Yeah Yeah Yeahs - It's Blitz!

 

It's Blitz!

 

Yeah Yeah Yeahs

Veröffentlichungsdatum: 06.03.2009

 

Rating: 7 / 10

von Mathias Haden, 15.11.2017


Synthetischer Tapetenwechsel als beinahe 180 Grad-Wende.

 

Man durfte getrost überrascht sein, als im Juni Gerüchte die Runde machten, die Yeah Yeah Yeahs aus New York wären zurück auf der musikalischen Landkarte - was das Trio schließlich selbst mit entsprechender Ankündigung untermalte. Zwar wurden mit dem letzten Album Mosquito 2013 zum ersten Mal auch die US-Top 10 geknackt, doch schienen die 10er Jahre für Karen O, Nick Zinner und Brian Chase eher zur ruhigen Kugel zu werden. Weniger für O persönlich, die hatte nämlich mit etlichen kleinen Nebenprojekten, Gastauftritten und einer blutarmen kleinen Lo-Fi-Soloplatte alle Hände voll zu tun, aber für die Zukunft der einstigen Vorreiter der Garage-Szene schienen die Zeichen nicht zuletzt deswegen tatsächlich auf baldige, amikale Trennung. Was auch immer die kommenden Jahren für die Yeah Yeah Yeahs und uns als Hörer bringen werden, man darf zumindest skeptisch sein, dass die Band wieder zu jener kreativen Konstanz zurückfindet, die ihr während der letzten Dekade so treu zur Seite gestanden war und die auch das 2009 veröffentlichte It's Blitz! säumt.

 

Auf der okkupieren die US-Amerikaner vor allem eines: Elektronische Klanglandschaften. So findet man bereits auf Opener Zero, gleichermaßen Lead-Single und einer der stärksten Cuts der LP, Zinner ungleich beschäftigter mit den Tasten als mit seiner gewohnt pointierten Gitarrenarbeit. Manche mögen an dieser Stelle die Nase rümpfen und einwerfen, dass jedes 80s-Synthpop-Gedächtnisstück der besseren und eingängigeren Art mit derselben simplen Erfolgsformel arbeitet - doch muss ich darauf verweisen, dass diese in der Regel nicht den entwaffnenden Charme einer Karen O am Mikro besitzen und so sphärisch dröhnen. Auch die folgende Single Heads Will Roll reitet auf der selben Welle voran, tauscht die ehemals dissonanten Gitarrenriffs, die sich hier immerhin noch relativ einfach im Klangbild identifizieren lassen, gegen einen drückenden Beat und dringliche Tanz-Aufforderungen aus dem Munde der Queen of Hearts herself:

 

"Off with your head, dance 'til you're dead
Heads will roll, heads will roll, heads will roll on the floor"

 

Generell evoziert dieser Aufbruch in bemüht tanzbare Gefilde nicht immer positive Gefühle. Besonders Dragon Queen gilt als einer der unbeliebtesten Tracks im Bandrepertoire. Das löst bei mir zwar Unverständnis aus, ist der an New Wave-Bands wie Tom Tom Club angelehnte, auf einem lässigen Groove aufbauende Sound über die volle Laufzeit zwar etwas monoton, beschert dem Album aber auch ein paar zusätzliche Farbtupfer.

 

Besser machen es aber trotzdem jene Nummern, gerne auch etwas ruhiger, die im Kern an die vorangegangenen Alben erinnern, gleichzeitig aber mutig synthetisches Neuland beschreiten. Wie Soft Shock, das inmitten klirrender Soundwände unbeeindruckt voranschreitet, auf dem Weg gerne aber auch eine etwas packendere Hook aufgreifen hätte können. Oder Skeletons, das in entschlackter Form auch auf den beiden vorangegangenen Alben sicher kein Fremdkörper gewesen wäre, aber ebenfalls ein wenig jene catchiness außen vor lässt, die das euphorisierte Klangkostüm nahelegt. Immerhin kommt mit Hysteric aber auch ein weiteres großes Highlight aus dieser zurückgelehnteren Nische. Hier passt auch das Zusammenspiel aus synthetischem Feinschliff, tiefschürfender Emotion, eingängigem Refrain und liebevollen Lyrics erstmals ohne Einbuße: "Flow sweetly hang heavy / You suddenly complete me".

 

Nicht ganz so erfreulich ist, dass der Mittelteil der LP von den drei Stücken belagert wird, die ihr am wenigsten gut zu Gesicht stehen. Zuerst die beiden eher straighten Rocker Dull Life und Shame And Fortune, wiederum so sehr an den bekannten Sound angelehnt sind, dass sie auf Show Your Bones nicht negativ aufgefallen wären, hier aber den natürlichen Fluss stören, obwohl sie eh mit dem passenden elektronischen Anstrich versehen sind. Daneben die überlange Ballade Runaway, die mit Piano und Streichern augmentiert zwar einen pralleren, gleichzeitig vergleichsweise organischen Sound generiert, aber als Song betrachtet relativ unspektakulär dahinplätschert. "Run, run, run away / Lost, lost, lost my mind / Like you to stay / Want you to be my prize" moniert O in dem für sie nicht ungewöhnlich wortarmen Lament, nur: es hilft nicht, Emotionen wollen sich hier einfach nicht einstellen, auch wenn die letzte seiner fünf Minuten zugegeben in einem interessanten Mix aus zusammenlaufenden Motiven gipfelt.

Man darf sich gerne fragen, was eine erfolgreiche Band mit einem famosen Gitarristen und einem starken Drummer dazu bewegt, plötzlich auf überwiegend synthetische Hilfsmittel zurückzugreifen und auf den Elektronikzug der Human-Killers und Bombast-Muse aufzuspringen. Nach zwei LPs im eher erdigen Garagen-Milieu darf man den Yeah Yeah Yeahs aber auch einen musikalischen Drahtseilakt gönnen - und im selben Atemzug zur erfolgreichen Bewältigung gratulieren. Denn It's Blitz prolongiert zwar einerseits einen Lauf an starken Alben mit gelegentlichen Ausfällen, schafft es aber, den etablierten Sound ohne große Wehmut hinter sich zu lassen - wobei man den erwähnten Kollegen aus Las Vegas und Devon in dieser Hinsicht mehr als nur eine Nasenspitze voraus ist. Nichtsdestotrotz mischt sich auch ein wenig Wehmut in dieses Plädoyer, überflügelt die dritte LP den etwas konstanteren Vorgänger etwas, kann aber erneut das große Versprechen nicht einlösen, das einst gemacht wurde. Mal sehen, was die Zukunft bringen wird.

 

Anspiel-Tipps:

Zero

Soft Shock

Hysteric