Billy Talent - Afraid Of Heights

 

Afraid Of Heights

 

Billy Talent

Veröffentlichungsdatum: 29.07.2016

 

Rating: 5.5 / 10

von Kristoffer Leitgeb, 25.08.2016


Ein Haufen passabler Rock-Minuten sagt nur eines über Billy Talent aus: Die Sackgasse ist nah.

 

Ich hab es ja immer gewusst! Dieser Satz ist in einer verdammt langen Reihe beschissener Aussagen wirklich weit vorne. Um fair zu sein, ab und zu ergibt es sich, dass man ihn auch berechtigterweise einsetzen kann. Aber das sind seltene Augenblicke. Der überwiegende Rest sind Gelegenheiten, bei denen irgendeine Vollpflaume rückwirkend den Hellseher in sich entdeckt; und das ist auf so vielen Ebenen vertrottelt. Aber ich, ja, ich hab es tatsächlich immer gewusst, dass für Billy Talent im Hintergrund langsam eine Uhr dahintickt und zwar unaufhaltsam dem Zeitpunkt entgegen, an dem den Kanadiern einfach jegliche Originalität und Ambition abhanden kommt. Das vorherzusehen ist jetzt noch keine große Leistung, irgendwann ist nämlich noch für beinahe jede Band der Totpunkt erreicht. In diesem Fall war aber sogar klar, dass sie es garantiert nicht bis zur Albumzweistelligkeit schaffen, bevor der Countdown abläuft. "Afraid Of Heights" bestärkt diese Vorahnung.

 

Aber keine Angst, noch ist das Quartett - mit Jordan Hastings als kurzfristigem Ersatz für Drummer Aaron Solowoniuk eigentlich Quintett - nicht dort. Die Tendenz bleibt aber eine eindeutige. "Dead Silence" war eigentlich schon der erste markante Schritt in eine Richtung, die man in Wahrheit inspirationslos nennen muss. Funktioniert hat der geschliffene Rock in Pseudo-Punk-Manier hauptsächlich deswegen, weil nach dem durchwachsenen Abschluss der self-titled Trilogie ein Hauch von altbekannter Energie zu spüren war und somit die Anforderungen ans Songwriting-Department nicht allzu hoch waren. Jetzt hapert es diesmal aber auch irgendwie an der Durchschlagskraft und der grittiness, was nicht mehr gar viel auf der Habenseite übrig lässt. Die Routine spielt ihnen in die Hände und sorgt dafür, dass man vor allem zu Beginn wie eine gut geölte Maschine wirkt, wodurch Opener Big Red Gun zwar recht steif, aber doch einigermaßen wohlklingend daherkommt. Es wird aber auch sehr bald klar, dass Billy Talent im Großen und Ganzen reduziert ist auf Ian D'Sa und seine Fähigkeiten an der Gitarre. Die Rhythm Section wirkt unspektakulär wie nie und Kowalewicz klingt zwar noch immer nasal wie früher, lässt aber stimmliche Kraft und die darin verborgene Emotion vermissen.

 

Und das zehrt an in Wirklichkeit ordentlichen Kompositionen. "Afraid Of Heights" bietet einfach wenig Angriffsfläche. D'Sas Produktion lässt die Band noch einmal glatter und zahmer klingen, schafft es aber auch, Misstöne fast komplett auszuschalten. Time Bomb Ticking Away, This Is Our War und das jämmerlich betitelte Ghost Ship Of Cannibal Rats muten wie kantenbefreite Rezitationen früherer Songs an. Es ist Alt-Rock, befreit von der Post-Hardcore-Komponente, die der Band ihre Aggressivität und ihre Anziehungskraft geschenkt hat. Und weil man sich gleichzeitig nicht mehr auf den muskelbepackten Hard-Rock des Trilogie-Finales zurückziehen will oder ihn nicht rekonstruieren kann, bleibt eine übermäßig rifflastige - dass ich sowas mal schreib... - Melange aus Tracks, denen die Varianten abgehen, um sie zu mehr als ordentlichen Vorstellungen zu machen. Gitarrenwände sind eigentlich alles, was einem wirklich im Gedächtnis sitzt, vor allem weil sich die vermeintlich ruhigeren Strophen viel zu oft nach banalem Middle-Of-The-Road-Getue anhören. Selten wird das so auf die Spitze getrieben wie mit dem einlullenden Wohlfühlrock von Leave Them All Behind, andererseits hinterlässt auch die Exzentrik ihre unliebsamen Spuren im klanglich unglaublich banalen, nach AC/DC-Coverband riechenden Louder Than The DJ, neben dem das von vielen verhasste Kill The DJ von Green Day auf einmal wirklich genial klingt.

 

Nun gut, diese zum Flop verdammten Minuten werden hinreichend ausgebügelt. Was ehemals möglich war, ist aber auch mit dem besten Track anno 2016 nicht mehr machbar. Horses & Chariots traut sich immerhin, aus dem Trott auszubrechen, findet in stark eingearbeiteten, pulsierenden Retro-Keyboard-Akkorden den nötigen Drive. Viel mehr braucht es nicht, um die ganze Band wieder anzutreiben und sogar gute, wenn auch weltschmerzgetränkte, Zeilen hervorzubringen. Doch auch hier fragt man sich: Braucht es das Gitarren-Solo wirklich für irgendetwas? Könnten die Drums nicht doch etwas weniger unspektakulär und hölzern klingen? Naja, nicht unbescheiden sein. Sonst würde vielleicht auch February Winds nicht so gut wegkommen. Allerdings darf dieser und nur dieser Track als wirklich gelungener Sprung in die Zeitmaschine dastehen. Man könnte urplötzlich auch wieder auf "Billy Talent II" gelandet sein, aufpolierter Sound hin oder her. Doch diese Qualität ist symptomatisch, den Kanadiern fällt schlicht beinahe nichts ein, was nicht nach good ol' times klingt oder zumindest der moderaten Version dessen. Auch The Crutch klingt nach einer Fortsetzung des dritten Albums, zeigt damit aber durchaus effektiv, wie ein Weg für die Band aussehen kann, der tatsächlich noch Zukunft haben könnte. Schwergewichtiger Rock, kernige Riffs, ein aus den 70er-Resten zusammengeschnipseltes Solo, da ist auf alle Fälle genug Charakter im Spiel.

 

Diese Qualität könnte man wahrscheinlich auch den Texten zuschreiben, nur eben nicht als Lob. So ganz auf der Höhe waren die Lyrics eh seit längerem nicht mehr, aber Kowalewicz schrammt schon ziemlich oft daran vorbei, Plattitüde an Plattitüde zu reihen, um damit irgendwie zu einer vagen gesellschaftskritischen Botschaft zu kommen. This Is Our War oder Big Red Gun kommen da nur sehr marginal über die Tiefe des Titels hinaus, bewegen sich auf dünnem Eis, was textliche Peinlichkeit anbelangt. Das Folgende ist schlicht und einfach keine Aussage:

 

"Wash your mind out, where's your morals?
How many people have to live this sorrow?
Life should not be begged or borrowed
How many really want to change tomorrow?"

 

Insgeheim ist zu vermuten, die Zeilen wären Bono zu schwammig. BONO! Aber gut, das Eis hält, also mal nicht zu sehr darauf herumgeritten.

 

Unter anderem auch, weil der Review das Album vielleicht ein bisschen zu sehr auseinandernimmt. "Afraid Of Heights" ist nicht grausam, es ist nicht peinlich - fast nicht - und unter Garantie nicht unhörbar. Aber es ist belanglos, so hörbar, dass einem als Fazit eigentlich nur ein verdammt lautes OK übrig bleibt. Was für Nickelback schon ein Erfolg wäre, für die weniger mühsamen Kanadier von Billy Talent aber den nächsten Schritt nach unten bedeutet. Und die Chancen stehen ziemlich gut, dass es nicht mehr wirklich bergauf geht. Das einzig wirklich Gute daran ist, dass ich dann wenigstens sagen kann: Ich hab es ja immer gewusst!