MusicManiac Top 10

MusicManiac Top 10 - Rammstein Songs

So lange, wie es mittlerweile her ist, dass ich erstmals mit Rammstein konfrontiert wurde und mich mit ihnen beschäftige, und so sehr, wie ich zumindest einen Teil ihrer Diskographie schätze, hätte eigentlich schon längst eine den Deutschen gewidmete Top 10 kommen können. Sie wäre auch bereits in Planung gewesen, wäre die Band nicht in der weniger großartigen Riege derer, die ihre Musik ähnlich ungern auf YouTube sehen wie Bob Dylan. Deswegen sind da so ziemlich keine Originalversionen von Songs, die nicht auch Singles waren, und deswegen macht eine entsprechende Liste nur sehr begrenzt Sinn. Aber die Zeit ist reif, vor allem auch wegen der Ankündigung, dass 2019 die Schaffenspause der Band durch ein neues Album beendet werden soll. Davor muss sie noch kommen, die eingehende Erläuterung, wann und warum denn Rammstein so großartig waren. Sogar mit fast allen Studioversionen als Anhörungsmaterial!

 

Erstellt am: 23.11.2018


10.

 

Der Meister

 

Herzeleid
1995

 

Ich bin erwiesenermaßen kein großer Verfechter der Theorie, dass die Deutschen in den 90ern am besten gewesen wären. Am härtesten wohl schon, aber zumindest auf dem Debüt definitiv auch am eintönigsten. Was nicht heißen soll, dass auf die LP verteilt nicht genug Abwechslung geboten worden wäre, die einzelnen Songs sind allerdings gerade dann der Monotonie verfallen, wenn sie eigentlich verdammt stark geklungen haben. Das ist auch der Grund, warum hier statt Asche Zu Asche nun Der Meister seinen Platz bekommt. Letzteres endet nicht mit einer Endlosschleife des Refrains, bringt aber gleichzeitig auf Riffebene eine ähnliche Härte mit und garniert das noch dazu mit einer Epik, die zwar Jahre später charakteristisch für das Sextett werden sollte, damals aber noch in ihren Kinderschuhen gesteckt ist. Hier aber, bei dieser doch dezent kitschigen Auseinandersetzung mit der Brutalität des einen Gottes, schwingt noch die unheilvolle Poesie mit, die in den ersten Jahren versucht wurde und die, zumindest in Verbindung mit der übersteigerten Dramatik des Sounds eine verdammt starke Wirkung entfaltet.

9.

 

Stripped

 

For The Masses
1998

 

An alle Depeche-Mode-Fans: Das soll keine versteckte Beleidigung sein. Und jetzt geht's scheißen! Das Rammstein-Cover sticht nämlich tatsächlich das Original aus, weil man zwar den Briten eine behändere Herangehensweise zugestehen muss, der düstere Blick auf die moderne, technologisierte Welt aber in der drückenden Atmosphäre der Rammstein-Riffs und mit dem tiefen Röhren von Till Lindemann besser zur Geltung kommt. Weg mit der musikalischen Romantik, her mit einer schleppenden Schwere, die speziell in Verbindung mit dem kontroversiellen Zusammenschnitt von Riefenstahl-Aufnahmen fürs Video kaum noch eine Entscheidung zulässt, ob jetzt die technische Kälte oder eher die radikale Rückkehr zur Natürlichkeit und zum "true self" das größere Grauen ist. Selbst wenn das nicht das Ziel gewesen sein sollte, bleibt einem auch ohne Bildmaterial eine Beklemmung, die sich am besten in der einsamen Dunkelheit genießen lässt.

8.

 

Spieluhr

 

Mutter
2001

 

Spieluhr verdeutlicht musikalisch die Weiterentwicklung in puncto Inszenierung der Texte. Unabhängig davon, dass jeder Ton, den "Flake" Lorenz aus seinem Keyboard herausholt, jede Stimmverzerrung und jeder Einsatz der Streicher in der kristallklaren Produktion von "Mutter" ideal zur Geltung kommt, auch Lindemanns markantes Organ und die kleine Horrorgeschichte, die zumindest diesen Song prägt, entfalten sich hier besser als im kruden, rauen Sound des Debüts oder den Industrial-Exzessen von "Sehnsucht." So oder so bekommt man einen Track, der zwar nie ganz klar macht, warum das aus dem Grab singende Kind eine unnatürlich verzerrte Stimme für den Refrain bekommen hat, aber in puncto Dramaturgie von Bandseite selten übertroffen wurde. Dabei wird auch überdeutlich, dass die ungemütlichen textlichen Ausflüge wie eben dieser mit dem kindlichen Scheintod diese Aura des Unwirtlichen längst vergangener Tage mit sich bringen.

7.

 

Sonne

 

Mutter
2001

 

Vitali, du Ei! Da schreibt einem eine Band einen epischen Headbanger als Entrysong für die Boxkämpfe und dann nimmt ihn der Klitschko einfach nicht. Zu hart, pah... Wem also Gitarren nicht zu hart sind, der möge sich an dem hymnisch orchestrierten, druckvollen Refrain ergötzen und gleichzeitig den harten Stop-and-Go-Riff drumherum anhimmeln. Natürlich kann er ihn auch langweilig finden, aber man kann angeblich auch Pistazieneis fad finden und das macht ja die Sorte nicht weniger grandios. Genauso wenig leidet dieser majestätische Song darunter, auch wenn die selbst für Stadionausmaße groß angelegte Soundkulisse so erdrückend wirkt, dass selbst das Charakterorgan am Mikro nur mehr sehr bedingt Akzente setzen kann.

6.

 

Mein Herz Brennt

 

Mutter
2001

 

WARNING: Extremely disturbing music video! Abseits davon ist dieser Song nur wärmstens zu empfehlen - also das Video schon auch, aber nur für die Hartgesottenen -, weil es der wohl beste Einsatz der Streicher ist, den die Band je hinbekommen hat. Der romantische Touch, den man damit zu Beginn erzeugt, sorgt in Verbindung mit Lindemanns gesetztem Gesang für Gänsehaut, die stärker und immer stärker wird, wenn sich zu den hellen Streichern die wuchtigen Drums und Gitarren gesellen und stimmlich ein Maximum an Nachdruck präsentiert wird. Das veranschaulicht die beeindruckende Qualität des ganzen Albums, gleichzeitig unfassbare Eingängigkeit und eine zündende, hookstarke Musik zu bieten, mit der aber gleichzeitig dramatische und beklemmende Atmosphäre zu generieren und durch meinetwegen simple, aber effektive Texte zu verstärken. Das ist die Vollendung der Bandformel, die sich hier ausdrückt wie in wenigen anderen Songs.

5.

 

Hallelujah

 

Mutter
2001

 

Hiermit zur einzigen Nicht-Studioversion, die ich leider verlinken muss. Halleluja(h) ist allerdings zu gut, um deswegen außen vor gelassen zu werden. Zwar streitet man sich beharrlich über die Schreibweise, auch weil es zwei Versionen des Songs gibt, wobei nur eine als Bonustrack der dritten LP veröffentlicht wurde. Wer so nebenbei an dieser Stelle zu dem Fazit kommt, dass da einfach zu viele "Mutter"-Tracks sind, hat einerseits recht. Andererseits ist die albumtechnische Eintönigkeit wohlbegründet. In diesem Falle damit, dass sich die Kritik an den Pädophilie-Anhäufungen in der katholischen Kirche betont direkt und unverblümt gibt, gleichzeitig aber als Erzählung aus der Sicht des Geistlichen nicht mit allerlei Anspielungen auf die vermeintliche Frömmigkeit und Göttesfurcht spart. Umgeben von röhrenden Gitarren ist die Sache zwar unkompliziert aufgebaut, damit aber umso effektiver.

4.

 

Amour

 

Reise, Reise
2004

 

Endlich mal Balladen-Potenzial. Amour ist zwar kein Ohne Dich und dementsprechend kein orchestrierter Koloss, allerdings mit den spröden Gitarrenakkorden, die den Großteil des Songs fast allein ausmachen, umso karger und zurückhaltender. Die gemächlichen Drums und sporadische, Keyboardeinsätze ändern daran wenig bis gar nichts und stören vor allem Lindemanns vereinnahmenden Sprechgesang nicht, der einen durch die Strophen und hin zum wiederum groß angelegten Refrain, der zur Ode an das wilde Tier Liebe gerät. Tatsächlich braucht man nicht mehr Worte darüber zu verlieren, die eingefangene Emotion in dem Song überzeugt ganz von allein.

3.

 

Adios

 

Mutter
2001

 

Und schnell zurück zur Härte, womöglich überhaupt gleich der härtesten Härte der postmillennialen Arbeit der Deutschen. Adios ist unerbittlich, marschiert nach dem hohen, einer dampfenden Teekanne gleichenden Piepsen drauf los und gibt keinen Zentimeter mehr nach. Military Drums und also die malträtierte Snare dominieren das Geschehen genauso wie der rauf und runter gespielte, geniale Riff, der sich nur kurzzeitig im Pre-Chorus verliert, das allerdings durch Richard Kruspes besten Moment im Solo wieder wett macht. Betreffend Arrangement braucht man dabei keine Finessen erwarten, kann aber gleichzeitig darauf bauen, dass sich die undurchdringliche Wucht als ideales Fundament für die verqueren Metaphern und allzu plastischen Zeilen über den Goldenen Schuss erweisen.

2.

 

Moskau

 

Reise, Reise
2004

 

Ja, natürlich, irgendwie ist sie schon dämlich, diese Huldigung. Aber der russischen Hauptstadt darf durchaus gehuldigt werden, wenn man sie mit einer alten Prostituierten vergleicht, das Keyboard zum Akkordeon umfunktioniert, ein paar Russinnen mitsingen lässt und schlicht ein Feuerwerk zu Ehren der Stadt anzündet. All das passiert und insofern darf man Moskau genießen, weil es einfach extrem cool ist, wie man sich da textlich mit der Prostituierten-Metapher spielt und noch dazu diesen dumpfen Refrain so gestaltet, dass man fast nicht nicht mitsingen kann.

1.

 

Ich Will

 

Mutter
2001

 

Die Frage nach dem Warum ist berechtigt, entbehrt aber einer wirklich zufriedenstellenden Antwort. Befürchte ich zumindest. Ich Will ist jetzt nicht unbedingt der Gipfel der Rammstein'schen Kreativität. Es ist nicht einmal als solcher gedacht, sondern soll einfach nur die mitgrölenden Fans bei diversen Konzerten verarschen. Dass es trotzdem oder gerade deswegen zu einem Fanfavoriten auch und vor allem bei Konzerten geworden ist, ist Ironie des Schicksals. Andererseits hätte es die Band gern anders haben können, wäre der Song nicht eine Vermählung eines unwiderstehlichen Riffs und eines genauso unwiderstehlichen Refrains, dessen simple Zeilen man mitsingen muss. Noch dazu sind der dahintrabende Bass, die beinahe inaktiven Drums und Lorenz' banaler Synth-Loop so musikalisch so mager, dass die Strophen dadurch fast zur alleinigen Show von Lindemann werden, während gleichzeitig nie der Antrieb verloren geht und der stetige Aufbau hin zum dröhnenden Ausbruch im Refrain umso heftiger wirkt. Besser wird es einfach nicht, wenn man die Alben der Band durchforstet.

Schlusswort:

Mir ist jetzt wurscht, ob das nicht jedermanns Band ist. Rammstein rocken! Nicht immer und wer die Reviews ihrer Alben gelesen hat, weiß, dass ich kein kritikloser Verehrer der Band bin. Aber die hatten so eine Phase, in der sie beinahe fehlerfrei durchgepflügt sind durch ihre Alben und einen genialen Song nach dem anderen dort platziert haben. Dementsprechend ist hier der Platz für eine kleine Verbeugung vor dem deutschen Sextett, das wohl nicht viel mehr wollte, als ein bisschen schocken und damit Erfolg haben, dann aber so viel mehr daraus gemacht hat. Gleichzeitig ein vergossenes Tränchen für Links 2 3 4, das eigentlich allein wegen des Videos auch einen Platz hier verdient hätte, aber dann doch zu viel der "Mutter"-Anbetung gewesen wäre. Insofern passt das schon so und es wäre auch endlich die Rammstein-Top-10 geschrieben, wenn es auch ein Tüfteln und Suchen war, um tatsächlich zu den Studioversionen zu kommen. Dahingehend eine Entschuldigung wegen mancher Videoinhalte, ich hatte großteils keine andere Wahl.

 

Kristoffer Leitgeb, für alle ohne entsprechende Genehmigung einfach nur "Der Meister"