David Bowie - Diamomd Dogs

 

Diamond Dogs

 

David Bowie

Veröffentlichungsdatum: 24.04.1974

 

Rating: 8 / 10

von Mathias Haden, 16.10.2013


The Year of the Diamond Dogs - Das Ende einer Ära.

 

Im Laufe der Geschichte marschierten viele exzentrische Musiker über die roten Teppiche dieser Welt. In einer Zeit, in der Lady Gaga mit ihren ausgefallenen Kostümen (Fleischkleid, Kermitoutfit, nur um zwei zu nennen) Galas und sonstige Veranstaltungen unbehelligt beehrt, kann man nicht wirklich mehr geschockt werden. In den frühen 1970er Jahren sah das noch ganz anders aus. Der Protagonist: ein gewisser David Robert Jones, der sich nach dem britischen Messer 'Bowie' benannte, um nicht mit dem damals hoch im Kurs stehenden Monkees-Mitglied Davy Jones verwechselt zu werden. Bowie, der während seiner Karriere zahlreiche Richtungswechsel vollzog und sich musikalisch stets weiterentwickelte, war 1973 am Zenit seiner Karriere und wurde als androgyner Alien 'Ziggy Stardust' zum größten Rockstar nach Elvis. Die Abenteuer des Ziggy Stardust werden wir allerdings andernorts näher unter die Lupe nehmen. Als Bowie endgültig am Pophimmel ganz oben war, führte er etwas durch, was man noch nie gesehen hatte. Er kündigte auf einem Konzert an, das es sein letztes sein würde und schockte das Londoner Publikum wie die Presse. Und das im zarten Alter von gerade mal 26 Jahren. Aber wie der Mythos es beschreibt, sprach er nicht von sich als David Bowie, sondern als Ziggy Stardust. Und so marschierte Bowie weiter um sich Ende des Jahres an einen Entwurf zu machen, dessen Kreation er schon lange geplant hatte.

 

Das achte Studioalbum Diamond Dogs, das als fixes Konzept auf George Orwells Roman '1984' (nach dessen Idee auch die bekannte TV-Sendung 'Big Brother' aufgebaut ist) basiert und diesen thematisch behandelt, stellt das Ende seiner Glam-Ära dar. Als das Album im April 1974 erschien und kaum positive Resonanz erhielt, war Bowie in Gedanken bereits bei seinem nächsten Tapetenwechsel. Bowie spielt auf besagtem selbst Gitarre, nachdem er sich von seiner Begleitband, den Spiders from Mars rund um Gitarrenhelden Mick Ronson, getrennt hatte.

 

Obwohl sich mit dem eher peripher präsenten Halloween Jack eine neue, eigene Hauptperson findet, deutet noch einiges auf seine kurz zuvor in Rente geschickte Inkarnation Ziggy hin. Schon auf dem vom Belgier Guy Peellaert (der auch für das Artwork von It's Only Rock 'n' Roll verantwortlich ist) gezeichneten Cover leuchtet der rote Vokuhila nur so auf.

Zudem erinnern auch einige Songs noch an das vergangene Jahr. Lead-Single und heute bekanntester Song auf dem Album, Rebel Rebel hätte sich auf Ziggys Aladdin Sane nicht schlecht gemacht. Wie ein Orkan zieht der omnipräsente und eingängige Jahrhundertriff auf und lässt jeden Gitarrenspieler zu seinem Instrument greifen.

 

Grundsätzlich läuft auf Diamond Dogs einiges wirklich gut. Es ist nicht unbedingt sein zugänglichstes und einfachstes Album, aber nach einigen Durchgängen entfaltet sich die Schönheit der diamantenen Hunde. Wunderbar etwa die dreiteilige Suite Sweet Thing/Candidate/Sweet Thing (Reprise), die mit Sicherheit die ambitionierteste Arbeit auf dem Album ist. Bowie liefert hier eine gesangliche Meisterleistung (und die tiefste Note, die er je aufgenommen hat) ab.

 

Auch sonst ist hier vieles wie es sein soll. Bowies strebsames Songwriting, das natürlich nicht mit der Tiefe des Ausgangswerkes verglichen werden kann, macht einiges her. Mit Songzeilen wie "In the year of the scavenger, the season of the bitch / Sashay on the boardwalk, scurry to the ditch / Just another future song, lonely little kitsch / (There's gonna be sorrow) try and wake up tomorrow" gewinnt der gitarrentechnisch an die Rolling Stones erinnernde Titeltrack noch an Würze, Saxophon und Keyboard ergänzt der fleißige Brite ohnehin. Das funkige 1984 und Big Brother mit der schönen Mellotron-Einleitung nähern sich dann thematisch am weitesten der behandelten Novelle an und liefern sehr starke Momente. Ersterer und der schöne Lovesong Rock 'n' Roll With Me liefern nebenbei einen kleinen Vorgeschmack auf Bowies nächstes musikalisches Interessengebiet, den sogenannten Blue-Eyed-Soul, der auf dem Folgealbum Young Americans durchgehend praktiziert wird.

 

Leider ist nicht alles perfekt. Perfekt scheint bei näherer Betrachtung ohnehin nur Rebel Rebel, während die bereits erwähnte epische Suite dem Begriff zumindest etwas nahe kommt. Nein, perfekt ist hier kaum etwas, nur sehr gut oder basierend auf sehr guten Ideen. Bowie spielt über die gesamte Länge zwar sehr solide, allerdings bei Weitem nicht so überragend wie Exkollege Mick Ronson. Auch sonst fehlt es den Songs einfach an dem letzten Pep. Nur einer ist allerdings wirklich unter dem qualitativ recht hohen Durchschnitt, nämlich das überlange We Are The Dead, das zwar einen interessanten Text aufweisen kann, aber ansonsten sehr schleppend seine fünf Minuten durchläuft.

 

"This ain't rock 'n' roll, this is genocide!" verkündet David Bowie, der in seiner beneidenswerten Karriere so viele verschiedene Genres bereiste und häufig als Chamäleon bezeichnet wurde, auf Opener Future Legend. So schlimm ist das Ganze aber gar nicht. Diamond Dogs steht heute als Übergangsalbum in seiner Karriere. Als Übergang von Ziggys Glam-Rock-Triumphen zu den Soul-Ausflügen, als Übergang Bowies vom quasi Frontmann einer intergalaktischen Band zum Entertainer, der zwar stets Hilfe von diversen Musikern in Anspruch nahm, aber das Lob von nun an alleine einhamstern konnte.

Außerdem steht das Album für die künstlerische Auseinandersetzung mit dem Klassiker '1984', der Bowie seit jeher faszinierte. Während Diamond Dogs weder an seine größten Leistungen der frühen, noch der der späten 70er herankommt, ist es dennoch ein hochinteressantes, wie unzugängliches Werk. Was natürlich kein Beinbruch ist, mit einem beeindruckenden Repertoire von 11 Studioalben von 1970-1979 hat Bowie in den Siebzigern einiges Zählbares erschaffen. Wie dem auch sei, sein insgesamt achtes Album erfüllt einige Wünsche, wenn auch nicht alle. Nicht nur einem großen Bowie-Liebhaber wie mir.