Weezer - Weezer (White Album)

 

Weezer

 

Weezer

Veröffentlichungsdatum: 01.04.2016

 

Rating: 6 / 10

von Kristoffer Leitgeb, 22.06.2017


Unschuldiges Weiß und doch bleibt man auf halbem Weg von Grün zu Blau stecken.

 

Weezer waren immer schon lächerlich, vom ersten Tag an. Die eigentliche Leistung der Band ist es ja, dass sie es geschafft hat, nie etwas anderes zu sein. Nur die Form der Lächerlichkeit hat sich gewandelt. Von Rivers Cuomos Status als His Geekness mit der Lizenz zum verschroben-romantischen Songwriting hin zur vervierfachten Personifizierung der Lächerlichkeit der Vertreter Hollywoods, der Grammys und allen anderen Dingen, die weit, weit oben sind und doch qualitativ letztlich weit, weit unten zu landen kommen. Letzteres wiederum wird unter anderem dadurch passend illustriert, dass die aussagenbefreite Selbstbezogenheit Cuomos und seiner Entourage sich so stark manifestiert, dass anno 2016 bereits das vierte self-titled Album das Licht der Welt erblickt hat. Mittlerweile ist fast anzunehmen, dass dahinter nur der Plan steckt, alle Journalisten, Blogger und Foristen dieser Welt zu häkeln. Es lädt aber zumindest auch zum unfreien Assoziieren ein.

 

Unfrei in dem Sinne, als dass die Farbauswahl ja immer noch der Band überlassen ist. Die Welt wurde mit Blau erobert, mit Grün aus unerfindlichen Gründen Untertan gemacht, mit Rot notdürftig bei der Stange gehalten und mit Weiß...ein bisschen unterhalten. Zu mehr reicht es eigentlich nicht. Das White Album ist der ideale Sommersoundtrack für alle, denen das Blue Album zu pubertäres Schachclub-Mitglied und der Grünling zu fadisierendes Nullsummengedudel ist. Die Mischung soll es machen und entgegen allen Erfahrungen, die die Welt mit der Farbenlehre gemacht hat, landet man bei Power-Pop, der mittlerweile nach einer schrägen Mischung aus Beach Boys und Green Day klingt. Wahrscheinlich insbesondere in dem Sinn, dass Cuomo wie Brian Wilson sein will, wie Billy Joe Armstrong sein könnte und am Ende seit bald 20 Jahren doch eher irgendwas ist. Auf musikalischer Ebene immer noch ein ordentlicher Pop-Songwriter, weswegen einem der Start der LP mit California Kids und Wind In Our Sail eigentlich recht vielversprechend vorkommt. Unspektakulär, weil die Gitarren nicht nach "Maladroit" klingen dürfen und textlich alles in der kitschigen Seichte der späten 00er-Jahre strandet, ohne dabei die anziehende Hook-Besessenheit vom folkigen If You're Wondering If I Want You To (I Want You To) zu besitzen.

 

Diesmal ist man dagegen eher einer sommerlichen Gemütlichkeit verpflichtet, um so das musikalische Äquivalent von "Wir lassen uns ein bissl sonnen und dann geht's ab ins Wasser!" zu kreieren. Mit Romanzen, versteht sich. Dass man dabei aber im Klavier-Geklimper von Wind In Our Sail nie eine Finesse erkennen lässt, die nach 60er-Tierlauten klingt, mit eher lethargischen denn entspannenden Beats arbeitet und nur dank des, dem Power in Power Pop gerecht werdenden, Gitarrensounds zu erfolgreichen Minuten findet, ist allerdings schade. Es wäre mehr möglich gewesen. So etwas wie Jacked Up zum Beispiel, dessen Geklimper gleich viel eigenwilliger daherkommt, vor allem im Verbund mit einem Comeback von Cuomos Fistel-Falsetto, das zwar weniger prägnant als im ehemaligen Comeback-Hit Hash Pipe, dafür aber ungleich harmonischer wirkt. Es sollte auch der einzige Anflug von altbekannten verliebten Tönen bleiben, der Verschrobenheit und zumindest mit Wohlwollen erkennbare Authentizität mitbringt. Das in alter Manier positiv lächerliche Thank God For Girls - Sieger im Melodie-Wettkampf der LP - und das verdammt an das Debüt erinnernde King Of The World - die Bridge ist Only In Dreams reloaded - können ähnliches, behindern sich mit nur bedingt überzeugenden Vocals und einer leichten Überlänge allerdings selbst. Dass die schon bei nur dreieinhalb Minuten schlagend wird, spricht auch Bände, die Band hält sich aber immerhin mit eiserner Disziplin an diese magische Grenze.

 

An anderer Stelle und insbesondere in einem unvorteilhaft zähen Mittelpart gerät das Album allzu locker-leicht, allzu positiv gestimmt, dabei auch latent ohrwurmig, bis man es fast satt hat. Der aufdringlich beschwingte Refrain des abermaligen pianogesteuerten Pop von (Girl We Got A) Good Thing ist das deutlichste Beispiel dafür. Cuomo versucht das zusammen mit Gitarrist Brian Bell durch den altbekannten Pseudo-Metal in der Bridge zu entschärfen. Nun hilft eine härtere Gangart nichts, wenn man dabei unvorteilhaft träge klingt. Wobei das eine passende Vorbereitung auf das folgende Do You Wanna Get High?, diese Mischung aus der Schrägheit des Sweater Song und der Härte von "Maladroit", sein dürfte. Eine Mixtur, die kurzfristig imponiert, musikalisch ohne jeden Zweifel den aufwendigsten und ambitioniertesten Track des Albums definiert und sogar die malträtiert verzerrten Riffs von "Pinkerton" wiederbelebt. Trotzdem wird nichts aus einem Triumph, weil titelgerecht eine lähmende Schwere den Song befällt, die nicht nur nicht auf das Album passt, sondern gleich noch daran scheitert, die notwendige beklemmende Atmosphäre aufzubauen, um die schleppende Gangart zu rechtfertigen.

 

Im Lichte all dessen könnte man es als dezent ironisch begreifen, dass die ersten Worte, die das "White Album" zu bieten hat, wie folgt lauten:

 

"When you wake up

Cobwebs on your eyelids

Stuck in rigor mortis"

 

Die LP ist nicht gar so tot. Gar nicht eigentlich. Lebendig aber auch nur relativ sporadisch. Quasi der Josef Cap unter den Pop-Alben (dieser Witz ist allen politikaffinen Lesern gewidmet). Allerdings klingen Weezer auf alle Fälle besser als Cap und auch noch in diesem Nebel aus verpassten Chancen und selbsterwählter, überstrapazierter Zurückgelehntheit weit besser als zu den Zeiten, als der bandeigene Nadir durchschritten werden musste. Weil Cuomo erkannt hat, dass Gitarren selbst im Pop ein bisschen heulen dürfen, weil er sich zumindest wieder den Grundzügen früherer Off-Beat-Schandtaten hingibt, wenn auch hier wirklich nur einmal textlich. Dass er dabei weder die Vielfalt des revitalisierenden Vorgängers erhalten, noch den eigenen Rubicon, also die millenniale Grenze überschreiten will, ist genauso unverständlich wie egal, um zu dem schlichten Urteil zu kommen, dass die vierte Nomen-est-omen-LP der Band eine angenehme Affäre ist, aber zu wenige Akzente außerhalb einer kompletten Komfortzone setzt, um wirklich aufzufallen. Und auch das hat etwas im entferntesten Sinne Lächerliches an sich. Wer von der Lächerlichkeit der Band übrigens noch nicht vollends überzeugt ist, sollte einfach auf das fünfte self-titled Album warten, es soll noch dieses Jahr erscheinen...