Coldplay - Parachutes

 

Parachutes

 

Coldplay

Veröffentlichungsdatum: 10.07.2000

 

Rating: 7 / 10

von Daniel Krislaty, 25.10.2014


Das LP-Debüt legt den richtungsweisenden Grundstein für die seit dem Jahrtausendwechsel scheinbar omnipräsenten und deprimierten Kuschelrocker.

 

Jung und alt, Weibchen oder Männchen, Menschen in Neuseeland wie in Norwegen erfreut Coldplays bezirzender Stil für jedermann, welcher lange Zeit und über viele erfolgreiche Singles hinweg von einem melancholischen sowie nachdenklichen Unterton bestimmt war, seit jeher. Opulent elektronischer Rock, wie er das 2008 erschienene Viva La Vida Or Death and All His Friends in jeder Faser durchstrahlt, lässt sich am angenehm minimalistischem Parachutes bloß als beinahe undenkbare Zukunftsmusik erahnen. Ein Indiz dürfte womöglich ein Bekenntnis von Bandleader und Sänger Chris Martins sein, der sich stets zu den vor allem gesangstechnischen Einflüssen von Radiohead respektive Thom Yorke bekannte; aber das ist ein anderes Kapitel. Für jetzt sei gesagt, dass Coldplay augenscheinlich ebenso keinen Hehl daraus macht, britischen Charme auf einer globalen Ebene kommerzialisieren zu wollen. Dies geschieht hauptsächlich mit dem organischen Anzug einer britpoppigen Lightversion und den lockerflockigen Momenten von Radioheads The Bends.

 

Don’t Panic markiert die sehr unscheinbare Eröffnung, die in ihrer vorfühlenden Funktion und den knapp zwei Minuten Laufzeit vor allem von Martins ironischem Ausruf "We Live in a Beautiful World" geprägt wird und am Ende zu einem unverkennbaren Indie Rock-Song kulminiert. Dem finsteren Prolog folgt einer der manchen Blockbuster des Albums. Der ganz offensichtlich geeignete Singlecharakter zwischen ins Ohr gehendem Refrain und vergleichsweise dramatischer Inszenierung von Shiver erzählt – fast schon typisch für Parachutes – leicht gestelzt von romantischer Frustration. Nichtsdestotrotz zählt der Titel dank seines unerwartet positiven Elans in mitten melodramatischer Inbrunst zu meinen absoluten Favoriten der Band. Dem verführerischen Pathos verwaschener Worthülsen verfällt hingegen das leicht diffuse Spies, welches sich zwischen aufmüpfig lauter Tongewalt und schwülstiger Embryohaltung nur schwer positionieren kann. Hinzu kommt Einfältigkeit, die sich trotz Stimmungs- sowie Temposchwankungen mit den immer gleichen Akkorden wie ein roter Faden durchzieht.

 

Am Boden der unwirklichen Aussichtslosigkeit, eine Lebensgefährtin neben sich zu wissen, beschränkt sich Coldplay mit Sparks auf ein leises Konzert auf die Liebe im Dunkeln. In passenden Momenten und Lebensphasen bestimmt wirksam fehlt es dem Titel jedoch allgemein an einem universellen Zugang. Wer sich bis jetzt noch nicht gedankenversunken in Selbstzweifel gewogen hat, der tut dies spätestens jetzt. Yellow, die zweite Single des Albums, wirft den Hörer nach einigen schicksalhaften Liedern in die zunächst aufklarende Konstellation unbekümmerter Akustikgitarren und erhellender Chorausrufen zwischen Strophen und Refrain. Wie angekündigt, quakt der zumindest kompositorisch neue Anstrich jedoch abermals bloß von der hier so beliebten textlichen Thematik der zurückgezogenen Einsamkeit zum Selbstzweck des Alleinseins.

 

Deutlich lockerer nimmt sich da schon Trouble, eine ätherische Piano-Ballade im Stile einer Beichte mit regenerierender Wirkung auf die doch sehr persönlichen und emotionalen Einsichten des Vorangegangenen. Frei von Schuld und Sünden stürzt Coldplay daraufhin in ihr bisher schönstes Stückchen Musik. Mit gerade einmal 46 Sekunden und einer Handvoll Zeilen in petto garniert das sanfte Fingerpicking und Martins introvertierter Gesang eine besondere, konturlose Aura im Zwecke der Unmittelbarkeit und als Brückenschlag zum letzten Drittel des Albums.

 

"In a haze, a stormy haze

I'll be 'round

I'll be loving you always, always

 

Here I am and I'll take my time

Here I am and I'll wait in line always

Always"

 

We Never Change begibt sich auf einen spirituellen Tauchgang, in welchem Martins den symbolträchtigen Wunsch an sich selbst stellt, abgeschieden in einer Holzhütte zu leben, um keine, dem Menschen nun Mal vorbestimmten Fehler mehr zu begehen. Gleichzeitig vermittelt diese 'Passion Coldplay' eine keinesfalls gegeißelte Friedfertigkeit im generell unkomplizierten Flow der läppischen Instrumentierung. Dass, wenn die Band ihre Stärken ausspielen kann, sie sich nicht mit kleinen Brötchen zufrieden gibt, zeigt das Quartett oft und gerne mit ihren sensitiven Klaviernummern und dem schlichten, darum umkreisenden Kosmos, den die LP auf Everything‘s Not Lost besonders gut im Kontext von Vergänglichkeit und Veränderungen eingefangen hat. Zusätzlich verbirgt sich ein kleiner aber feiner Hidden Track am Ende des esoterischen Albumschlusspunktes, der dem ausgeschlürften Parachutes nochmals mit anrührenden Streichern eine leicht edelkitschige Note verleiht. Hätte gern mehr davon gehört.

 

Die Band macht auf ihrem Debüt viel richtig und ebenso viel zumindest verbesserungswürdig, was das darauffolgende, in vielen Belangen weiterentwickelte Album A Rush of Blood to the Head nahelegt. Im Hintergrund der vorherrschend in sich gekehrten Texte begleitet von meist kinderleichten Melodien sowie zarten Drehungen und Wendungen im Windspiel der Dramaturgie spielt sich das Quartett den stets tieftraurigen 'Kummerball' das ein oder andere Mal zu oft einander zu, was sie ein wenig ins Hintertreffen der ungeliebten Eintönigkeit bringt. Coldplay rechnet mit der Welt ab und bemerkt, dass es zehn Lieder zu null für den feuerroten Globus steht. Aber das ist OK, das ist ihre Masche.

 

Anspiel-Tipps:

- Shiver

- Sparks

- Everything's Not Lost


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