The Sounds - Dying To Say This To You

 

Dying To Say This To You

 

The Sounds

Veröffentlichungsdatum: 15.03.2006

 

Rating: 6 / 10

von Mathias Haden, 19.07.2017


Nomen est omen: Die Schweden verschießen ihr Pulver konsequent früh.

 

Verehrte Damen und Herren, heute ein Comeback der besonderen Art. Denn unverhofft kommt eben doch öfter als man denkt und unverhofft dürfte dies auch für den Kollegen kommen, der den Sounds aus Schweden wiederholt keine reellen Chancen auf eine Rückkehr in den Kreis der Familie prophezeien wollte, aus dem die Band vor bald vier Jahren und damit noch vor der offiziellen Öffnung dieser Webseite lachen durfte, seitdem ein Schattendasein fristete. Wer mich aber kennt, darf sich zumindest zweierlei gewiss sein: Um Nacktschnecken wird stets ein Riesenbogen gemacht und junge Damen mit durchsichtigen T-Shirts werden niemals ignoriert, auch nicht, wenn sie nur von dem Artwork einer Schallplatte lachen. Damit schließt sich auch der Kreis zu den Sounds und ihrem zweiten Studioalbum mit dem verheißungsvollen Titel Dying To Say This To You. Aus einer Zeit, als Maja Ivarsson und ihre Gefolgschaft tatsächlich noch New Wave-Musik machten, die mit Rock 'n' Roll-Allüren angereichert und mit dynamischen, eingängigen Hooks beladen war.

 

Zumindest sorgt das Quintett aus Helsingborg in den ersten Minuten dafür, dass ordentlich Stimmung aufkommt. Auf den Spuren von Debbie Harry und Blondie singt sich Ivarsson schon am Opener Song With A Mission in einen kleinen Rausch, ein pointierter Riff und melodische Keyboards besorgen den Rest. Ein Rezept, von dem sich auch die folgenden Nummern Queen Of Apology und Tony Beat mehr als nur eine Scheibe abgeschnitten haben. Macht aber gar nichts, denn dieser Punk-infizierte Power-Pop mit der Lizenz zum Wände durchbrechen steht sowohl Sängerin, wie auch dem Sound der Sounds (hehe). Das ist einerseits natürlich erfreulich, weil die Band somit eine Vitalität demonstriert, von der fünf Jahre später auf Something To Die For kein Fünkchen übrig geblieben ist. Ungezähmt, frech und mit dem Herz auf der Zunge darf die Frontfrau gerne auch als skandinavische Antwort auf Karen O von den Yeah Yeah Yeahs herhalten, um auf den mittlerweile "verwöchten" Namedropping-Zug aufzuspringen, für die eigene Band von ähnlicher Wichtigkeit, aber natürlich nicht ganz so exzentrisch und ausgefuchst.

 

Generell lässt sich auf Dying To Say This To You die Entwicklung vom selbstbewussten, aber erdigen Indie-Rock des Keyboard-affinen Debüts hin zum Synth-ertränkten Wave-Pop ganz gut beobachten. Ist auf der ersten Hälfte noch alles einigermaßen in Bewegung, zwischen oft hintergründiger, aber effektiver Gitarrenarbeit, markanten Drums, verspielter Elektronik und Ivarssons kraftvollem Gesang, gerät der Longplayer im weiteren Verlauf immer mehr ins Stocken, ehe er dem Trägheitsgesetz endgültig zu unvorteilhaften Konditionen Tribut zollt. Je weiter die Gitarre in den Background rutscht und dichte Soundschwaden ins Zentrum wehen, so statisch wird die Angelegenheit. Das hat nicht nur damit zu tun, dass nach dem leichtfüßigen Einstieg mit 4-5 catchy hooks, amüsanten Sound-Gimmicks und erfrischender Spielfreude der Schalter auf Selbstplagiat umgelegt wird, nein, geht es noch vor der Hälfte tatsächlich in eine Nische synthetischer Musik, in der Tempo überhaupt keine Rolle mehr spielt. Bestes Beispiel dafür ist die kitschige Pianoballade Night After Night, die mit Wehmut wuchert ("Don't feel sorry / 'Cause there's no reason for us to fight any more / Tears are coming and years are going / I hope we'll learn something") und irgendwann auf halbem Wege neben dem mitleiderregenden Klaviergeklimper rollende Drums ins Boot holt, damit eine Steigerung andeutet, die aber niemals stattfinden soll. Seinen exemplarischen Charakter hat der Track aber nicht nur deswegen inne, sondern weil er es in einer vermeintlich rockigeren Version gleich ein zweites Mal auf das Album geschafft hat und selbst dort nicht viel energetischer zu Werke geht. Träge ist auch das auf den Dancefloor schielende Hurt You, das neben omnipräsenten Synthies und einer quirligen Gitarre vor allem mit seinem Disco-Bass und dem nervigen Gesangsauftritt von irgendeinem Typen aus der Band, den mir das Internet bei einer kurzen Suche nicht Preis geben wollte, eher unvorteilhaft auffällig wird.

 

Klingt alles in allem ziemlich negativ, was da im letzten Absatz geschrieben wurde. Und im Prinzip gibt es auch nicht viele Gründe, The Sounds aus Schweden Leuten zu empfehlen, die nicht ohnehin schon sämtliche Blondie-LPs in ihren Regalen stehen haben. Auf den Spuren der New Wave-Helden müht sich das Quintett auch redlich, genau das wieder zu spielen, was knappe dreißig Jahre zuvor zum großen Shit heranwuchs. Würde nicht spätestens ab der Hälfte alles gleich klingen, man könnte diesen Frevel glatt verzeihen, denn Innovationsgeist ist bekanntlich nicht alles, fragen sie doch einmal Herrn Dylan. Andererseits liegt auch genau in diesem Aspekt irgendwie der Reiz der Platte versteckt: das Dying To Say This To You-Credo wird nämlich nicht nur vom Albumcover, dem trotz jeglicher musikalischer Güte wohl triftigsten Anschaffungsgrund, bestens eingefangen, sondern mit seinem vielversprechenden Einstieg und dem kurz darauf bereis praktisch verschossenen Pulver. Insofern lösen die Ivarsson und ihre Sounds mit dem zweiten Album nur konsequent ein Versprechen ein. Viel mehr kam danach aber auch schon nicht mehr.