Two Steps From Hell - Invincible

 

Invincible

 

Two Steps From Hell

Veröffentlichungsdatum: 03.05.2010

 

Rating: 7 / 10

von Kristoffer Leitgeb, 19.05.2018


Neoklassische Soundökonomisierung im Grenzgebiet zu Pomp und Kitsch.

 

Dieser Review bietet eine wunderbare Gelegenheit, sich einer ständig aufkommenden Frage der Musikbetrachtung zu widmen: Wie ändert sich eigentlich die Wahrnehmung von ein und demselben Sound mit fortschreitender Ansammlung von Musik in allen Farben und Formen, auch den diesem Sound eigenen? Oder simpler formuliert, kommt das gleiche Zeug immer noch genauso gut, wenn man in der Zwischenzeit ein Haufen anderes, womöglich besseres Zeug gehört hat? Two Steps From Hell sind das ideale Anschauungsmaterial, nachdem die erste albumumspannende Begegnung vor beinahe vier Jahren stattgefunden und seitdem infolge des überzeugenden Erstkontakts ein Haufen ähnlich geartetes Soundtrackmaterial den Äther durchdrungen hat. Insofern sind die Ausgangslagen vor "Archangel" und "Invincible" doch grundverschieden, das Material aber ist kaum voneinander zu unterscheiden. Die Epik ist Grundvoraussetzung für die US-Amerikaner und damit bewegt man sich unweigerlich in gefährlichem Territorium. Ein orchestraler Seiltanz ist das Ergebnis und offenbart fundamentale Stärke.

 

Natürlich auch Schwächen, aber die Verhältnismäßigkeit in der Kritik soll gewahrt bleiben und so gilt es, sich dem Positiven zuerst zuzuwenden, es überwiegt nämlich. Vielleicht vorweg eine nötige Fundamentalanalyse des Gebotenen, beginnend mit der Information, dass das US-amerikanische Duo Two Steps From Hell anno 2010 wirklich ausschließlich für Film- und Videospielstudios an Trailern gewerkt hat und die Musik sich dementsprechend anhört. Das hat den Nebeneffekt, dass hier und da Tracks warten, die professionell und amateurhaft auf YouTube so oft verarbeitet wurden, dass sie ein jeder kennt. Rein klanglich - und das sollte doch noch größeres Gewicht haben - kann man sich aber nur auf eine gleichermaßen ausgedehnte und komprimierte Form des Zimmer'schen Bombast-Soundtracks vorbereiten. Ausgedehnt auf eine Stunde, komprimiert allerdings in den einzelnen Kompositionen, die alle Bausteine des klassischen, wohl auch klischeebehafteten Klassik-Epos beinhalten. Unheilschwangere, latinisierte Choräle, engelsgleiche Frauenstimmen, dröhnende, schwergewichtige Bläsersätze und mal schrille, mal melodramatische Streicherstakkatos.

 

Je nach Vorlieben kann man die daraus entstehenden Stücke als billigen Kitsch oder als professionalisierte, cineastische Dramatik bezeichnen. Die Einzigartigkeit von am Schnulzendasein anstreifenden Streichersalven wie Heart Of Courage oder aber neumodischen Mixturen aus Elektronik, Rock und Klassik wie in Fire Nation ist enden wollend. Hat es alles schon gegeben und man könnte die Inspirationsquellen vielleicht überhaupt so weit destillieren, dass man es bis zu einzelnen Themes aus diversen Filmen herunterbrechen kann. Die Effektivität ist aber nichtsdestoweniger gegeben, sofern man sich eine Bewertung der Integrität im Sinne klassischer Musik erspart. Vom nachhallenden Damengeheul im Opener Freedom Fighters ist natürlich jede Sekunde Effekthascherei, die ursprüngliche Aufgabe der Tracks bedingt es. Aber nebst aller Berechenbarkeit in diesen Aspekten bringen Thomas Bergersen und Nick Phoenix auch die Gabe mit, die überwältigende Wucht des Orchesters wortwörtlich eindrucksvoll zu gestalten. Die pastoral anmutende Vermengung von Streichern, Bläserfanfaren aller Tonhöhen und dröhnendem Chorgesang in Moving Mountains erschüttert zum Beispiel in passender Lautstärke nicht nur Mark und Bein und lässt Gänsehautstimmung im traditionellen Kinosinne aufleben, sie kreiert auch Bilder, wo so leicht keine entstehen.

Jetzt sind die diversen Drei- bis maximal Vierminüter nicht dazu geeignet, ganze Welten vor dem inneren Auge aufzubauen. Und doch ist die atmosphärische Ausdruckskraft des Komponistenduos zumindest soweit verbrieft, dass man in den Momenten großspuriger, bombastischer und als einziger großer Höhepunkt konzipierter Theatralik zweifellos mitgerissen wird. Kalt lässt einen die Bolero-artige Steigerung vom mystischen Frauengesang hin zu überbordender, orchestraler Dramatik, die False King zu bieten hat, auf alle Fälle nicht, der kantige Symphonic Rock von Tristan genauso wenig und die am Kitsch netterweise nur anstreifenden Streichersätze inkl. Klavierbegleitung von Undying Love schon gar nicht.

 

Nun bringt eine LP der US-Amerikaner zwei Dinge mit sich, die man nebst aller epischen Präzision nicht braucht, nämlich latente Überlänge und die unweigerlich eingestreuten Versuche, Stimmung und Atmosphäre in anderen Formen klassischer Trailerbeschallung als nur der voluminösen Großraumepik zu finden. Diese Ausbrüche aus der den Stärken verpflichteten Konformität sind immerhin selten und so bleibt es bei Fill My Heart als einzigem, dafür sehr deutlichem Schandfleck der LP. Dieses Häufchen unfassbar kitschigen Elends ist eine dermaßen behäbige Vertonung des Begriffes Schmalz, dass man das Einsetzen von weiblicher Gesangsbegleitung schon gar nicht mehr als Erleichterung, sondern als bloße Verstärkung abschreckender Gefühlsduseligkeit empfindet. Zwar versucht man mit erneut pastoralem Touch und in Richtung Ambient abrutschender Elektronik auch in Enigmatic Soul kurzzeitig eine mystische Anziehungskraft zu finden, die von Operngesang und der seichten Ausrechenbarkeit der Musik zerstört wird. Selbst da ist aber die professionelle Ausgestaltung eine Rettung und bringt einem wenigstens nur mäßige Durchschnittskost, wie sie schon die allzu archetypischen und in ihrer epochalen Form letztlich farbarmen Freedom Fighters und Protectors Of The Earth sind.

 

Das sind allerdings wenige Fehler für ganze 22 Tracks. Dementsprechend sollte einem der musikalischen Übergröße entsprechenden Triumphzug nicht viel im Weg stehen. Außer vielleicht der so eng gesetzte Aktionsradius von Bergersen und Phoenix. So eng, wie dieser ist, ist es eigentlich schon wieder bemerkenswert, was in deren Händen alles daraus wird und wie frisch selbst das späte To Glory mit seinem Gimmick-Rock und den langgezogenen Bläsersätzen noch wirkt. Trotzdem ist es ein Geschäft der Gleichförmigkeit, dem sich die beiden verschrieben haben, was die Unterschiede zwischen Heart Of Courage und Undying Love auf der emotionsbeladenen Ebene, Velocitron und Black Blade auf der aggressiven eher zur Nebensache werden lassen. Ohne Abwechslungszwang lässt einen das immer noch nicht wahnsinnig enttäuscht zurück und - Stichwort: Effektivität - Two Steps From Hell haben schon genug auf dem Kasten, um sich melodisch und instrumental zu behaupten, ohne das Rad alle paar Tracks neu erfinden zu müssen. Aber Abnützungserscheinungen sind spürbar und zwar bizarrerweise nicht einmal in Form einer gegen Ende der Tracklist fallenden Tendenz, was die Qualität angeht. Viel eher ist es die Gewöhnung an epochale Soundtrackarbeit, die einen Stücke wie Invincible, Hypnotica oder 1000 Ships Of The Underworld als gehobenen Standard des Genres wahrnehmen lässt. Mehr ist da nicht drinnen, es mangelt an Elementen, die für die leiseste Überraschung sorgen könnten, gleichzeitig bleiben die klanglichen Großtaten auch im altbekannten Terrain aus.

 

So ist es dann eine LP, deren Überlebensstrategie die der konstanten Professionalität ist. Die Ausreißer sind da und belegen die potenzielle Stärke in Sachen klassischer Epik, die in den US-Amerikanern steckt. Sie sind aber in keiner großen Zahl zu finden und drohen fast unterzugehen in einer Ansammlung mehr als ordentlicher, mitnichten aber überwältigender Kompositionen, die dank ihrer Ähnlichkeit mitunter zu einer großen Suite zu verschmelzen drohen. Enttäuscht wird man dementsprechend kaum einmal, aber ohne den Überraschungseffekt hinter der melodramatischen Übergröße, die Two Steps From Hell aus einem Orchester herauszuholen im Stande sind, ist der Kampf gegen das Abrutschen in puren Pomp und Kitsch einer, der am Nachdruck nagt. "Invincible" ist ergo eher ein Beleg für fähige Präzision, weniger für kreativen Ideenreichtum. Daran können auch einzelne atmosphärische Machtdemonstrationen nichts ändern.

 

Anspiel-Tipps:

- Moving Mountains

- Undying Love

- Tristan