Taylor Swift - Die Reklamation

 

Die Reklamation

 

Wir Sind Helden

Veröffentlichungsdatum: 07.07.2003

 

Rating: 6.5 / 10

von Kristoffer Leitgeb, 28.04.2017


Weichgespülte Rebellion im 80er-Kleidchen.

 

Die Mohs'sche Härteskala, wer kennt sie nicht? Wir alle wissen, sie kategorisiert Gesteinsarten nach ihrer Härte. Am oberen Ende limitiert mit dem 10er, dem Diamanten, unten mit einem 1er für Talk. Findige Geister haben sie erweitert bis zu -3, dem gemeinen Schwamm. Nun liegt es nahe, diese Härteskala auch auf Menschen anzuwenden, vom Nägelfrühstücker bis zum Mr. Ich-kuschel-mich-bei-Regen-zu-meinen-Teddybären-und-schau-Eine-himmlische-Familie. Um der Wahrheit die Ehre zu geben, ich liege bei 4,3 - dünne Titanschicht über Marshmallow-Mantel über Titankern. Also a bissl mittendrin. Insoferne liegt mir die apathische Teilnahmslosigkeit genauso im Blute wie die Rebellion und das verweichlichte, wunschlos angepasste Dahinvegetieren. In puncto Botschaft also irgendwie nicht zufriedenzustellen. Die Berliner Helden hatten auch so etwas wie eine Botschaft zu Debützeiten, damals in den Nachwehen des Millenniumsschocks, der eigentlich gar keiner war. Vielleicht ist auch deswegen die Rebellion ein laues Lüftchen und trotzdem nicht argumentationsarm.

 

Heutzutage glaubt das ja kaum noch einer - so wie kaum einer noch glauben will, dass man ohne Handy überlebensfähig war -, aber diese so rosigen Zeiten der Schröder'schen Herrschaft über Deutschland waren nur moderat rosig. Gerade die fleißigen Deutschen waren überarbeitet und weil das für jeden jungen Menschen mit Hirn scheiße ist, hat Judith Holofernes öffentlichkeitswirksam darüber getextet. In Müssen Nur Wollen, dieser vordergründig eher zur Schunkelhymne gemachten Tirade über frühstens antrainierten Leistungs- und Schaffensdruck. Dass es dem gut gelaunten Pop-Rock mit leichtem Hang zum Merseybeat hier, dem archetypischen NDW-Klang da auf den ersten Blick absolut nicht anzumerken ist, dass hinter einem in der Wiederholung zergehenden Refrain mit die beste deutschsprachige Zeile der letzen Jahrzehnte steckt, es soll keine Niederlage sein:

 

"Aber wenn ich könnte, wie ich wollte, würd ich gar nichts wollen

Ich weiß aber, dass alle etwas wollen sollen"

 

Südkoreanische Studenten können mit so einer Haltung naturgemäß weniger anfangen, der zum Roboten und zum beruflichen Aufstieg verdammte Zentraleuropäer nickt aber heftigst. Vielleicht auch nur, weil die Bassline sowas begünstigt und die Riffs eigentlich recht trocken eingestreut sind, dafür dass sie die elektronische Collage nur unterstützen sollen.

 

Das Gespann ist also immer dann auf der Siegerstraße, wenn es sich gesellschaftlichen Schiefständen annimmt. Die große Stärke in Songs wie Guten Tag oder Denkmal ist dabei gerade eben die Zurückhaltung in der Auflehnung, Holofernes' kindlicher Wortwitz und die - wie sagt man heute - unverkennbare Bobo-Handschrift, die aus mancher Zeile spricht. Zum großen Kampf blasen, das konnten schon einige, handzahm zu sein war überhaupt noch nie schwer. Die güldene Mitte, die Wir Sind Helden mit dem sonnigen Sound von Guten Tag oder der genialen Post-Punk-Eröffnung Ist Das So? im Visier haben, ist allerdings eine ganz eigene, schwierige Disziplin. In kurzen Etappen agiert die Band dabei meisterlich, kombiniert eine Spielfreude, die sich zwischen der Revival-Kultur der 00er und manchem Indie-Trend der vergangenen Jahrzehnte ausbreitet, mit kritischen Worten an einer Gesellschaft, die Lebensmüdigkeit mit Konsum ausgleichen will. Und das mit einer gespielt naiven zynischen Note, die selten zu finden ist.

 

Die Unerklärlichkeit dessen, was drumherum teilweise passiert, ist aber auch kaum zu leugnen. Jetzt nicht unerklärlich im Sinne musikalischer Verbrechen, selbst miese Keyboard-Spielereien wie die von Rüssel An Schwanz schrecken einen nicht genug ab. Doch Songs wie Monster, Heldenzeit oder Außer Dir entbehren nicht nur der quirligen Energie, die die Band hier in ihren stärksten Minuten ausmacht, sondern verlieren sich auch in bestenfalls mäßigen Exkursen in die Welt der Romantik und Selbstbeweihräucherung. Anscheinend scheint das Interesse daran, dem im Lichte der Konsumkritik gut gewählten Titel auch entsprechend Taten folgen zu lassen, begrenzt gewesen zu sein. Zumindest sieht man sich zu oft konfrontiert mit Songs, die lyrisch aus der damaligen Domäne von Holofernes ausscheren und damit der Musik zu viel Verantwortung auferlegen. Zwar darf selbst das penetrant dahinjangelnde Aurelie als Beweis dafür gelten, dass die klangliche Konstanz der LP nachher in der Karriere der Deutschen nie wieder gesehen war, doch irgendwann sucht man vergeblich nach legitim starken Momenten inmitten der vielen Reminiszenzen an die Strömungen vergangener Jahrzehnte.

 

Auch die Balladenmenge ist letztlich keine günstige. Es sind die beiden jeder musikalischen Extravaganz und Verspieltheit beraubten Songs, die hier das Potenzial für spätere Arbeiten belegen. Die Nacht und vor allem das im Albumkontext erschreckend karge Du Erkennst Mich Nicht Wieder bereiten wirkungs- und stimmungsvoll auf das vor, was "Von Hier An Blind" noch vermehrt bieten sollte. Dass in dem sentimentalen Pop von Eigenheiten gleich noch viel weniger die Rede sein kann, ist zwar selbstredend so, dafür blitzen aber Judith Holofernes Fähigkeiten durch, wenn es darum geht, ihr kindlich-naives Naturell in Emotionen umzumünzen. Das auch mit ihren Texten zu erreichen, ist ihr zwar weniger gegeben - die sind noch relativ gestelzt für vermeintlich traurige Minuten -, zuallermindest als lohnende Verschnaufpausen inmitten überdrehten Pop-Rocks dürfen beide aber ganz sicher gelten.

 

An diesen beiden hapert es also nicht, nur zwischen den starken Up-Beat-Songs mit gesellschaftskritischem Unterton und den minimalistischen Ruhepolen drängen sich zu viele Tracks, die durch ihre konturlose Durchschnittlichkeit der LP viel an Langzeitwirkung rauben. Im Kern ist "Die Reklamation" aber ein Debüt, das Sympathien weckt. Es weckt auch Zweifel an den Fähigkeiten der Band, ein wirklich großartiges Album zu fabrizieren, die sich nebenbei im folgenden Jahrzehnt bestätigen sollten. Dafür ist es das freiste und trotz im größeren Maßstab handzahmen Sounds aktivste Album, das von Wir Sind Helden gekommen ist. Für eine 4,3 ist das schon ganz passend. Ja, das ist so.

 

Anspiel-Tipps:

- Ist Das So?

Guten Tag

Müssen Nur Wollen