The Smiths - The Smiths

 

The Smiths

 

The Smiths

Veröffentlichungsdatum: 20.02.1984

 

Rating: 8 / 10

von Daniel Krislaty, 11.10.2014


Großbritanniens umjubelstes Aufschneiderquartett der 80er Jahre, die Erste.

 

Die Rede ist natürlich von Sprücheklopfer Morrissey, Johnny Marr, Andy Rourke sowie Mike Joyce, die nicht nur zwischen Manchester und London, sondern die ganze Welt erobern und mit ihrer Extravaganz anstecken wollten. Das war die ausgegebene Mission. Zwei Jahre nach Gründung und Aufstieg zur stillen Underground-Prominenz der U.K. nahm dieses Versprechen in Form des self-titled Albumerstlings konkrete Züge an, die zugleich absurdes Potential sowie absurden Größenwahn zu Tage brachten. Mit dem Auge und dem Ohr für Ästhetik entwickelt sich ein Sänger/Gitarristen-Duo, das alsbald gebräuchlich mit den Größten sowie Prägendsten der Rockhistorie wie Jagger/Richards oder Plant/Page im selben Atemzug genannt wurden. Mit ihrem ganz eigenen markanten Stil beeinflussten die Smiths so gut wie alles Nennenswerte, was die Insel der vornehmen Teetrinker seither hervorbrachte.

 

Dass sie sich hier jedoch quasi noch in den Kinderschuhen des Musikkosmos' befinden, kommt eigentlich zu keinem Zeitpunkt zur Sprache. Gleich die ersten beiden Lieder machen klar, dass diese Band keine Gefangenen nimmt und mit ihrer frischen, puren Kunst keine Kompromisse eingehen möchte. Unabhängig davon dass jene Opener zweifellos zu einigen der besten Momente des Albums einladen, legen sie auch sehr gut erkennbar die Marschroute fest: Ein Querschnitt aus zeitgenössischem Synth-Pop, Post-Punk und tradierte Einfachheit für Musikverständnis sowie Rhythmik des 60er-Jahre-Pop erinnern bei Zeiten schon an ein uneheliches Kind von New Order und Aztec Camera. Hinzu kommt jedoch Morrisseys unverkennbare Inszenierung seiner selbst, die wohl jeden weiteren Vergleich nur noch hinken lässt. Auch die von ihm und Marr verfassten Zeilen heben sich stark vom Rest ab. Die häufig zitierte, von der Band selbst aber stets bestrittene pädophile Komponente in einigen der Texte auf The Smiths wird ebenso gleich beim ersten Song angerissen. Reel Around the Fountain ummantelt ohnedies eine gewisse melancholische Aura, die aber hauptsächlich über Morrisseys geplagten Gesang und "Oh, I do"-Seufzer zum Ausdruck kommt, während der generelle Downbeat-Charakter der Begleitung ihr Übriges leistet. Gleichzeit bleibt man wie so oft allerdings nicht von Anflügen von Selbstironie verschont. Zum Glück, denn diese machen die Texte der Smiths erst richtig juicy und einprägsam. Schlag auf Schlag folgt You've Got Everything Now, welches das Tempo sofort anzieht und im Refrain sogar zum wilden Tanz bittet. Gespickt mit einer fetten Ladung denkwürdiger und lustiger Zeilen, sticht womöglich "but I don't want a lover / just want to be seen / in the back of your car" als erster zu Protokoll gegebener Hint für Morrisseys vermeintlich zölibatären Lebensstil heraus.

 

"A friendship sadly lost?

well, this is true

and yet, it's false

but did I ever tell you, by the way

I never did like your face"

 

Miserable Lie beginnt ursprünglich genau dort, wo die Atmosphäre von Reel Around the Fountain für den fast schon hymnischen Charakter von You've Got Everything Now eingetauscht wurde. Jedoch dauert es keine Minute, bis ein unverständliches Wirrwarr aus undefinierter Musik und Morrisseys plötzlich aufdringlich indiskretes Geplapper in höchsten Tonstufen die Führung übernehmen. Mein Rat: Übertauchen und einfach kein weiteres Wort darüber verlieren – es gibt noch einiges zu entdecken. Zum Beispiel The Hand That Rocks the Cradle, das im Mittelfeld das Albums wieder dem bescheidenem Mittelprächtigem entbricht. Textlich auf der absoluten Höhe vermittelt der Song ein äußerst einschüchterndes bzw. angsteinflößendes Gefühl, ohne wirklich musikalische Tiefgründigkeit oder Abwechslung miteinzuarbeiten. Das kurze und knappe Zwischenspiel von This Charming Man überführt all seine Zweifler hingegen mit der wunderbar trocken gezeichneten Geschichte, die den 'charmanten Mann' umgibt und einem fantastischen Kombination aus Marrs unglaublichen Gitarrenspiel sowie Rourkes wirklich ins Gedächtnis brennende Basslines. Mit Still Ill, meinem persönlichen Favoriten, verbinden die Smiths dann sogleich alles was sie davor schon ausgezeichnet skizziert haben. Grießkrämerische Texte und Stimmung, die aber alles andere als Humor vermissen lässt und sich trotzdem gesellschaftspolitische Ernsthaftigkeit handelnd von den Auswirkungen der sich in der Depression befindlichen englischen Wirtschaft nicht nehmen lässt. Morrisseys setzt dazu sein überzeugendes Markeneichen ohne verstörende, stimmliche Eskapaden darunter und überlässt es Marrs Künsten, das Publikum problemlos und unversehrt mit nach Hause zu nehmen.

 

"Under the iron bridge we kissed

And although I ended up with sore lips

It just wasn't like the old days anymore

No, it wasn't like those days

Am I still ill?

Oh am I still ill?"

 

Mit einem überaus netten Harmonika-Intro startet Hand in Glove, die allererste Single der Smiths, die das Tageslicht zu sehen bekommen hat und bereits einige Musikfanatiker schon vor dem Albumrelease auf wahrhaft Großes hoffen ließ. Obwohl das angenehm eindringliche Lied vor allem bei den ersten Hördurchgängen zu den gefälligsten Titeln des Albums zählt, wird es alsbald von einigen anderen Songs des Albums überholt. Grund dafür mag die zu wenig ausgefeilte Begleitung sein, die Hand in Glove zu sehr von Morrisseys Performance und den Zeilen abhängig macht. Diese beiden Faktoren hat man allerdings ebenso schon besser in Aktion gesehen. I Don't Owe You Everything und Suffer Little Children bilden die Schlussoffensive des Albums und dürften oberflächlich zu den harmonischsten Titeln im Repertoire der Smiths anno 1984 gezählt haben. Genauer betrachtet ist vor allem Letzteres jedoch nicht ganz frei von Brisanz, handelt es sich doch um seinerzeit höchstbekannte Kindermorde in Manchester aus den 60ern. Ein heikler und gleichzeitig irgendwie passender Schlusspunkt der hochgradig obskuren und faszinierenden Smiths.

 

Die Smiths zeigen sich auf ihrem Debüt nicht besonders variabel oder liebenswert. Doch das gewiefte Quartett schlägt sich mit ihrer Finsternis und scherzenden Verkommenheit mehr als beachtlich, ja sogar großartig. Klar ist, dass nicht alle Teile so ganz reibungslos zueinander finden und so manch diffuse Momente schnell verprellen können. Deshalb also kein in Stein gemeißeltes Meisterwerk, aber was ist das schon. The Smiths verlangt aus heutiger Sicht bestimmt ein wenig Zeit, Geduld und Sorgfalt um sich Einem vollends zu erschließen, wobei ich nicht Mal ansatzweise behaupten möchte, dass ich selbst an diesen Punkt angelangt bin. Und trotzdem hat es irgendwann in meinem Kopf 'klick gemacht' und Bewunderung an Stelle des anfänglichen Argwohns ins (Zwie)licht gerückt.