Backstreet Boys - Backstreet's Back

 

Backstreet's Back

 

Backstreet Boys

Veröffentlichungsdatum: 11.08.1997

 

Rating: 4 / 10

von Kristoffer Leitgeb, 11.03.2017


Diabetes-Balladen und das Geheimrezept für tanzbare Infektionen. What else?

 

Willkommen in der wunderbaren Welt der Medizin, wo alles voll ist von doppelten offenen Brüchen, fleischfressenden Bakterien, die an Extremitäten nagen, und durch jahrzehntelanges Inhalieren von gesunder Nikotinluft schwarz gewordenen Lungen! Wer jetzt schon speiben muss, bitte an mir vorbei. Hinter mir steht Andreas Gabalier, da geht's dann. Außerdem haben solche Weicheier hier ohnehin nichts verloren, denn das Terrain, das jetzt gleich beschritten wird, ist ein durchaus kräftezehrendes und erschreckendes. Boy Bands waren die Rache des herumschwirrenden Geistes des vergangenen 80er-Pop an der Masse, die Leute wie Cobain und Kiedis zu Weltstars gemacht hat. Das hatten die also davon! Blöderweise wurde auch der Rest der Welt belästigt und musste über Radio und Fernsehen, manchmal sogar über den Subwoofer der 12-jährigen Nachbarin, ertragen, was die herausgeputzten Milchbubis zum Trällern vorgelegt bekamen. Schwierige, schwierige Jahre.

 

1997 gab es zwar auch noch "OK Computer", das zweite Album der Backstreet Boys sollte sich allerdings merklich besser verkaufen. Diese elendigen 12-jährigen Mädls! Jetzt muss dazugesagt werden, dass das Konzept, die Bübchen ihre Songs nicht selbst schreiben zu lassen, ein äußerst berechtigtes war und noch immer ist. Zum einen weil die handelnden Personen an den Mikros nicht wirken, als hätten sie der Welt irgendetwas mitzuteilen, zum anderen wegen der geballten Pop-Macht, die sich hinter ihnen an den Schiebereglern breit macht. Zwar umgibt vor allem Max Martin als ewige Hitschleuder ein wenig die Aura dieses alles vereinnahmenden Unheils, dem nicht zu entfliehen ist. Aber er hat auch die Hooks, um diese Position zumindest ein bisschen zu rechtfertigen. Immerhin gehen auch Everybody (Backstreet's Back) und As Long As You Love Me auf sein Konto. Und solche Chartbreaker sind ja die Lebensversicherung einer Truppe, die nie wusste, wozu das LP-Format überhaupt existiert. Dementsprechend konturlos sind beide gestaltet, dementsprechend eingängig und hochwertig sind beide auch. Mehr als pure Standardware zumindest, was unter anderem auch darin begründet liegt, dass die Backstreet Boys ihren Konkurrenten schon damals eines voraus hatten: Die gesangliche Harmonie.

 

Mit der im Gepäck sollte ja eigentlich einiges zu machen sein. Und tatsächlich tun sich inmitten der glattesten, emotionslosesten Produktion, seit es Phil Collins gibt, manchmal positive Seiten auf. Gerade auch bei den Hits, die zuallermindest die notwendigen Hooks als Existenzberechtigung vorweisen können. Wobei das vor allem für Everybody gelten muss. Den bekommt man eben nicht mehr aus dem Kopf, auch wenn man den vor allem beim ersten Mal unbedingt dort weghaben will. Der Eindruck verflüchtigt sich irgendwann, weil die ohnehin inhaltlich vakuumähnlichen Zeilen zunehmend in den Hintergrund treten und die durchaus gelungene Dance-Pop-Mischung im Hintergrund übrig bleibt. Viel besser geht das sogar bei dem zum Schämen betitelten If You Want It To Be Good Girl (Get Yourself A Bad Boy) - endlich wissen wir, woher Brendon Urie die Songtitel hat. Da ist bis zu einem kurzen stimmlichen Fauxpas kurz vor Schluss überhaupt alles Hook und eindrucksvoll starkes Synth-Spektakel, gegen dessen Produktionsglanz selbst Sussudio noch naturbelassen klingt. Macht aber nichts, dass sich um den abgehackten Beat der unangefochten beste Sound des Albums drängt, wird nämlich schnell deutlich.

 

Dem Wesen als streichelweiche Ballade geschuldet, kann As Long As You Love Me auf dieser Ebene nicht mit. Tatsächlich macht das aber weniger, weil der Track dieser eine langsame auf jeder Backstreet-Boys-LP ist, der stimmig intoniert und beinahe schon nicht mehr gefakt emotional klingt. Genau das wäre bei einer von langsamem, melodramatischem Liedgut durchzogenen Playlist ein Gebot der Stunde. Allein, das durchzuziehen ist dem Fünf-Mann-Chor nicht gegeben. Im Gegenteil, die stillose, kaum verdauliche Kitsch-Kanonade, die einem mit Machwerken wie dem von Klaviermissbrauch gekennzeichneten Like A Child aufgetischt wird, zerstört alle Möglichkeiten auf ein Happy End. Folgerichtig bleibt es bei einem Cover des Hip-Hop-Hits Set Adrift On Memory Bliss, der als von weißen Jünglingen gesungene R&B-Version eher den Charakter einer Parodie annimmt. Oder aber beim schmalzigen 10,000 Promises, dem ultimativen Beweis, dass Max Martin nie unter 60 BPM komponieren sollte. Klarerweise wird in diesen Minuten auch die mit der Produktionsdampfwalze verursachte Glätte zu einem riesigen Betonschuh, der die ohnehin kaum einmal glaubwürdig klingenden Sänger nur noch weiter hinunter zieht. Höchstens noch mit dem einigermaßen naturbelassenen Arrangement von That's What She Said lässt sich etwas anfangen. Akustische Zupfer und zurückhaltende Percussion können im Verbund mit dezenten Streichern einfach mehr als Hip-Hop-Beats und Keyboard.

 

Trotzdem ist bei all dem so schnell die Luft draußen, dass sich zwischen der in Ansätzen wahrnehmbaren Grittiness von That's The Way I Like It - dahingehend quasi der musikalische Vorbote für It's Gotta Be You - und dem sehr späten Erwachen mit dem Bad Boy nur mehr unterdurchschnittliche Leerzeichen und grässliche Komplettausfälle abwechseln. Da gewinnt man keine Preise und es ist eigentlich sogar bedenklich, dass sich so eine LP dann ohne US-Release millionenfach anbringen lässt. Nicht, weil es nicht ordentliche Anreißer gäbe, aber die Nutzlosigkeit des übrigen Materials hätte selbst unverbesserlich optimistischen 12-Jährigen auffallen können, bevor man selbst zugegriffen hat. Nachdem der Fünferpack und die dahinter agierenden Produzenten unendlich viel Geld scheffeln konnten, bleibt am Ende nur ein Fazit: Wenn sich Boy Bands verkaufen, hat irgendwo die Erziehung versagt. Oder aber es ist der Geist des verschmähten 80er-Pop mit im Spiel.