Wu-Tang Clan - Enter The Wu-Tang (36 Chambers)

 

Enter The Wu-Tang (36 Chambers)

 

Wu-Tang Clan

Veröffentlichungsdatum: 09.11.1993

 

Rating: 8.5 / 10

von Kristoffer Leitgeb, 22.04.2016


Wu-Tang Clan Ain't Nuthing Ta Fuck Wit!

 

Sag, kannst du mir bitte noch einmal sagen, warum unbedingt ich den Review schreiben muss? ... unerreichte Objektivität, mhm ... beneidenswerte literarische Fähigkeiten, ok ... große Glaubwürdigkeit, ja ... unvergleichliches Fachwissen ... ich bin ein Genie ... Ok, weißt was, verarschen kann ich mich selber besser.

So oder vielleicht auch etwas anders kann das klingen, wenn zwei Leute ein Album nicht rezensieren wollen und sich dann doch einer erbarmt. Das passiert, man will und muss ja nicht immer unbedingt. Was wiederum nichts mit der Qualität des zu besprechenden Materials zu tun hat. Nein, gar nicht. Aber was sagen über einen jedem bekannten Klassiker? Ein Hip-Hop-Album. Eines, dass sich trotz aller Qualität eigentlich auch ganz gut in ein, zwei Sätzen zusammenfassen lässt. Eines, das den Hip-Hop so sehr beeinflusst hat, dass sein Sound sich in zig LPs aus den 90ern wiederfinden lässt. "Enter The Wu-Tang" kann also auf alle Fälle einiges, hat vieles geleistet, wie der Review weitergeht, steht allerdings in den Sternen.

 

Wird schon hinhauen. Immerhin waren die Vorzeichen für das Debüt des voluminösen Hip-Hop-Ensembles auch nicht zwingend die allerbesten und gut gegangen ist es trotzdem. War eben kein Geld da, was dazu geführt hat, dass Produzenten-Genie RZA dem Album seine Ecken und Kanten kaum abschleifen konnte. Und schon war das Erfolgsrezept gefunden. Denn hinter "Enter The Wu-Tang" steckt weniger geplante Präzision als in vielem, was sonst noch Rap-Klassiker ist. Stattdessen ist es große Treffsicherheit und das direkt aus der Hüfte. Zu neunt spielt der Clan gegen die damals gängigen Regeln, pfeift auf eingefahrene Songstrukturen, altbekannte Sound-Samples und zelebriert stattdessen einen gleichermaßen bedenklichen wie ehrenwerten Humor, der für unglaubliche Lockerheit und Dynamik sorgt.

Natürlich hilft es da, die unterschiedlichsten Rap-Styles zu vereinen. Method Mans tiefe Stimme immer im perfekten Flow, gemächlich und doch angriffig, die emotionalen Performances von Ghostface Killah, die Off-Beat-Akrobatik vom Ol' Dirty Bastard oder GZAs im Vergleich dazu verdammt relaxte Rhymes, vielleicht auch die durchdachtesten von allen. Am anschaulichsten demonstrieren sie das klarerweise in den Tracks, in denen sie sich im Minutentakt ablösen und den vor sich hin rollenden Beats die unterschiedlichsten Auren überstülpen. Kein Weg führt da am genial gerappten Da Mystery Of Chessboxin' vorbei, dessen simpler Aufbau mit dem fernöstlichen Keyboard-Sound zu Beginn in hohem Tempo voll aufgeht, dazu von Method Man den idealen Chorus verpasst bekommt. Das legendäre Protect Ya Neck überzeugt ähnlich, gibt sich klanglich noch minimalistischer und baut nur mehr auf stark eingeflochtene Klavier-Samples und kleine Elektronik-Happen. Daneben fährt man in über einem halben Dutzend Strophen alles auf, was verfügbar ist, beeindruckt vor allem durch den mühelosen Flow, der trotz unablässiger Wechsel am Mic nie verloren geht.

 

Gar so viel Personal gibt es nicht immer, die Songs werden davon aber nur bedingt beeinträchtigt. Obwohl sich Opener Bring Da Ruckus ganz schnell als störrischste Performance der LP herauskristallisiert, zeigt RZAs Arbeit vom ersten Ton an keine Schwächen, die nicht unweigerlich zu Stärken gemacht würden. Gerade ganz zu Anfang klingt viel spartanisch verarbeitet, deswegen vielleicht auch schwerer verdaulich. Doch der groovende Bass von Shame On A Nigga mitsamt den genialen Bläser- und Klavier-Samples aus Jazz und Blues kann nur überzeugen. Gleiches gilt für das unrhythmische Wu-Tang: 7th Chamber, das man mit einer schrägen Sound-Collage gewollt störrisch und vergleichsweise träge macht, damit die Rhymes noch eher in die Auslage stellt.

Und dann wäre da natürlich noch der ein oder andere Anflug von wirklicher Genialität. C.R.E.A.M. kennt so einen, deckt ein wenig vorteilhaftes, weil totgespieltes Sample mit den besten Zeilen zu, die die LP zu bieten hat:

 

"Though I don't know why I chose to smoke sess

I guess that's the time when I'm not depressed

But I'm still depressed and I ask what's it worth?

Ready to give up so I seek the old Earth

 

Who explained working hard may help you maintain

To learn to overcome the heartaches and pain

We got stickup kids, corrupt cops, and crack rocks and
Stray shots, all on the block that stays hot"

 

Es geht also auch ganz humorlos und ohne kaum ernst gemeinte martialische Rhethorik, wie sie Wu-Tang: 7th Chamber zelebriert. Wobei das nicht weniger gut klingen muss, ganz im Gegenteil. Wu-Tang Clan Ain't Nuthing Ta Fuck Wit gibt sich da albumtypisch angriffig und ohne jegliche Zurückhaltung, zwingt einen wirklich, den großartigen Rhymes von RZA und Method Man möglichst viel Beachtung zu schenken, während man sich eigentlich schon dem simplen, aber verdammt wirkungsvollen Chorus nicht entziehen kann. Dass es oft genug diese zwei Leute sind, die es schaffen, ihre fähigen Kollegen mit ihrer Performance noch auszustechen, beweist dann endgültig der Track Method Man. Der Soloauftritt des MC illustriert nicht nur dessen unwiderstehlichen Flow wie kein anderer Song hier, auch die ohnehin unbestreitbare Bedeutung von RZA als Produzent kommt in diesem Moment, nämlich dem, der einen am ehesten verfolgen wird, noch einmal voll durch.

 

Trotzdem trifft man auf der Sound-Front das ein oder andere Mal auch nicht ideale Entscheidungen. Neben dem chaotischen Bring Da Ruckus trifft dieses Schicksal vor allem Tearz, dessen Synthie-Hook über vier Minuten hart an der Grenze ist, sich noch dazu nicht so wirklich mit dem Soul-Sample von After Laughter (Come Tears) verträgt.

Es ist auch nicht ganz eindeutig zu entscheiden, ob einem die Einspieler aus dem Martial-Arts-Klassiker "The 36th Chamber Of Shaolin" auf Albumlänge nicht doch irgendwann zum Hals raushängen, genauso wie die manchmal gewöhnungsbedürftigen Intros und Outros, die der Clan im Angebot hat. Beim ersten Mal durchaus witzig, ist man des Geredes über die zerschossene Leiche vorm Haus irgendwann überdrüssig. Ähnlich geht's einem mit dem Radio-Interview zum Ende von Can It Be All So Simple, das zwar lohnende Worte über die Rapper-Namen verliert, ansonsten aber bald alt wird.

 

Na gut, soll sein. Bleibt man ehrlich, hindern solche Kleinigkeiten "Enter The Wu-Tang" nämlich nicht daran, ein verdammt starkes Debüt zu sein. Angetrieben von einer Energie und Spontanität, die garantiert nie alt werden, breitet das Nonett - wohl ein einmalig hier verwendeter Begriff - die verschiedensten Rap-Styles, eingängigen Sound mit der notwendigen rauen Härte und kreativste Rhymes vor einem aus. Was will man mehr, außer vielleicht den Humor, den der Clan sowieso mitbringt? Nichts, naja, fast nichts. Da bleibt einem fast nur mehr die Diskussion darüber, wer von den neun denn jetzt wirklich der ist, der am meisten überzeugt. Meinungen dazu MÜSSEN - die Zeiten freundlicher Bitten sind vorbei, überhaupt wenn's um den Wu-Tang Clan geht - in einen Kommentar verpackt werden. Meine Stimme geht, ohne die Produktionsarbeit mit einzurechnen, schon einmal an Method Man.

 


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