Two Door Cinema Club - Gameshow

 

Gameshow

 

Two Door Cinema Club

Veröffentlichungsdatum: 14.10.2016

 

Rating: 5 / 10

von Kristoffer Leitgeb, 25.12.2016


Irgendwo zwischen Disco und Funk findet man kaum mehr als ein Falsetto und zähe Langeweile.

 

Was macht eine Waage, deren beide Seiten mit exakt dem gleichen Gewicht beschwert sind? Genau, sie bewegt sich nicht! Das ist das Wunder des Gleichgewichts. Alles, was sich in diesem Zustand befindet, darf den Luxus des Nichtstuns genießen. Wer das nicht kennt, muss leiden oder sucht nach der passenden Gelegenheit für eine Veränderung. Bei manchen scheint selbige nicht gar so drängend zu sein. Die verändern einfach mal des Nervenkitzels oder der Langeweile wegen. In solchen Fällen wird es ganz schnell ungemütlich, bisweilen auch lächerlich, wenn dann Damen im gesetzteren Alter des Stilbruchs wegen plötzlich mit rot gefärbten Haaren auftauchen oder aber die Wohnung in Feng Shui-Manier umgebaut wird. Schräge Ergebnisse ergeben sich da von selbst. So auch bei Bands, die sich ganz einfach ihrer Qualitäten entledigen und der schnöden Veränderung wegen die Balance aufgeben. Die Beweggründe werden noch erforscht. Bis die geklärt sind, bleibt uns nur ein Endprodukt, wie es Two Door Cinema Club mit "Gameshow" vorlegen.

 

Die Nordiren hatten ja zu Beginn dieses Jahrzehnts sehr viele Sympathien auf ihrer Seite. Da waren manche ganz aus dem Häuschen, dass von denen guter Indie-Pop kam. Ein bisschen kindisch, die Verwunderung, zumal das Trio jetzt nicht so weltbewegend musiziert hat. Die Gegenwart legt auch endgültig die Schwächen offen, die auf "Beacon" noch durch die Bändigung von Jacknife Lees Polierer-Produktion und das verfeinerte Songwriting ausgebügelt werden konnten. Doch Album #3 bedeutet die erste musikalische Generalüberholung dieser Band, die bisher vor allem dann siegreich geblieben ist, wenn eine gewisse Leichtigkeit im Schaffen spürbar war. Es ist nun fraglich, ob die Band einfach nicht wusste, dass darin ihr Erfolg begründet liegt, oder ob Trimble und seine Kumpanen tatsächlich geglaubt haben, in einem blindwütigen Versuch, sich selbst im Post-Disco-Funk zu verwirklichen, die gleiche Leichtigkeit immer noch parat zu haben. Diese ureigene Qualität der Nordiren ist auf alle Fälle futsch und wurde großteils ersetzt durch obligatorische, schimmernde Synthie-Wände, durchzogen von Funk-Riffs und dominiert von einem Alex Trimble, der mit einem kaum zu ertragenden Falsetto die schwierige Flucht nach vorne wagt.

 

Dass er einen damit nicht von Beginn weg quält, ist sehr wichtig, ansonsten würde nicht einmal Leadsingle Are We Ready? (Wreck) gelingen. Der Opener dürfte allerdings einiges an Zeit verschlungen haben, denn das Arrangement präsentiert sich, wie man bald merken sollte, als untypisch stimmig. Der Bass bekommt, dem Genresprung sei Dank, in den Strophen eine gut ausgefüllte Hauptrolle, die noch nicht endlos aufdringlichen elektronischen Helferlein und Trimbles "normaler" Gesang lassen Luft für das, was eigentlich eine ziemlich coole Hook ist. Die bringt den nötigen Groove mit, überlebt sogar den störrischen Refrain und dessen nicht wahnsinnig sympathische Background-Vocals. Wie klitzeklein dieser Fehler ist, wird einem beim Blick auf die übrige Tracklist klar. "Gameshow" ist viel zu oft eine zähe, weil elendiglich leblose Angelegenheit. Das biedere Bad Decisions zerbricht an seinem grässlichen Gitarrenklang und den charakterlosen Keyboard-Spritzern, die nichts tun, um der eher lethargischen Rhythm Section auf die Beine zu helfen. Wie man überhaupt glauben kann, einen ganzen Song auf bis zur Unkenntlichkeit verzerrten Riffs aufbauen zu müssen...

 

Und so geht's dann dahin durch äußerst langatmige, von jeglichem Gefühl abgekapselte Soundfassaden, die weder mit dem dezenten Tropical-Hauch von Lavender, noch durch das zähe Gemisch aus Soft Rock und Retro-Elektronik-Pop von Invincible lebendig wird. Dass die Band die meisten Tracks auf vier Minuten und mehr auszudehnen versucht, wirkt umso skurriler, je öfter man mit dem sterilen, bestenfalls professionell eingespielten Stil in Berührung kommt. Selbst das auf positive Art an La Roux erinnernde Ordinary oder das relativ naturbelassene Fever versprühen nicht den notwendigen Esprit oder lassen die Energie erkennen, die es bräuchte, damit der Funke überspringt. Man hört einer Band zu, die sich vergeblich in den 80ern austobt, dabei in eher kruden Melodien die Verbindung zu Prince oder - zumindest laut Eigenaussage - David Bowie sucht und kaum einmal den Punkt erreicht, wo das Gefühl für die nicht zu entfliehenden Hooks alter Tage noch zum Vorschein kommt.

 

Auf textlicher Ebene braucht man sich um Trimbles Künste nämlich ohnehin nicht wirklich zu kümmern. Aber die ersten beiden Alben kamen immerhin mit einer Ohrwurm-Garantie im Gepäck. Die lässt sich hier nur zum Ende wirklich einlösen. Je Viens De La - öffentlichkeitswirksam auf YouTube nicht zu finden... - stellt den einzigen umfassenden Erfolg der Neumodelage dar. Ein begnadeter Refrain, dem tatsächlich sogar das schwierige Fistelstimmchen Trimbles plötzlich wie angegossen steht, könnte fast noch die ganze LP retten. Denn die Rhythm Section zaubert Sam Halliday Gitarren und den für einmal leichtfüßig und nicht zu dominant eingeflochtenen Synths das ideale Fundament, damit ein wirklich würdiger Disco-Track auf der Habenseite stehen darf. Ein anderer von der Sorte gelingt nicht, nur Gameshow und das an den Vorgänger erinnernde Good Morning kommen noch an einen Punkt, wo man ihnen das Prädikat eines guten Songs schenken will. Da lassen sich immerhin noch die alten Formeln erkennen, wenn sie auch produktionstechnisch schwieriger verdaulich sind, als es nötig wäre.

 

Der Rest ist Österreich, hieß es 1918. Knapp 100 Jahre später ist der Rest eine Band, die, so muss man es prognostizieren, den ersten Schritt in Richtung Versenkung getan hat. "Gameshow" ist ein zäher Haufen von entbehrlichen Minuten, deren Entstehungsprozess ein großes Missverständnis gewesen sein dürfte. Der Sprung vom Indie-Pop hin zu diesem biederen Elektronikgewächs lässt sich nur über die letzte EP und selbst dann nur mit einem guten Willen als natürliche Entwicklung bezeichnen. Stattdessen mutet das dritte Album von Trimble & Co. an wie ein Versuch, noch einmal irgendwohin zu kommen, wo eine rosige Zukunft wartet. Mit diesem Output reichlich unwahrscheinlich und man kommt allein wegen der Genreverwandtschaft nicht umhin, gewisse Parallelen zu den britischen Landsleuten von Hard-Fi zu erkennen. Die sind übrigens nach ihrem dritten Auftritt in der Versenkung verschwunden.