich und letztlich auch ziemlich klar das stärkste Werk im Adlerhorst. Auf keiner anderen Eagles-Platte funktioniert das Zusammenspiel der einzelnen Mitglieder so gut, zaubert das Gespann Frey-Henley so ungezwungen feine Kompositionen aus dem Hut. Mit jedem weiteren Jahr wuchsen Erfolg, Erwartungshaltung und Eitelkeit, auf Desperado konnten Leadon, Meisner, Frey und Henley frei wie nie zuvor und danach aufspielen - das sollte sich bezahlt machen.