Alkbottle - Live Statt Nüchtern

 

Live Statt Nüchtern

 

Alkbottle

Veröffentlichungsdatum: ??.??.1996

 

Rating: 3 / 10

von Kristoffer Leitgeb, 26.05.2016


Ein alkoholschwangeres Volksfest. Das Dargebotene ist offensichtlich viertrangig.

 

Es braucht schon einiges an Mut und Überwindung, um sich mit ein paar Instrumenten auf eine Bühne zu begeben, um sich dem Tribunal der zu unterhaltenden Massen zu stellen. Ja, das Musikerdasein liegt dahingehend nicht jedem. Noch viel mehr Überwindung kostet es, sich als extrovertierter Außenseiter dieser Herausforderung anzunehmen, wie es dereinst David Bowie getan hat. Am allermeisten Überwindung wird es aber wohl erfordern, als Bande musikalisch komplett untalentierter Dolme dem Volke die eigenen Unzulänglichkeiten zu präsentieren. Sind also die Wiener Rock-Granden rund um Roman Gregory in dieser Disziplin weltmeisterlich unterwegs? Der Verdacht liegt nahe, dass dem nicht wirklich so ist, sondern dass das Gespann und seine Fans schlicht und einfach dauerfett sind und deswegen kaum ausreichend sichere Aussagen darüber getroffen werden können, wer da wie mutig ist oder nicht. Diese Promille-These wird nur unterstützt von einer LP wie "Live Statt Nüchtern".

 

Nun gut, die Bottle-Buam gelten als Konzert-Spezialisten, deren wirkliche Qualitäten sich erst bei der genüsslich-rauschigen Atmosphäre einer brechend gefüllten Halle offenbaren. Eigentlich also ein wirkliches Heimspiel, mit dem die Band 1996 aufgeigen wollte. Aber der gelernte Fußball-Fan weiß, auch Heimspiele gehen manchmal auf blamable Weise verloren. Während die Band also ihre bis dahin angesammelten Klassiker aufbietet, kommt man auf Albumlänge nicht umhin, vom tiafsten Dialekt-G'sangl von Roman Gregory und der facettenlosen klanglichen Umrahmung dessen ermüdet und strapaziert zurückzubleiben.

Ein bisserl was geht trotzdem, vor allem in den ersten, noch mit stärkerem Geduldsfaden erlebten Minuten. Nachdem man den Fans ein bisschen beim Vorglühen zuhören darf, wird nämlich mit dem Riff von Wir San Auf Kana Kinderjausn ordentlich angerissen, sodass die Halle auf Touren kommt, vor allem aber auch ohne Direktkontakt mit den Übeltätern durchaus positive Eindrücke bleiben. Die eigentlich so schnöde dahingespielten Melodien verbergen ihren unguten Beigeschmack zu Anfang eben noch besser, auch weil sich Gregory und seine Mannen noch eher ans Drehbuch halten, auf schwer verdauliche Merkwürdigkeiten selbst dann verzichten, wenn ein Song wie Blader, Fetter, Lauter & A Bissl Mehr auf dem Programm steht. Der ist natürlich dank des Titels schon merkwürdig genug, doch man findet den nötigen Drive und sogar fast so etwas wie Präzision, bedingt auch durch Drummer Peter Wagner, der sich am wenigsten im Ton zu vergreifen scheint. Das geht solange gut, bis mit Die Doppler-Affäre der Höhepunkt der LP, vielleicht einer ganzen Karriere wartet. Die gewohnt eloquente Eröterung von Alkohol-Vorlieben im heimischen Militär und der Präsident-Heimat Hofburg mutiert zu einem textlichen Gusto-Stückerl, dem Gregory amateurhafter, aber immerhin bemühter Stimm-Imitationen an Charme verleiht. Drumherum spielt die Band um ihr Leben und das Finden der eigenen Höchstgeschwindigkeit, pausiert nur für die passende Marschmusik. Natürlich wartet man vergebens auf großen Schnick-Schnack, der über die banalen Hard Rock-Übungen der Band hinausreicht, aber wenigstens dieses eine Mal geht die Rechnung auf.

 

Die übrigen zwei Drittel der LP kann man eigentlich entsorgen. Muss man wirklich dem trägen Gedudel beiwohnen, das der mühsamen Ode auf die Zugemutete, Elfi, zu nötigem Nachdruck verhelfen soll? Wer bluesigen Metal spielen will, der sollte besser sein Instrument beherrschen, ansonsten sind das leere Meter, die man da läuft. Man verliert sich in den Überlängen, die von formlosen Soli und dem faden Spiel mit dem Publikum verursacht werden, stellt so die gesangliche Unerträglichkeit nur noch länger zur Schau. Wobei anzumerken bleibt, dass die Songs als Instrumentals nicht eher funktionieren würden. Dass man sich im Falle von Fanta Light oder Batterie bekannten Klassikern der einschlägigen Genre-Mächte AC/DC und Metallica bedient, trägt wenig zu einer Verbesserung bei. Während sich bei ersterem vor allem Gregorys Schnapsidee, Brian Johnsons schrilles Krächzen zu imitieren, im Gedächtnis einbrennt, veranschaulicht letzteres, wie wenig die Band aus dem Rohmaterial machen kann. Man schwimmt gewaltig, einfach weil die Möglichkeiten zu mehr als spröden Riff-Geleier und simplen Rhythm Sections fehlen. Jetzt noch die fehlende Power und die schwierigen Gitarren-Klänge langsamerer Passagen eingerechnet und es bleibt quasi nichts über.

 

Eigentlich müsste in solch einem Fall der Charme aushelfen, den die Band auszustrahlen versucht. Keine Sorge, ich leide nicht an temporärer Umnachtung. Natürlich ist es nicht der liebe, nette oder zumindest noch der charismatisch ausgeflippte Charme. Es ist der Bierzelt-Charme, ein Blick in die Unwelten des Wienerischen und der Lokalitäten der Hauptstadt, in denen nur mehr die Fahnenlänge gemessen wird. So bestialisch das klingt, es kann natürlich funktionieren. Eine Bandhymne, die sich als Geh Scheissn! vorstellt, hat irgendwie was. Was Lächerliches, durchaus, aber eine beinahe erfrischend verblödete Ehrlichkeit. Wo könnten Alkbottle auch eher daheim sein, als bei solch einer Nummer? Man dreht auf, schreit sich ein bisserl Wut von der Seele und hat dort auch den großen Vorteil, dass musikalisch einfach nur Volldampf angesagt ist, man also mit rauem, unpräzisem Ton gar nicht so schlecht fährt. Nur war es das eben doch in Hälfte zwei, außer man gibt sich großzügig und hebt noch extra die gelungene erste Hälfte von Niemehrwieder Fohr I Furt heraus, die als STS-Umdichtung durchaus zum Plädoyer für einen gemütlichen Heimaturlaub gereicht. Was man sich sonst geben muss, sind zum Kopfschütteln - oder -gegen-die-Wand-hauen - anregende Zeilen und Überleitungen, deren einzige Lichtblicke Gregorys Kurzmeldungen "Wir greifen alle zu unserem linken Herz. Des wos du host is die Leber, oida!" und das fast finale "Schee, dass da warts und ned bei mir daham". Reicht das wirklich, um so manche lyrische Grausamkeit auszumerzen?

 

Njet, sagt der Russe. Um es in einem den Alkbottle-Leuten genehmerem Ton zu sagen: Sicha ned, oida! "Live Statt Nüchtern" tut selten wirklich weh, aber dafür fast immer ein bissl. Man fühlt sich unwohl in diesem Gemisch aus musikalischer Semikompetenz, lyrischer Fragwürdigkeit und dem über allem schwebenden Alkoholdunst. Es fühlt sich fast so an, als wäre das Naturell des Stammtischs auf CD gebannt worden. Und wer jemals einem Stammtisch in action zu nahe gekommen ist, weiß, dass das garantiert niemand braucht. Dementsprechend kann man auch um diesen glorreichen Live-Auftritt gerne einen großen Bogen machen. Am Ende könnte man zur Verteidigung der Wiener nur mehr verzweifelt anmerken: Man muss eben dabei gewesen sein! Gut, dass ich es nicht war...

 

Anspiel-Tipps:

- Wir San Auf Kana Kinderjausn

- Die Doppler-Affäre