Blinded By Stardust - Farewell Note

 

Farewell Note

 

Blinded By Stardust

Veröffentlichungsdatum: 04.11.2017

 

Rating: 6.5 / 10

von Kristoffer Leitgeb, 28.10.2017


Melancholische Eleganz auf dem persönlichen Schlachtfeld zwischen Liebe und Krieg.

 

Die Zeiten ändern sich, immer und überall. Je nachdem, wie man nun zu der Frage nach dem Füllzustand des Glases steht, ist das positiv oder negativ. Unbestreitbar positiv ist es, weil wir das Zeitalter des medialen Dauerfeuerwerks, der emotionalen Desensibilisierung und nicht zuletzt von Donald Trump schreiben und das alles irgendwann vorbeigehen wird. Unbestreitbar negativ ist es, weil das Zeitalter der Philosophen und Denker, die Ära von Introspektion und kontemplativer Ruhe hinter uns liegt, sofern es je existiert hat. Zumindest gilt aber in der Kunst trotz der Notwendigkeit, auf sich aufmerksam zu machen, immer noch, dass die emotionale Inspiration ganz selten von außen und aus der alltäglichen Ruhelosigkeit kommt, sondern dass der Blick nach innen die größte Notwendigkeit von allen ist, um etwas zu formen, das nicht vom einen Moment auf den anderen vergessen ist. Das zum Quartett gewordene Wiener Projekt Blinded By Stardust scheint die Brücke schlagen und beides zelebrieren zu wollen und kreiert damit immerhin ein Debüt wie "Farewell Note" mitsamt Sound, der Großes verspricht.

 

Um vielleicht die Wortwahl der Band selbst aufzugreifen, geht man damit das Risiko ein, irgendwo zwischen der künstlerisch ambitionierten Außendarstellung im multimedialen Krieg um Präsenz und Landgewinn einerseits, dem einzig wahren Thema, das uns alle im Innersten zerstört und mit ganz viel Glück wieder aufbaut, der Liebe, aufgerieben zu werden. Nichts leichter, als alles zu wollen und letztlich nichts voll realisieren zu können. Umso mehr Respekt ringt es einem ab, dass der Drang von Bandleader Lukas Cioni und seinen Mitstreitern in andere Kunstrichtungen vorzupreschen, der Debüt-EP nicht allzu viel zugesetzt haben dürfte. Im Gegenteil, strahlt doch der ohnehin großartige Titeltrack nur noch mehr aus im Verbund mit dem aufwändig inszenierten, expressionistisch angehauchten Musikvideo.

 

Damit aber verdientermaßen der Musik die Ehre gegeben wird: Die gerät eigentlich klassisch, auf den ersten Blick fast ein bisschen zu standardisiert. Der Alternative-Folk-Rock ist ein überlaufenes Genre, das in Wirklichkeit zu wenig Gestaltungsspielraum bietet, um für alle darin schwimmenden Bands ein bisschen Originalität abzuwerfen. Das hindert aber niemanden bei Blinded By Stardust, den zaghaft eingezupften Beginn von Farewell Note stetig größer, lauter und eindringlicher werden zu lassen, bis daraus eine dynamische Hymne auf die melancholische Ungewissheit zwischen Abschied und Neuanfang wird, deren Charme am allermeisten in ihrem dezenten Schwenk Richtung Celtic-Folk liegt. Den besorgen Drummer Felix Kirsch, dessen Performance ohnehin der unabdingbare Antrieb hinter dem Song sein dürfte, und insbesondere Corina Laimer, deren Violine zum kongenialen Gegenstück zu Cionis Stimme wird und nicht nur im ekstatischen Finale enorm viel zur Eigenständigkeit des Sounds beiträgt. Gerade diese Qualität wird in Sound Of Our Hearts sogar noch vertieft, wobei der vom Blues gezeichnete Folk trotz des wenig kernigen Gesangs fast schon zum Erinnerungsstück an Balladen von Flogging Molly wird. Was trotz der Schwäche der Quasi-Iren auf diesem Gebiet trotzdem ein Lob ist, weil bei Blinded By Stardust eine musikalische Präzision zum Vorschein kommt, die das Zusammenspiel des klassischen Rock-Line-Ups mit dem Klavier und der Violine reibungslos aufgehen lässt. Was man damit bekommt, ist ein Track, dem es vielleicht auch wegen des überakzentuierten Gesangs an emotionalem Eindruck fehlt, der aber die tragische Note des Songs mit schwer zu leugnender Eleganz umsetzt.

 

Schade ist nur, dass diesem äußerst gelungenen, charakterstarken Doppel zahlenmäßig ebenbürtige Mittelmäßigkeit gegenübergestellt wird. Dass die Band mit dem kitschigen Schunkellied Wouldn't It Be Nice und der schwermütigen Ballade Dance For Your Own dezenteres, intimeres Terrain betritt, wäre zwar grundsätzlich sehr zu begrüßen, nur nimmt man sich dabei so weit zurück, dass abseits des für sich allein nur bedingt tragfähigen Gesangs von Lukas Cioni wenig übrig bleibt. Wobei dann ausgerechnet Wouldn't It Be Nice seine Schokoladenseite auch am Mikro findet, das aber vor allem wegen der starken Mehrstimmigkeit, die mit Cioni, Simon Hosemann und Laimer drei komplett verschiedene Stimmen harmonisch in Einklang bringt. Das finale Dance For Your Own legt es dagegen schon mit der alleingelassenen Ukulele im Intro eher riskant an und findet dann auch keine wirkliche Balance mehr zwischen deren latent deplatziert wirkenden Akkorden und dem schwergewichtigen Klavierspiel. Die Instrumentenkombination ist aber auch eine fast sichere Niederlage mit Anlauf und hat schon der so vielversprechenden Lisa Hannigan weniger gut getan.

 

Den einen Track darf es aber ruhig erwischen, der Rest federt das relativ souverän ab. Ohne jetzt zum Darwinisten zu werden, sei trotzdem gesagt, dass auch die Musik ein bisschen ein Kampf ums Überleben ist. Zuallererst auch künstlerisch und die Auslese ist anno 2017, wo das Internet täglich neue Interpreten heranspült, ziemlich unerbittlich geworden. Einziger Unterschied zur Natur: Anpassung ist nicht der Weg zum (kreativen) Erfolg! Und da tut es gut, sagen zu können, dass bei Blinded By Stardust zwar der Ersteindruck den schalen Beigeschmack des allzu Altbekannten trägt, das Quartett sich von dem Stigma aber umso schneller befreit und seine Stärken äußerst schnell offenbart und ausspielt. Da ist eine Band in nahezu vollendeter Harmonie, ein Bandleader mit klaren Ideen, eine Rhythm Section, die alles mit Leben ausfüllt, und eine Violinistin, die der Paradefall des gewissen Etwas sein könnte. Das alles summiert sich zu einem Namen, der das in Österreich relativ brachliegende Feld modernen Electric Folks ausfüllen könnte. So ganz gelingt das mit "Farewell Note" noch nicht, aber da gilt es, die Ohren offen zu halten, wenn die erste LP fertig ist.

 

Anspiel-Tipps:

Farewell Note

- Sound Of Our Hearts