AC/DC - Fly On The Wall

 

Fly On The Wall

 

AC/DC

Veröffentlichungsdatum: 28.06.1985

 

Rating: 3.5 / 10

von Kristoffer Leitgeb, 20.02.2021


Wie kann der Versuch, harten, dreckigen Rock zu bieten, so langweilig klingen?

 

Wenn es einem den Umständen entsprechend geht, geht es einem üblicherweise jetzt nicht unbedingt wirklich gut. Zumindest will es die Logik so, dass die Redewendung nur dann einigermaßen sinnvoll eingesetzt werden kann, wenn die Umstände nicht gerade das große Lebensglück begünstigen. Hier und da kann sich hinter diesen Worten zwar schon auch ein bisschen mangelndes Schuldbewusstsein verstecken, wenn denn ominöse Umstände für die eigene missliche Lage verantwortlich sind, aber manchmal kann man ja auch einfach wirklich nichts dafür. Wenn zum Beispiel der LKW nicht vor dem Zebrastreifen abgebremst hat, als man ihn überqueren wollte. Oder wenn der Koch im 3-Sterne-Restaurant versehentlich nicht das bestellte, zarte Kobe-Rind, sondern stattdessen das leicht grünliche Stückl Fleisch von hinten im Kühlschrank erwischt hat. Oder aber auch, wenn man musikalisch in den 70ern berühmt geworden ist, als dreckiger Hard Rock und Anflüge von Metal sich großer Beliebtheit erfreuten, und dann plötzlich ein neues Jahrzehnt daherkommt und dieses Genre mit Synthesizern, Produktionsexzessen und einigem anderem verunstaltet. Da kann man dann nichts machen gegen den Popularitätsverlust. Das heißt aber nicht, dass man ihm auch noch mit High Speed entgegenrasen muss.

 

AC/DC konnten oder wollten es aber offenbar nicht anders. Nachdem mit "Back In Black" und "For Those About To Rock We Salute You" zu Beginn des Jahrzehnts noch der kommerzielle Höhepunkt und erstmals die Spitze der US-Charts erreicht war, besann man sich auf die ureigenen Tugenden und wollte nach zunehmend geschliffener klingenden Rock-Hymnen wieder zur rohen, dreckigen, verschwitzten Form des Hard Rock zurückfinden. Und weil auf dem Gipfel des Erfolgs wohl auch das Selbstvertrauen ein bisschen zunimmt, hat man sich gesagt, dafür braucht es doch eigentlich gar keinen Produzenten, sondern wir machen das einfach selbst. Daraus wurde das kernige "Flick Of The Switch", das aber kaum jemand so wirklich mochte, und wenig später "Fly On The Wall", das wohl noch weniger mochten, auch wenn diesmal nur mehr die Gebrüder Young die Produktion regelten. Folgerichtig ist es bis heute ein bisschen ein Schandfleck und der Tiefpunkt eines raschen, aber alsbald auch wieder umgedrehten kommerziellen Abstiegs. Die Top 10 der Charts erreichte man zwar hier und da noch, insgesamt hat man sie allerdings eher mit gebotenem Respektabstand von draußen betrachten müssen.

Und es gibt beinahe absolut nichts an diesem Album, das nahelegen würde, dass sein schlechter Ruf ungerechtfertigt wäre. Alleine die Tatsache, dass Danger und damit ein Song, der so fad und schwach war, dass er das eigene Live-Publikum gelangweilt hat, zur Leadsingle erkoren wurde, sagt so ziemlich alles über die Schlagkraft und Qualität der versammelten Songs aus. Ein Ausbund an Ideenlosigkeit und mangelndem Nachdruck sind sie, frei von Esprit und Dynamik. Dafür besticht das versammelte Material nicht nur durch die ohnehin immer schon breit getretene stilistische Austauschbarkeit, die auch die zehnte LP der Australier an der Oberfläche exakt so wirken lässt wie jede andere davor, sondern auch durch ihren gleichermaßen gewollt unsauberen und doch unbequem glatten, charakterarmen Klang.

 

Irgendwo müssen ja auch die mitunter sehr weit auseinandergehenden Ratings herkommen bei all den LPs, die nach der Hochphase um 1980 veröffentlicht wurden und der etablierten Bandformel jedes Mal aufs Neue in einer Einförmigkeit folgten, dass es gleichermaßen faszinierend und ernüchternd ist. Ausschlaggebend sind die Kraft und Energie, die Angus Young, Brian Johnson und deren Kollegen ausdünsten, aber auch der Sound, der der ewiggleichen Formel verpasst wird. Fehlendem Paradigmenwechsel in der musikalischen Heimat zum Trotz lassen sich nämlich deutliche Unterschiede erkennen zwischen so etwas wie "Ballbreaker", "Black Ice" oder eben diesem Offenbarungseid hier. Vor diesem Hintergrund kann "Fly On The Wall" wohl ganz gut mit dem Titel als leblosestes aller AC/DC-Alben bedacht werden. Zwar weniger ermüdend und langweilig als das überlange "Black Ice", aber gleichzeitig gesegnet mit einem Mangel an wirklich zündenden Riffs und einer Übersättigung mit endlos wiederholten Refrains und Songtiteln.  So hat man allerspätestens mit dem jämmerlichen Hell Or High Water genug davon, Johnsons unveränderliches, inhaltsloses und die ewiggleichen paar Worte wiederholendes Gekrächze durchzustehen. Umso bemerkenswerter ist das, weil dessen Gesang sowieso schon untypisch und unvorteilhaft für die Band in den Hintergrund gedrängt und von den mehrstimmigen Backing Vocals und den irgendwie röhrenden, aber dann doch wieder lahmenden Riffs oft komplett überlagert wird. Zwar bewirkt das netterweise auch, dass man die oft miserablen Zeilen nicht mitbekommt, die da gesungen werden. Komplett am idealen Mix vorbei klingt aber trotzdem so ziemlich alles hier.

 

Die beiden einsamen Ausnahmen finden sich in Form des Titeltracks, der zwar als Opener ein eher lauwarmer Anreißer ist, aber mit den erfolgreich zusammengetragenen Grundtugenden der Band immerhin grundsolides Handwerk darstellt, und in Form von Sink The Pink. Der ist wiederum der einzige hier auffindbare Track, der es sich spürbar verdient hätte, etwas besser in Szene gesetzt zu werden, auch wenn der knackig-lockere Rocker selbst mit dem schwierigen Soundgemisch der LP wirklich frisch klingt. Jedenfalls fühlt man sich hier einmal doch an die guten, alten Tage der Band zurückerinnert und darf nicht nur das wuchtige Solo aus dem Hause Young genießen, sondern vor allem den einen, einsamen Refrain hier, der wirklich zum Mitsingen einlädt und das fast erzwingt.

Abseits davon regiert die biedere Fadesse. Oftmals äußert sie sich dahingehend, dass man den Riffs und sogar den generell wenig vorteilhaften Drums von Ersatzmann Simon Wright, der Phil Rudd nach dessen Rauswurf beerbt hatte, zu Beginn der Songs einiges abgewinne kann, sie einen aber zunehmend ermüden. Zu lasch und lahmend stampfen die Drums oft dahin, zu sehr nach Malen-nach-Zahlen klingen Youngs Gitarreneskapaden, die nur in Form verführerisch kraftvoller Soli positive Eindrücke hinterlassen. Abseits davon ist aber selbst von Angus hier wenig zu hören, das dem tödlichen Geruch von nur halb in der Mikrowelle wieder aufgewärmten Songs von anno dazumal entgeht.

 

Und weil dem so ist, gibt es tatsächlich so ziemlich keinen Grund, auf der Suche nach einem AC/DC- oder generell einem harten, dreckigen Rockalbum bei "Fly On The Wall" Halt zu machen. Was man hier erlebt, ist die müdeste und inspirationsärmste Form dieser Band, die man sich vorstellen kann. Und nicht nur das, denn ein Mangel an Ideen und deutliche Abzüge in puncto Energie und Durchschlagskraft gegenüber ihren besten Tagen konnte man bei den Australiern in den letzten bald 40 Jahren eigentlich immer diagnostizieren. Tatsächlich hat die Band aber an anderer Stelle gleichzeitig bewiesen, dass mit ein bisschen mehr Fokus auf die Details, ein bisschen mehr Gefühl für so etwas wie Dramaturgie und Spannung in ihren Songs und vor allem mit dem richtigen Kopf im Produzentensessel noch einiges aus der breit getretenen Masche herauszuholen ist. Mitte der 80er war nichts davon zu finden und somit ein erster Tiefpunkt erreicht, der in dieser unrühmlichen Form nie mehr wiederholt werden sollte.

 

Anspiel-Tipps:

- Fly On The Wall

- Sink The Pink


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