The Rolling Stones - It's Only Rock 'n' Roll

 

It's Only Rock 'n' Roll

 

The Rolling Stones

Veröffentlichungsdatum: 16.10.1974

 

Rating: 7.5 / 10

von Mathias Haden, 18.03.2014


Auch am zwölften Longplayer erinnern uns die Briten, warum wir Rock 'n' Roll so gern haben.

 

Ring frei für die Glimmer Twins! Hinter diesem lustigen Namen verbergen sich nicht die Frevler Milli Vanilli und schon gar nicht die Olsen-Zwillinge, sondern die kreative Songwriter-Achse Mick Jagger/Keith Richards. Die durften sich auf diesem - dem zwölften (britischen) Longplayer hinter den Mischpults richtig austoben. Zum ersten Mal seit Their Satanic Majesties Request (1967) und zum ersten Mal unter besagtem, legendären Pseudonym. Die Alben, die zwischenzeitlich folgten und gerne als die besten im gesamten Repertoire bezeichnet werden, wurden von Jimmy Miller produziert. Wie auch immer: Nachdem man aus diversen Gründen und mit strotzendem Selbstvertrauen beschlossen hatte, auf eine weitere Zusammenarbeit zu verzichten, waren also die Glimmer Twins geboren.

Mit dem verheißungsvollen Titel It's Only Rock 'n' Roll und einem großartigen Cover von Guy Pellaert war die Erwartungshaltung beunruhigend hoch, wurde doch auch schon Vorgänger Goats Head Soup sehr kritisch beäugt. Von dessen prägnanten Soul- und Funkklängen verabschiedete man sich hier wieder ein wenig in Richtung R'n'R. Obwohl, nicht ganz, aber davon später.

 

Mit Opener If You Can't Rock Me startet die LP plangemäß und bietet einen routinierten, aber nicht überwältigenden Blues-Rocker zum Auftakt. Mit Zeilen wie "The band's on stage and it's one of those nights, oh yeah / The drummer thinks that he is dynamite, oh yeah" als Einstieg hat man eigentlich schon alles richtig gemacht. Rockhymne und Titeltrack It's Only Rock 'n' Roll (But I Like It) ist nicht umsonst ein Gassenhauer und jahrelanger Begleiter auf sämtlichen Touren. Aber nicht nur deshalb genießt der Legendenstatus. Neben David Bowie, der angeblich seine Duftmarke auf der Originalversion mit Backing Vocals hinterließ, wird hier besonders die Personalie Ronnie Wood zum Thema. Der arbeitete nämlich mit der Band an diesem Track, bekam dafür zwar keinen noch so winzigen Credit, durfte aber kurz darauf den in seinem Frust abwandernden Mick Taylor als Gitarrist ersetzen.

Konträr zu den beiden erwähnten, funktionierenden Stücken verhält es sich mit den anderen beiden Rocknummern. Dance Little Sister ist die verifizierte Ideenlosigkeit der Gruppe, übertüncht dank eingängiger Melodie und viel Dynamik seine offenkundigen Schwächen aber zumindest ein wenig. Ebenso das bluesige Short And Curlies, das trotz hübschem Zusammenspiel zwischen Klavier und Gitarren ungute Zeilen wie "It's too bad, she's got you by the balls" nicht ganz überpinseln kann.

 

Seine gelungensten Kreationen bietet das Album aber sowieso abseits von seinem namensgebenden Genre an, die vier stärksten Tracks sucht man da woanders. Da wären zum einen die berührenden Balladen Till The Next Goodbye und Time Waits For No One. Während erstere mit einem großartigen Mick Taylor an der Slide Guitar und einem Mick Jagger in Bestform auffahren kann, ist es bei letzterer ein kollektiver Geniestreich der Band. Hier passt so ziemlich alles, was anno 1973-74 im Stones-Lager passen konnte. Exzellente Melodie und eine Gruppe in Hochform. Dazu noch diese, sich wundervoll einfügenden, Percussions und ein paar der schönsten und glaubwürdigsten Worte, die die Stones je auf Papier brachten. Traumhaft! Ach ja, hier sind ein paar:

 

"Drink in your summer, gather your corn

The dreams of the night time will vanish by dawn

And time waits for no one, and it won't wait for me"

 

Die anderen beiden angesprochenen Tracks sind das leicht reggaebeeinflusste Luxury, das mit viel Ironie, Jaggers beherzten Vocals und knackigem Riff überzeugt und das vielgeliebte Fingerprint File. So etwas wie diesen 'Paranoia-Funk' hatten die Stones in ihrer Karriere nicht gemacht, umso überraschender, dass der wirklich zündet und mit seinem finsteren Sound und den zum Nachdenken anregenden Textzeilen über Überwachung und Geheimdienste aktueller ist als jeder andere Track auf der LP. Vor allem bewirkt er als Angst einflößender Closer vor dem Schlafengehen wahre Wunder.

 

Oh, da war doch noch was. Soul! Ganze zwei Mal steigen während dem Genießen der LP nämlich die Begriffe Motown und Soul in den Kopf. Einmal aus dem trivialen Grund, dass mit Ain't Too Proud To Beg ein zufriedenstellender Versuch, die Motown-Single der Temptations zu Covern, geglückt ist, andererseits weil man in der Ballade If You Really Want To Be My Friend so viel Soul in Jaggers Stimme ausmachen kann wie nirgendwo anders auf dem Album. Beide gelingen, beide machen Spaß!

 

Jedem Stones-Album vor und nach 1968-1972 wird die unerfreuliche Ehre zuteil, zum Vergleich mit den bahnbrechenden vier Alben dieser Ära herangezogen zu werden. Und während die meisten im Vergleich sang- und klanglos untergehen, ist es beim zwölften Longplayer keine tragische Niederlage. It's Only Rock 'n' Roll überzeugt auf sovielen Ebenen, nimmt sich selbst nicht zu Ernst und fährt damit gut. Und obwohl man den klaren Höhepunkten auch einiges an weniger geglückten Momenten entgegensetzen kann, geht es hier sehr homogen und konstant von statten.

Einige Jahre sind vergangen, seit dem letzten Versuch, sich selbst zu produzieren. Die Produktion ist ordentlich, das Gros an geschriebenen Songs ebenso. Musikfreunde werden an diesem Werk ihre Freude haben, Stones- und Glimmer Twins-Fans sowieso. In diesem Sinne: "Good night, sleep tight..." (Fingerprint File)