MusicManiac Top 10

MusicManiac Top 10 - Die schlechtesten Fußball-Songs

Es scheint ja derzeit so ein Fußball-Event im Gange zu sein. Und Österreich ist tatsächlich qualifiziert, was für die Jüngeren unter uns ein absolutes Novum darstellt, immerhin wurde das letzte Mal vor bald 20 Jahren eine Endrunde auf sportlichem Wege erreicht. Während dabei viele Enthusiasmierte in Stadien oder beim Public Viewing jubeln und Freunde fürs Leben finden, an die sie sich dank etabliertem Promill-Wert am nächsten Tag nicht mehr erinnern können, haben Musikfreunde jedes Mal wieder zu leiden. Ob WM, EM oder einfach zwischendurch, der Fußball schafft es durch sein Eindringen in die Musikwelt immer aufs Neue, einem das Fremdschämen nahezulegen. Von höchster Stelle abgesegneter kommerzieller Müll, Mitgröl-Hymnen mit Oktoberfest-Beigeschmack oder peinliche Fußballer-Ausflüge. Ob nun lächerlich oder doch eher grausam, es warten die beeindruckendsten Untaten auf dem Felde der ballesterischen Musik.

 

P.S: Die Auswahl ist eingeschränkt auf Songs, die entweder offiziellen Charakter haben oder aber einigermaßen Bekanntheit vorweisen können. Ansonsten wäre die Liste übervoll mit amateurhaften und grauenvollen Ballermann-Momenten.

 

erstellt am: 11.06.2016


 

10.

 

Fackeln Im Wind

 

Bushido & Kay-One

2010

Die letzten paar Jahre dürften in Deutschland eine wahre Unzahl an Songs zu Welt- oder Europameisterschaften hervorgebracht haben. Ob aus den YouTube-Untiefen oder von etablierten Künstler mit Hit-Garantie, Dutzende Tracks warten da. Ein paar - wie das unsägliche Auf Uns - haben ja mit Fußball nichts am Hut, aber Bushido und Kay-One sind wenigstens so weit, tatsächlich auf den Sport Bezug zu nehmen. Dürfte aber trotz Top 10-Platz die einzige Leistung des Songs sein, ansonsten mutiert einer der wenigen Hip-Hop-Momente im Fußball nämlich zu einer peinlichen Katastrophe. Grässliche Lyrics irgendwo zwischen patriotischem Geschwafel und lachhaften Stehsätzen, dazu eine musikalische Unterlage, die für die Outtakes von Eminems "Encore" zu billig gewesen wäre. Oh, natürlich, Bushido rappt auch miserabel. Aber wenigstens ein bisserl "Ole, ole, ole" hat man eingestreut...

 

K: Bei den üblichen textlichen Künsten des deutschen Rap ist es wenig verwunderlich, dass auch beim Lieblingssport des Landes nichts zu holen ist. Würde ein 14-Jähriger solche Rhymes schreiben, es wäre zu verschmerzen. Würde ein Gehörloser so miese Keys einspielen, es wäre erklärbar. Ansonsten ist das äußerst schmerzhaft, diesen Stümpern zuzuhören.

M: Eigentlich eine dankbare Angelegenheit, eine Liste mit Anspruch, die größten musikalischen Verbrechen an den Pranger zu stellen, mit fiesem Deutschrap zu eröffnen. Was soll man aber machen, wenn die sich - ohnedies schon in keiner Lebenslage in irgendeiner Form erwünscht - auch noch daran machen, das unschuldige Fußballschiff kapern wollen. Und dann noch Bushido... Yo Deutschland, holt die Fahnen raus!


 

9.

 

Wavin' Flag

 

K'naan

2010

Eigentlich hat er ja ein bisserl Pech, der K'naan, dass sein Song von Coca-Cola zu ihrem WM-Song auserkoren wurde. Warum die Zuckerwasser-Hersteller überhaupt einen solchen brauchen, weiß keiner. Auf jeden Fall haben die einen Flüchtlingssong genommen und ihn zur süßlichen Hymne für ein globales Miteinander gemacht. Wie kitschig und unkreativ man damit unterwegs ist, legt schon die Eröffnung dar. Mittlerweile gilt: Ein WM-Song muss mit unnötiger Latin-, Rumba-, Reggae- oder afrikanischen Percussion beginnen, ansonsten ist er keiner. Das allein ist noch kein Achsbruch. Dass einem dann aber dieses gekünstelte Pseudo-Afrikanische musikalisch um die Ohren gehaut wird und dieser Mann als Solist so klingt wie der grausamste Gospel-Chor, ist nicht wieder gut zu machen. Was übrigens trotzdem nicht an den unterschwellig nationalistischen, an der Oberfläche aber schlicht hirnlosen Refrain heranreicht: "When I get older, I will be stronger / They'll call me freedom, just like a wavin' flag"

Bitte wie?!

 

M: Wann immer sich die einleitenden Woo-Hoo-Chants, der bis zur Unerträglichkeit bemühte Reggae-Gesang oder die auf keine Kuhhaut gehenden pathetischen Zeilen auch nur in unmittelbare Entfernung der Hörorgane begeben, ist die logische Reaktion nicht mehr abzuwenden. Trockener Mund, kalter Schweiß und die Fußnägel packen die 360° Drehung. Es sind tatsächlich knappe 4 Minuten, die einem das Colatrinken im Nu abgewöhnen können... oder die Liebe zum Fußball. Vorsicht sei geboten!

K: Ich muss mich ja outen als der Mensch, der Waka Waka wirklich gut findet. Als einziger vielleicht. Kann aber auch nur damit zu tun haben, dass 2010 ein anderer für den Moment des Grauens gesorgt hat. Dieses Harmonie-Gedudel, dieses Fistel-Stimmchen, diese miese Wohlfühl-Hymne für alle die, die glauben, der Fußball wird schon irgendwann für den Weltfrieden sorgen. Da hab ich doch lieber den nächstbesten inhaltlosen Shakira-Hit.


 

8.

 

Can You Hear Me

 

Enrique Iglesias

2008

In Europa hat man das mit den Songs noch nicht so ganz hinbekommen. Nicht nur, dass man sich ganz gerne Leute sucht, die schon lange nichts mehr verkaufen, es denkt auch kaum einer daran, dass der Song für eine EM geschrieben wird. Oder entdeckt irgendwer in David Guettas neuem Track eine Spur von Fußball? Die absolut schlimmste dieser Sünden wartete 2008, gerade bei "unserer" EM und aus gutem Grund kann sich genau kein Schwein daran erinnern. Enrique Iglesias, ernsthaft? Warum, ist er zufällig Schweizer, ohne dass es irgendwer weiß? Und dann kommt da diese achtklassige Version eines Timberlake-Songs mit noch nicht einmal fadenscheinigem Sport-Bezug daher. Schlecht gesungen, mit so banalem Beat, dass er fast wieder lustig ist, und nichts, was Stimmung oder Emotion vermitteln könnte. Vielleicht ist das der Grund, warum nur Nelly Furtado 2004 halbwegs einen Hit gelandet hat, als sie die Euro in Portugal einsingen durfte. Ansonsten ist da so ziemlich gähnende Leere, genauso wie im Song.

 

K: Allein den Namen Enrique Iglesias in Verbindung mit einem EM-Song zu lesen, tut schon ein bissl weh. Dann aber mitzubekommen, dass das einfach irgendein hundsmiserabler Dance-Track ist, erstellt wahrscheinlich von einem Fünfjährigen am Mischpult, tut ECHT weh. Da werden die Begriffe fad und billig einfach so reibungslos verbunden, dass nichts Gutes überbleibt. Übrigens ein Hoch auf den Thumbnail, der gibt so richtig die Essenz des Videos wieder.

M: Der Quotenlatino als Sinnbild für die notorische Wortkargheit, die sowohl Kicker als auch jene, die den Kickern euphorisch auf die Beine schauen und sich schon bei den letzten sieben Frisuren von Cristiano Ronaldo beeinflussen ließen, auszeichnet. Im Gepäck, neben beeindruckendem Innovationsgeist und stimmlicher Brillanz, jenes Kleinod, das Fußballevents und den Eurovision Songcontest wieder ein Stückchen näher zusammenführen konnte: Europop. Aber hey, hauptsache Party!


 

7.

 

Toni, Lass Es Polstern

 

Toni Polster & Die Fabulösen Thekenschlampen

1997

Natürlich gehört angemerkt, es gibt mehr als nur diesen Fußball-Dolm, der sich ins Studio hat drängen lassen. Hans Krankl, Franz Beckenbauer, Slaven Bilic (wobei der ja generell Musiker ist) und als altgedientes, unrühmliches Beispiel Gerd Müller mit seinem Dann Macht Es Bumm. Aber Toni Polster, dieser Mann, der einen schon beim Reden einschläfert und gefühlte fünf Fehler pro Satz einbaut. Gut, musikalische Damen sollen ihm helfen. Jetzt nennen sich die schon "Fabulöse Thekenschlampen"... Dementsprechend ist auch das Ergebnis. Vielleicht ließe sich mit den Gitarren irgendwas anfangen, wenn man nicht komplette Vollidioten darüber singen lassen würde. Passiert leider, was Polster allein deswegen in Schwierigkeiten bringt, weil er noch nicht einmal den Ton trifft, in dem er normalerweise redet. Nebenbei ergießen sich Zeilen vor einem, die nicht nur im Hinblick auf des Stürmers Stehfußball lächerlich wirken - "Ja, Wiener Walzer tanz ich mit dem Ball", klar -, sondern auch sonst als einziges großes Verbrechen dastehen. "Schlampen trinken Sechserpack", wenn das so ist, meine Damen, schlafts wenigstens den Rausch aus.

 

M: Als erzkonservativer Rapidler sieht sich der Kollege natürlich in der Pflicht, des violetten Maestros visionäres Art-Pop-Wunder im Zuge einer persönlichen Vendetta in den Dreck zu ziehen. Als Toni Polster und seine legendären Thekenschlampen 1997 den Globus eroberten, schienen sich plötzlich wieder Sonnenstrahlen im pessimistischen 90s-Wolkenhimmel aufzutun. Eine gute Zeit, ein besserer Schwips...

K: Hat tatsächlich wenig mit der guten alten Wiener Feindschaft zwischen Grün und Violett zu tun. Mittlerweile sind mir diese Leute, die auf ein bissl Rasen um einen Ball kämpfen, so egal, die Fans noch viel mehr. Da darf jeder machen, was er will. Außer es kommt ein sexistischer und klanglich grausamer Dreieinhalbminüter heraus. Toni Polster, diese Verkörperung des stumpfen, seichten Fußballer-Klischees. Der am Mikro und diese lächerlichen Weiber dazu, da demolieren einem selbst die Besoffensten die Lautsprecher.


 

6.

 

Together Now

 

Jean Michel Jarre & Tetsuya Komuro

1998

Es war WM in Frankreich und weil man damals noch nicht einfach den nächstbesten "exotischen" Weltstar herankarrte, hat man in der Heimat nach einem Musiker gesucht, der zwar kreativ, aber doch nicht zu bekannt war. Fündig wurde man bei Jean Michel Jarre, der Mitte der 70er noch Elektronik-Pionier war, 20 Jahre später aber den Großteil seines Esprits schon abgegeben hatte. Vielleicht hat er sich deswegen einen Japaner geholt, der gerade am Höhepunkt war. Die beiden zimmerten ein Trance-artiges Gebilde mit merkwürdigen Pop- und quasi-Klassik-Elementen. Null Bezug zu Fußball, nicht den allergeringsten. Und der Mensch, dem das ins Ohr geht, muss erst gefunden werden. Es bleibt die Vermutung, dass der ein oder andere Rave gute Verwendung fand für den Track. Der Rest der Welt kam berechtigterweise ohne ihn aus, auch weil keiner glauben könnte, dass der für eine WM geschrieben wurde. So wüst zusammengesetzt, wie das Ding ist, hätte es ohnehin in keinem Stadion gespielt werden dürfen.

 

K: Die Gedanken aller Beteiligten sind ein einziges Mysterium. Die FIFA hat den Song abgesegnet? Jarre hat DAS für eine WM geschrieben? Komuro hat sich dafür hergegeben? Muss wohl so sein. Im fußballerischen Kontext ist das Ding sowieso eine Frechheit, beeindruckend ist aber, wie schlecht diese grässlichen Elektronik-Fetzen generell sind. Da passt kein Teil zum anderen.

M: Fetter Beat, bro! Lange schon bevor Guetta und Konsorten die Fußballwelt mit ihren Mischpulten fest in den Griffeln hatten, vermochten Elektronikaficionados auf ihre Kosten zu kommen - zumindest ein einziges, unvergessliches Mal. Und wenn vergessene Pioniere erneut auf japanische House-Banger treffen, dazu ein aufstrebendes Pop-Früchtchen trällert und alles in ein quälendes Techno-Geballer mündet, dann wird wohl wieder munter gekickt...


 

5.

 

Love Generation

 

Bob Sinclar & Gary Pine

2005

Es sollte ein "Fest bei Freunden" werden, 2006. Ist es eigentlich auch geworden, sofern man der Idee glauben schenkt, dass die Deutschen irgendwo als Freunde bezeichnet würden. Musikalisch war die WM durchwachsen unterwegs. Die grandiose Fadesse von Il Divo als Hymne auserkoren, auf der anderen Seite von Herbert Grönemeyer den vielleicht stimmigsten WM-Song seit den 60ern serviert bekommen. Und dann war da noch der hier. Die Verbindung vom komplett unbekannten Franzosen Sinclar zu Deutschland, Fußball oder sonst irgendwas war bis dahin nicht bekannt, aber gut. Durch ihn bekam wenigstens Goleo, das grässlichste Maskottchen aller Zeiten, ein Liedchen spendiert. Und was für eines. Die Krönung des zum Speiben zuckrigen Harmonie-Gedudels, so totgespielt, dass selbst Waka Waka noch frisch wirkt dagegen. Jahre später wirkt der Track irritierend locker und abgespeckt für das, was man Dance nennt. Blöderweise ist er noch immer so zermürbend auf harmoniesüchtigen Sommerhit getrimmt, dass man ihn nur schwer mögen kann.

 

M: Wie sehr das Pendel der souverän ausgelebten Beiläufigkeit in Bezug auf musikalische Kinkerlitzchen aus dem Formatradio zugunsten von loderndem Hass umschwenken kann, lässt sich erst ansatzweise nachvollziehen, wenn man 2006 dabei war, als Teil der sorgenfreien Love Generation. Ein langer Satz zwar, der dem substanzlosen Mumpitz von Goleos Theme-Song indes nicht ansatzweise gerecht wird. Ein besseres Verständnis erleichtert er aber in jedem Fall. From Jamaica to the world, it's just love.

K: Ich hab oft weniger als der Rest der Menschheit gegen diese der Welt aufgezwungenen Sommerhits, wann immer ein globales Sportevent ansteht. Meistens gehen die an einem vorbei. Nicht so Love Generation. Diese alles zerfressende Eingängigkeit im Format des vollkommen kantenlosen Quoten-Pop, ein Albtraum. Es zwickt einen überall, wenn einem diese Jack Johnson-Gitarren und das unsägliche Background-Gedudel entgegenkommen. Tatsächlich geht es noch weit schlimmer - was für sich schon bedenklich ist -, aber öfter als einmal erträgt man den Song echt nicht. Eigentlich wird sogar das schwierig.


 

4.

 

Mexico Mi Amor

 

Deutsche Nationalmannschaft & Peter Alexander

1986

Die Deutschen, sie konnten nicht einmal ihre Fußballer in Ruhe lassen. Seit 1974 Fußball Ist Unser Leben einigermaßen ansprechend geklungen hatte, musste noch bei jeder WM gemeinsam gesungen werden. Immer skurriler wurden die Auftritte, bis man allen Ernstes Peter Alexander auf die Mannschaft losgelassen hat. Ein höllisch romantisierender Schlager war das Ergebnis. Und der zieht einem das Gesicht zusammen, dass selbst Zitronen sich wundern würden. Streicher, Bläser, Dodl-Gitarre, ein Schunkel-Stück des Grauens, befeuert von Alexanders penetrantem Organ, das zum Fußball passt wie der Ofen ins Bad. Dass die Mannen dahinter halbwegs mitsingen, ist dann nur mehr die Spitze eines Eisbergs, an dem alles zerschellt.

Unfassbares Detail am Rande: Peter Alexander hat sich zur gleichem WM auch zu einem Rap hinreißen lassen, der quasi Falco imitiert, und der klingt 100 Mal besser als das hier.

 

K: Legende hin oder her, das ist eine unpackbare Alexander'sche Untat. Sowas Langweiliges, Schwülstiges, Kitschiges und musikalisch Ungenießbares überhaupt zu schreiben, macht schon betroffen. Es einzuspielen ist schlicht Folter. Wer hätte da gedacht, dass der WM-Song von Michael Schanze vier Jahre vorher irgendwann mal wirklich gut wirkt...

M: Im Westen nichts Neues? Unsinn! Während die Popmusik einige hundert Kilometer in diese Himmelsrichtung vom Punk in ein neues Zeitalter gekickt wurde, wähnte man sich im heimatlichen Deutschland in lieblichen Schlagertönen. Diese Worte allein reichen mitunter, die widerwärtigste Kollaboration zwischen Kickern und Koryphäen der Volksmusik zu verdammen, reinhören lohnt sich trotzdem.


 

3.

 

Schwarz & Weiß

 

Oliver Pocher

2006

Was offensichtlich bei ballfokussierten Großereignissen besonders beliebt ist, sind Leute ohne jegliches Gesangstalent, die eben doch einmal zum Mikro greifen, um was zum Grölen aufzunehmen. Raab hat es gemacht - aber wenigstens mit Humor -, die Sportfreunde Stiller haben immer wieder zugeschlagen - aber wenigstens halbwegs hörbar. Oliver Pocher hat weder Humor, noch ist sein Auftritt etwas, das man sich ohne physische Probleme anhören kann. Vielleicht sollte es nur Hilfe sein für all jene deutschen Fans, die auch bei fünf Promill noch eine Mitsing-Gelegenheit brauchen. Dass die deutschen Trikots schwarz und weiß sind, sehen selbst die. In Wahrheit also prädestiniert für die Piefken-Stadien, andererseits will einem so nicht und nicht einleuchten, warum die Zeilen drumherum so grottig sind und warum man überhaupt eine solche Hymne braucht, die nach miesestem Schlager klingt, ohne es sein zu wollen. Es gibt genug bessere Alternativen, sogar Mexico Mi Amor...

 

M: Der wohl erfüllendste Moment im Zuge dieser Aufarbeitung, den in jeglicher Hinsicht witzlosen Klamauk des Nachbarns farblosestem Komiker aufs Treppchen heben zu dürfen. Bis zum heutigen Tag verfolgt mich das peinliche Gegröle, nach wie vor haben mein Therapeutenteam und ich alle Hände voll zu tun, wenn irgendwo in der Ferne ertönt: Auf den Rängen schallt es im Chor, Deutschland vor! Brrrrr....

K: Die deutsche Komik hat viele ungute Gesichter hervorgebracht und Oliver Pocher lässt keine Zweifel daran aufkommen, dass er da dazugehören will. Damals, 2006, hat er schon einiges genau dafür getan. Man könnte ja glauben, er hat es nur gemacht, damit die Sportfreunde Stiller daneben besser klingen, denn diesen "Sprechgesang" und die stupiden Zeilen, kulminierend in diesen eloquenten Farbenspielereien im Refrain, verteidigt kein Anwalt erfolgreich. Weswegen sich Pocher glücklich schätzen kann, dass er in Deutschland sitzt, andernorts müsste er sich wegen dieses Eiseskälte verursachenden Machwerks vor Gericht verantworten und um sein Leben bangen.


 

2.

 

Wir Trinken Auf Rapid

 

Alkbottle

1999

Alkbottle sind ja hier bei uns sehr beliebt, so viel dürfte schon bekannt sein. Jetzt ist Roman Gregory ein ausgewiesener Erz-Rapidler und die Rapidler wiederum haben musikalisch so wenig Ansprüche, dass sie auch zu einem Presslufthammer mitgrölen könnten. Dass beides also zum 100-jährigen Jubiläum zusammenfand - zum ersten, nicht zum letzten Mal -, ist sozusagen nur logisch. Dass bei dem Titel die Qualität kein Wesensmerkmal, aber wohl auch kein Ziel war, ergibt sich ebenso von selbst. In anderen Worten: Der Song ist grausam. Wirklich unfassbar schlecht und selbst für die ohnehin bescheiden tief liegende Latte der Wiener Rocker eine fast bodenlose Frechheit. Vielleicht erschließt sich einem die ganze Schwere dieses Verbrechens erst in Kombination mit dem lächerlichen Video, allerdings bringt das Akustische schon genug Argumente gegen das Wienerische Naturell und vor allem gegen Gregory als Texter vor. Dass der Zuschauerschnitt Rapids im Zuge dieses Songs nicht drastisch gesunken ist, ist eigentlich ein Phänomen für sich.

 

M: Selbst im auf ungute Art und Weise beeindruckenden Sammelsurium an klangvollen Grausamkeiten führen Alkbottle an der Hand ins geheime Hinterzimmer, das noch nicht einmal den kühnsten Masochisten geläufig scheint. Kurzum: Die Ode an den herrlichsten Klub Hütteldorfs lässt sich nur schwerlich als Song identifizieren. Eine rotzige Gitarre dröhnt zwar und auch so etwas wie eine Stimme erkennt man bei fokussiertem Lauschen, von Musik ist man damit aber genauso weit weg wie Steffen Hofmann vom Fußballgott.

K: Nicht so stürmisch, Kollege. Ich habe da eine Erklärung parat: Möglicherweise ist dieses musikalische Ungetüm in Bandform nur ein sehr soziales Projekt. Denn wer sonst als die Bottle-Buam könnte mit Musik so viel dafür tun, dass sich Leute angewidert vom Alkohol abwenden? Ok, etwas optimistisch, aber immerhin ist Roman Gregory auch der beste Grund für mich, den Wiener Dialekt vielleicht doch bald einmal einzumotten. Wenn sowas dabei rauskommt, red ma lieber anders. Andererseits kann der Dialekt nichts dafür, sind schon Gregory und die anderen Witzfiguren daran schuld, dass ein musikalischer Kniefall vor Rapid für nichts gut ist als musikalische Folter und Sauf-Entwöhnung.


 

1.

 

Everybody's Going To The U.S.A.

 

Deutsche Nationalmannschaft & 4 Reeves

1994

Es gehört gesagt: Deutschland-Bashing war nicht das Ziel dieser Liste! Aber was die aufgeführt haben und bis heute aufführen, es ist teilweise unfassbar. Dass überhaupt noch was an Peter Alexander heran- und vorbeikommt, ist schon phänomenal, aber dieser Song, er ist eigentlich Gold wert. Es gab anscheinend damals eine erfolglose Hip-Hop-Kombo namens 4 Reeves, die man ziemlich sicher nur deswegen ausgesucht hat, weil die WM zufällig in den USA war. Was passt da besser als ein kleiner Rap? Man kann wahrscheinlich gefahrlos sein Vermögen darauf verwetten, dass damals kein einziger Deutscher darauf gewartet hat, Lothar Matthäus einen Zweizeiler "rappen" zu hören. Peinlicher sind allerdings tatsächlich die vier Dodln davor, die nicht nur herumwackeln wie Geistesgestörte, sondern ein paar so grottige Zeilen zusammenstammeln, dass sie niemand absichtlich so schlecht schreiben könnte.

Unfassbares Detail am Rande: Die Deutschen dürften, im Wissen um die Peinlichkeit des Songs, gleich zwei Songs eingeplant haben. Blöderweise war der andere der mit den Village People, der tatsächlich um Längen besser ist, aber auch negativ in die Geschichte eingehen sollte.

 

K: Ich kannte es bisher nicht, muss ich sagen. Die reichhaltigen Recherchen zum Thema haben diese relative Rarität zu Tage gefördert und wir alle müssen dafür dankbar sein. Jeder dürfte sofort erkennen, warum es nach 1994 nie mehr eine singende Nationalmannschaft gab. Dass die in den 90ern noch immer nicht so weit waren, einfach Nein zu sagen, wenn es an den Auftritt ging, ist schräg. Hoffentlich hat es keinem von denen gefallen.

M: Ein verdienter Sieger, auf den man sich im Hause MusicManiac ohne Probleme einigen konnte. Dort, wo sich Nickelback und die Black Eyed Peas gegenseitig die Ohren zuhalten und selbst Oli Pocher hinterherhechelt, können auch nur Gewinner zuhause sein. Und obwohl für die Deutschen bereits im Viertelfinale Schluss war, haben die Mannen von Berti Vogts dafür gesorgt, dass sie zumindest in einer Disziplin die Goldmedaille einheimsen konnten. Das Verfahren in der Anklage "Verbrechen gegen die Menschlichkeit" soll 2018 übrigens wieder aufgenommen werden...


Schlusswort:

Welch lohnend Ausflug durch die Welt (angeblich) sportlicher Beschallung! Sollte im Zuge dieser Top 10 irgendjemand chronische oder auch nur temporäre körperliche Schäden davongetragen haben, sei eines klargestellt: Wir haften nicht dafür. In Anbetracht dessen, was es alles nicht in die Liste geschafft hat, waren wir eh gnädig. Denn der eine hätte sehr gerne den immer kläffenden Pitbull reingepackt, weil er 2014 Hauptschuldiger an We Are One war. Der andere wollte eigentlich die unfassbare melodramatische Fadesse eines Simply Red-Auftritts für die EM 1996 inkludieren. Auch daraus wurde nichts, die beiden individuellen Rankings ließen es nicht zu. Auch egal, die ersten drei sind mehr als würdig.

Also nicht als Fußball-Song, weswegen wir uns doch noch mit einem der wenigen wirklich guten Momente verabschieden werden, auf dass aufgerissene Wunden geheilt werden.

 

Kristoffer Leitgeb & Mathias Haden, irgendwie schon auch fußballinteressiert...