The Flying Burrito Brothers - The Flying Burrito Bros.

 

The Flying Burrito Bros

 

The Flying Burrito Brothers

Veröffentlichungsdatum: ??.06.1971

 

Rating: 7 / 10

von Mathias Haden, 30.05.2016


Auch ohne die Magie des Häuptlings eiern die Country-Haudegen nicht kopflos herum.

 

Schlägt man einem Hahn das Haupt ab, eilt dieser noch einige Zeit planlos herum, ehe er seinen Verletzungen erliegt. Mehr als nur eine hübsche Anekdote ist in diesem Zusammenhang auch die Geschichte von Mike dem Hahn, der nach seiner Köpfung noch knappe 18 Monate sein Unwesen treiben durfte, weil sein Henker bei der vermeintlichen Exekution doch glatt die Halsschlagader verfehlte. Ein fragwürdiges Happy End in einer Welt, in der immer wieder gepredigt wird, man solle nur ja nicht den Kopf verlieren.
Als Ingram Cecil Parsons, besser bekannt als Gram Parsons, im Mai 1970 seine Spielwiese der vergangenen knapp zwei Jahre, die Flying Burrito Brothers, verließ bzw. verlassen musste, war der Zukunft der Burritos ohne Häuptling ungewiss. Waren das im Country-Kosmos der Spätsechziger zwar durchaus polarisierende, aber glanzvolle Image und die Güte des gemeinsamen Songwritings mit Chris Hillman bereits nach dem Debüt allmählich am verblassen, so stand die Band plötzlich ohne Wiedererkennbarkeit da. Mit Parsons verschwand nicht nur der urbane Touch, seine Vision der "Cosmic American Music", sondern zugleich auch die unangefochtene Identitätsfigur der Truppe. Um dem Schicksal des armen Hahns entgegenzuwirken, wurde ein neuer starker Mann gesucht, um ihn an die Seite Hillmans zu stellen, und mit Rick Roberts kein adäquater, aber durchaus brauchbarer Ersatz gefunden - das Line-Up mit Hillman, Bernie Leadon, "Sneaky Pete" Kleinow und Michael Clarke war wieder einmal komplettiert.

 

Der Zauber der experimentierfreudigen Anfangsphase, als man im Hause Burrito noch damit beschäftigt war, Country und Rock zu vermählen, diesen mit Elementen aus Soul oder R&B zu vermischen und letztendlich das ganze Genre zu revolutionieren, ist ein Jahr später und mit Roberts als zusätzlicher Stimme wenig überraschend endgültig dahin. Stattdessen dominiert auf der selbstbetitelten, blauen LP ein weitestgehend am klassischen Country-Ideal ausgerichteter Sound, durchaus mit ein wenig Rock-Drive angereichert, aber doch weiter von Kanten befreit, als es noch im Vorjahr bei Burrito Deluxe, dem schwierigen zweiten Album, der Fall war. Dafür hat Rick Roberts einen der besten Songs mitgenommen, den die Burritos in ihrer langen Karriere je im Repertoire hatten. Colorado heißt das Teil, das sich zu einer nostalgisch reumütigen Ode, frei von jeglichem Pathos, formt und die mit Abstand beste, weil emotionalste Gesangsleistung der LP bietet:

 

"Hey Colorado, it was not so long ago

I left your mountains to try life on the road

Now I'm finished with that race

It was much too fast a pace

And I think I know my place

Colorado I wanna come home"

 

Sicherlich das große Highlight der Post-Parsons-Burritos, doch finden sich auf The Flying Burrito Bros. weitere starke Aufnahmen. Besonders die drei Cover-Versionen, die sich zwischen die sieben Eigenkompositionen mischen, machen einen verdammt ordentlichen Job. Allen voran Merle Haggards White Line Fever, das sich zum Auftakt zu Kleinows unwiderstehlicher Pedal Steel und Hillmans souveränem, aber im direkten Vergleich weit weniger hingebungsvollem Gesang streckt. Gene Clarks Tried So Hard braucht nicht viel, um einen exzellenten Eindruck zu machen, bekommt aber einen rockigeren Unterton und Dylans To Ramona gefällt von Hillman intoniert fast besser, als das leicht ziellose Original des Meisters. Unter den eigens verfassten Kompositionen sind es neben Colorado noch Roberts' Four Days Of Rain und das gemeinsam mit Hillman geschriebene All Alone, die mit hübschen Melodien und Kleinows verlässlichem Spiel an der Pedal Steel lohnende Minuten bereiten, den Neuling einmal mehr als zufriedenstellende Ergänzung hoch leben lassen.

 

Zwischen lobenswerten Darbietungen und dezenten Anflügen von Brillanz findet sich aber auch immer wieder Leerlauf in Gestalt von trocken runter gespielten Country-Nummern. Das mit fünf Minuten elend lange, weil von jeglichen Höhepunkten befreite Just Can't Be ist da nur die Spitze der aufkeimenden Fadesse, die sich in wenig inspiriertem Geklimper wie Hand To Mouth, das trotz gutem Einstieg ähnlich spannungs- und blutarm daher kriecht und selbst im explosiveren Refrain nur allzu kurz aus seiner Abwehrhaltung zu kommen vermag, manifestiert. Auch Can't You Hear Me Calling, das auf den ersten Blick wie ein lässiger Country-Rocker mit einer ordentlichen Prise Groove anrauscht, ist bei genauerem Hinhören erschreckend leblos, der wenig ergiebige 0815-"on the road again"-Text tut da nur sein Übriges. Schade. Nur gut, dass die Platte den TÜV-Test zu diesem Zeitpunkt längst erfolgreich bestanden hat.

 

Und obwohl die Platte, sieht man vom bandüblichen Misserfolg in den Charts ab, also alles andere als eine Enttäuschung war (bzw. heute ist) und die Band endlich auch Live eine schlagfertige Truppe bildete, so war The Flying Burrito Bros. doch das vorläufige Ende der Fahnenstange. "Sneaky Pete" wollte endlich ein wenig cashen und verbrachte die folgenden Jahre als Session-Musiker, Bernie Leadon winkte bald eine Weltkarriere als Teil der Millionen absetzenden Eagles und auch der Rest verließ schon bald darauf das im kochend ranzigen Fett versinkende Burrito-Schiffchen. Immerhin mit einem ordentlichen Album und einem Song für die Ewigkeit zum Abschied.

 

Anspiel-Tipps:

- White Line Fever

- Colorado

- Tried So Hard