Damon Albarn - Everyday Robots

 

Everyday Robots

 

Damon Albarn

Veröffentlichungsdatum: 25.04.2014

 

Rating: 7.5 / 10

von Kristoffer Leitgeb & Mathias Haden, 05.02.2015


If lonely press play...

 

Was macht ein ehemaliger Bandleader bei seinem ersten Soloflug? Genau, er wird ruhiger, poppiger, persönlicher. Keine Vermutung, nein, ein Naturgesetz, dem nicht einmal Joey Ramone auf seinen Soloalben wirklich entfliehen konnte - naja, zumindest nicht ganz. Also eigentlich eine fade G'schicht, wie man hierzulande sagt, die ganz leicht zu berechenbar wird. Wenn einer aber in seiner Karriere gefühlte 30 Genres abgeklappert hat und mehr Musikprojekte als Familienmitglieder sein Eigen nennt, dann schaut die Sache netterweise anders aus. Damon Albarn ist so einer.

 

Und doch hört man ohne zu zögern den Mann heraus, der als allmächtiger Geist über den Gorillaz schwebte. Denn ein bisschen Trip Hop ist ihm schon geblieben, die Beats sind noch immer rundum elektronisch, allerlei Computergesteuertes findet sich auch weiterhin. Aber Albarn umschifft das Horrorszenario Synth Pop und liefert stattdessen einen von Minimalismus geprägten Sound, der der Melancholie, die ihm fraglos innewohnt, auf den Leib geschneidert scheint. Die Beats sind bedächtig, fast zaghaft, bilden nur ein loses Fundament für viele der großartigen Zeilen und musikalischen Gustostückerl. Ähnlich ergeht's der übrigen Percussion, mühevoll am Computer aus allerlei Klangfetzen zusammengebaut. Der entstehende Raum gehört oft drückend spärlichen Gitarreneinsätzen, unheilschwangeren Klavierakkorden oder auch den geliehenen Streichern, die die Songs wärmend ummanteln.

 

All das formt eindrucksvolle Songs, die gleichsam persönliche Emotionalität und eine fast schon resignative Kälte hervorbringen. Albarns markante Stimme singt sich in undramatischer, aber wirkungsvoller Manier durch die identitätslose Elektronikwelt von Heute im eröffnenden Titeltrack, bis zu dem depressionsgefüllten Hostiles und die schwer zu fassende Atmosphäre des gespenstisch ruhigen Hollow Ponds. Das verkörpert wirklich nur dem Text nach einen wehmütigen Blick auf die Kindheit, versprüht ansonsten eher eine endgültige Lebensmüdigkeit. Genau die scheint hier Vieles zu vereinnahmen, egal ob von leichter Gitarre getragen oder wie im großartigen Lonely Press Play als markante Mixtur von Klavier und Percussion Loop, unterfüttert mit dezenten Streichern. Oder aber als mächtige, bassgetriebene Pianohymne wie The Selfish Giant, in der sich Albarn, unterstützt von Natasha Khan, gesanglich selbst übertrifft. Eine drückende Schwere liegt in seiner Stimme, ganz dem Wesen der LP Tribut zollend.

 

Stolpersteine gibt's wenige. The History Of A Cheating Heart erweist sich seines Namens nicht ganz würdig, entschläft in seiner folkigen Natur eher, als dass es einen vereinnahmen würde. Ähnlich wenig Eindruck hinterlassen die ultrakurzen Instrumentals Parakeet und Seven High, die als mäßige Spielereien aber auch kaum ins Gewicht fallen. Dass nicht überall in ihm Melancholie herrscht, das soll auch verdeutlicht werden. Zwischendrin unerwartet mit dem lockeren Folktrack Mr. Tembo, der überall sonst großartig wäre, hier aber zumindest als komplett unpassend abqualifiziert werden muss. Dass es anders geht, beweist dagegen der epische Closer Heavy Seas Of Love, dem Brian Eno mitsamt Chor Leben einhaucht. Es wird ein großartiger Schluss, ein positives Ende in Form friedlichsten Frohmuts, geprägt vor allem vom eindrucksvollen Refrain, der in seiner Einfachheit nicht besser gemacht sein könnte.

 

Gratulationen scheinen also angebracht, hat Damon Albarn doch hier alles irgendwie richtig gemacht. Manche werden die verqueren Spielereien der Gorillaz vermissen, andere vielleicht die politische Message. Aber "Everyday Robots" ist der Sieg für den Mann hinter Songs wie Tomorrow Comes Today, El Mañana oder On Melancholy Hill und als solcher triumphiert er mit Ruhe, Atmosphäre und Emotion. Und das obwohl er dem Naturgesetz gefolgt ist, also wirklich!

 

K-Rating: 8 / 10

 

 


Das Blur-Supermind entdeckt auf die alten Tage noch seine sensible Seite.

 

Nun ist es also soweit. Nach zahlreichen musikalischen Projekten, die Damon Albarn jahrelang von den Verlockungen eines faulen Lebens als altgedienter, sorgloser und ehemals erfolgreicher Musiker auf Distanz gehalten hatten, findet er nun endlich Zeit für sich selbst. Und was hat dieser Mann, der mit Blur den Britpop mitdominierte, mit virtuellen Affen eine Ode auf Clint Eastwood anstimmte oder einfach nur mit einer Unzahl an fähigen Künstlern heiße Jams spielte, wohl alles zu sagen; dürfte sich ja auch einiges angelagert haben, auf der geplagten Seele des eigenwilligen Briten.

 

Wo der Kollege mit seiner schlüssigen Aufarbeitung und den finalen Lobpreisungen das Wort abgegeben hat, werde ich nun ansetzen. Denn Albarn macht auf seinem Solodebüt tatsächlich die meiste Zeit einiges ziemlich richtig. Die Frage nach persönlichen Einflüssen, die sich bei derlei Soloausflügen ja immer wieder stellt, einmal beiseite, funktioniert der überwiegend ruhige, zurückhaltende und irgendwie verletzlich anmutende Ton weitestgehend. Hier hat mein Vorsprecher auch gute Argumente parat, besonders die introvertierte "Pianohymne" The Selfish Giant möchte ich an dieser Stelle herausheben, mit seiner sanftmütigen Poesie ("I had a dream that you were leaving / It's hard to be a lover when the TV's on / And nothing is in your eyes") im selben Atemzug als einen der besten Tracks des Jahres (2014) proklamieren. Hollow Ponds hat der Gute auch bereits ordentlich beschrieben, die unheilvoll drückende Atmosphäre, die über der Reminiszenz an vergangene Tage schwebt, kommt mit seinen Horneinsätzen und der passenden Samples unglaublich gut zur Geltung. Einen hat der werte Kollege allerdings im Eifer des Gefechts vergessen: das mitreißend hymnische Photographs (You Are Taking Now), das dem vielgelobten Heavy Seas Of Love in nichts nachsteht, mit seiner träumerischen Melodie und wenig dezentem Bass auch als Single gut funktionieren würde.

 

Nichtsdestotrotz ist auch diese LP wie jede andere in Albarns breitem Katalog nicht ohne Fehler. Der schwächste Track, das in seiner sparsamen Akustik unglaublich träge The History Of A Cheating Heart, wurde als dieser ja lobenswerterweise entlarvt. Den nächsten gröberen Schnitzer erlaubt sich der Sänger ausgerechnet mit der längsten Nummer, You And Me. Dieser beginnt eigentlich ziemlich vielversprechend, weiß sich aber über seine sieben Minuten schon recht bald nicht mehr zu helfen und verharrt in einer schmerzfreien, aber langatmigen Monotonie. Auch der Titeltrack und Opener Everyday Robots macht mit seiner melodisch melancholischen Stimmung und Albarns auf dem Album durchwegs gelungenem Gesang einiges richtig, die quietschigen Streicher, die mit der Elektronik leider nicht besonders harmonieren, zerstören aber den angenehmen Fluss.

 

Auf diesem treibt man dafür die restliche Zeit von Everyday Robots. Und obwohl Albarn in den Mittvierzigern seine ruhige Seite entdeckt hat, bedeutet das in diesem Falle nicht, dass er uns auf seinem Debüt mit fadem, introspektivem Geschwätz nervt. Eher bietet der ehemalige Britpop-Held einen clever arrangierten, melancholischen Einblick in ein früheres Leben, das in Zeiten des Ruhms wohl nur den Hinterzimmern seiner Gedanken vorbehalten war - auch wenn er sich zwischendurch dabei wie immer etwas verzettelt.

 

M-Rating: 7 / 10