The Everly Brothers - Stories We Could Tell

 

Stories We Could Tell

 

The Everly Brothers

Veröffentlichungsdatum: ??.03.1972

 

Rating: 7.5 / 10

von Mathias Haden, 13.10.2017


Amerikas geliebtes Brüderpaar prolongiert seinen späten, kreativen Erfolgslauf.

 

Die besten Geschichten sind nicht zwangsläufig die, die man selbst erlebt hat. Als Zuhörer sowieso nicht, da wartet man bekanntlich nur begierig auf die nächste Pointe oder erfreut sich einfach an den vielseitigen Facetten der Sprache und den rhetorischen Fähigkeiten seines Gegenübers, aber auch als Erzähler kann man an fremden Anekdoten großen Gefallen finden und sich emotional mit dem Gesagten identifizieren. Oder sich einfach darüber lustig machen, was einem anderen passiert ist. Damit wäre auch kurz umrissen, was die Leute für einen Narren an Tratsch und Klatsch gefressen haben. In der Tradition von Pop und Country ist es wie jeder weiß besonders üblich, auch auf das nicht selbst verfasste Liedgut zuzugreifen. Ob man sich selbst in einem Song wiederfindet, wünschte, man hätte diesen selbst geschrieben oder schlicht große Sympathien für Text und Melodie empfindet - Gründe für das Adaptieren fremder Kompositionen gibt es genug.
Don und Phil Everly sind zwar eher als große Sänger und gediegene Songschreiber, denn als beschlagene Geschichtenerzähler in die Geschichte eingegangen, doch sollte ihre Karriere um die 70er-Wende, bevor sich die Brüder zerwerfen und jahrelang kein Wort wechseln sollten, auch in dieser Richtung ein bemerkenswertes Lebenszeichen von sich geben.

 

Vier Jahre waren seit der letzten LP Roots, dem Vordringen auf Country-Rock-Terrain vergangen, in der Zwischenzeit hielt man sich mit einem floppenden Soloalbum von Don und einem nicht viel erfolgreicheren Live-Album über Wasser, trat zudem in Johnny Cashs Fernsehshow auf, um nicht endgültig von der Bildfläche zu verschwinden. Als Stories We Could Tell im März 1972 erschien, waren die Kritiker nicht besonders angetan und sind es auch heute nicht unbedingt. Dabei vereint das vorletzte Album vor dem vorläufigen Bruch all das, was das Duo mit den legendären Harmonien ausgemacht hat, ummantelt von einer zeitgenössischen Produktion und entsprechendem Songmaterial. Ein Viertel der Tracks stammt dabei aus der Feder von zumindest einem Everly. Dons resignierendes I'm Tired Of Singing My Song In Las Vegas nimmt im Prinzip schon das näher rückende Ende der beiden vorweg, im organischen Soundgewand, aus dem besonders ein fülliger Gitarrensound und eine nicht minder effektive Harmonika herausstechen, auch ausgesprochen gut. Ruhiger geht es Phils Ballade Up In Mabel's Room an, bei der sich zu sanfter Akustikgitarre, behutsam gesetzten Klaviertupfern und einem warmen Bass eine heimelige Atmosphäre breitmacht.

 

Ganz nebenbei ist von Interesse, dass der Country-Rock, den die Brüder mit dem letzten Album für sich entdeckt hatten, hier mehr auf der Seite des Rock, denn jener des Country zu verorten ist. So finden sich auf dem kantig rustikalen Outlaw-Song Del Rio Dan und der letzten der drei Eigenkompositionen, dem zu zweit ausgeklügelten Green River, weit härtere Gitarrenanklänge, als man sie am 1968er-Werk gehört hatte. Zu verdanken hat die Scheibe diese dem legendären Ry Cooder, der mit seiner Bottleneck Guitar ein unverkennbares Handwerk zur Schau stellt. Beeindruckend ist in diesem Zusammenhang ohnehin ein Blick in die Gästeliste der LP, die ein Starensemble der amerikanischen Pop- und Rockgeschichte offenbart, bei der man sich eigentlich fragt, wo die überhaupt alle auftauchen sollen. Namen wie David Crosby, Clarence White, Warren Zevon, Chris Etheridge, Graham Nash, Spooner Oldham oder John Sebastian, der hier zudem den Titeltrack hat springen lassen, sind nur die Crème de la crème einer illustren Runde an renommierten Gentlemen.

 

Denen gelingt es wunderbar, ein vielseitiges Potpourri amerikanischer Songschreiberkunst adäquat zu begleiten. Immerhin funktioniert es, eine schwermütige Ballade mit seltsamen Keyboard-Spielereien und wundervollem Harmoniegesang, Christmas Eve Can Kill You, erfolgreich neben einer süffig klimpernden honky tonk Boogie-Rock-Nummer namens Three Armed, Poker-Playin' River Rat zu platzieren.

 

Am wichtigsten ist aber, dass die Brüder so professionell sind, dass man ihrem harmonisch vitalen Zusammenspiel nichts von den drückenden Differenzen anmerkt, ganz im Gegenteil. Beide singen fantastisch und wirken nicht so, als wären die erfolgreichsten Tage über zehn Jahre her. Da kann man es sich auch leisten, dass einiges vom fremden Songmaterial weniger umwerfend adaptiert wurde. The Brand New Tennessee Waltz ist als Song zwar unkaputtbar, wird von den anwesenden Musikern vor allem unter Anbetracht der vielen fantastischen existierenden Versionen aber nicht besonders liebevoll runter gespielt, ebenso wenig weiß sich der einleitende Rocker All We Really Want To Do mit seinen schrillen Gitarren zu verkaufen. Und wenn wir schon dabei sind: Der Sound der Platte ist auch ein wenig muffig und angestaubt, besonders im Vergleich zum leichtfüßigen Mix der Vorgänger-LP.

 

Viel mehr kann man Stories We Could Tell aber auch nicht anlasten. Die Everlys sind auch kurz vor ihrem vorläufigen Bruch noch on top of their game und die Armada an namhaften Gastmusikern gibt ihr bestes, herzeigbare Darbietungen aus dem überwiegend vorzüglichem Songmaterial zu basteln, mit denen alle Beteiligten zufrieden sein können. Der Schritt von der Country- zur Rock-Seite ist praktisch mit kaum Einbußen verbunden, auch der suboptimale Klang der LP wird durch seine Großteils starken Tracks ziemlich gut kaschiert. Und den perfekten Abschluss haben diese beiden ungleichen Brüder, die 1972 schon alle Seiten des Geschäfts erlebt hatten und genug Geschichten erzählen konnten, mit der von besagtem Sebastian geschriebenen, beschwingten Titelnummer ja auch noch in petto:

 

And ah, the stories we can tell
And if it all blows up and goes to Hell
I can still see us sitting on a bed in some motel
Just listenin' to the stories we can tell