The Decemberists - Castaways And Cutouts

 

Castaways And Cutouts

 

The Decemberists

Veröffentlichungsdatum: 21.05.2002

 

Rating: 7.5 / 10

von Mathias Haden, 08.11.2013


Die besten Geschichten schreibt bekanntlich das Leben... Das Leben hat nun einen ernsthaften Konkurrenten.

 

Nur wenige Bands schaffen es, sich über mehrere Alben weiterzuentwickeln und immerzu kreativ und frisch zu klingen. Da sind die Decemberists aus Portland, Oregon schon fast ein Geschenk der Götter. Benannt nach dem geschichtlichen Ereignis ('Decembrist revolt'), gründete sich die Band im Jahr 2000 und machte sich nach einer ersten EP rasch an die Arbeiten fürs Albumdebüt. Und dieses, mit Castaways and Cutouts passend betitelt, sollte einen tollen Vorgeschmack auf die zukünftigen Veröffentlichungen geben.

 

Bis jetzt nur Lobpreisungen meinerseits, aber was für Musik betreiben die, wer ist das Zielpublikum? Nun, um es kurz zu gestalten: Die Decemberists sind nichts weniger als eine meiner persönlichen Hoffnungen für die moderne Musikszene. Mit einer Vielfalt, die von frühen (eben Castaways) Indie-Rock Elementen, bis hin zu progressiven 18 Minuten-Epen und der Annäherung an das British-Folk-Revival reicht. Und eines sind sie immer geblieben, nämlich sie selbst. Aber genug der Einführung, die bei einem besseren Verständnis der Band keinesfalls vorenthalten werden darf.

 

Castaways ist ein an düsteren Geschichten gespicktes Gesamtwerk, mit einer Instrumentierung, die von Barock (Orgel und Akkordeon) bis hin zu dezentem Country (Pedal-Steel) reicht. Man merkt der Band natürlich an, dass hier gerade erst die ersten Schritte getätigt werden. Trotzdem klingt vieles schon erquickend positiv.

 

Zum einen natürlich Meloys einzigartiges und ebenso grandioses Songwriting. Schon die ersten Zeilen auf dem tollen Opener Leslie Anne Levine verraten: "My name is Leslie Anne Levine / My mother birthed me down a dry ravine / My mother birthed me far too soon / Born at nine and dead at noon". In ähnlich dunkler Gangart geht es z.B. auf A Cautionary Song weiter, einer düsteren Geschichte über eine Mutter, die sich als Prostituierte in den Häfen herumtreibt, um ihren Sohn zu ernähren, und bei der der Erzähler am Ende zu dem Fazit kommt: "So be kind to your mother, though she may seem an awful bother, and the next time she tries to feed you collard greens, remember what she does when you're asleep".

 

Und dann noch das schaurig ergreifende Odalisque. Dessen Text kann man eigentlich nur vage interpretieren. Vermutlich geht es hier weniger um ein Mädchen mit dem Namen Odalisque, sondern eher um die Odaliske als Bezeichnung (Bediente von Konkubinen oder Sultansfrauen) und den Übergang ihrer Kindheit hin zum bevorstehenden, grausamen Alltag. Anfangs wird sie noch gewarnt von (vermutlich) einer Konkubine ("And when they find you odalisque /They will rend you terribly / Stitch from stitch till all / Your linen and limbs will fall"), am Ende wehrt sich vergeblich gegen den/die Freier ("Lay your belly under mine / You're naked under me, under me / Such a filthy dimming shine / The way you kick and scream, kick and scream"). Ganz groß, dieser Meloy.

 

Apropos Meloy. Singen kann der ja auch noch. Irgendwie erinnert dessen Stimme ein bisschen an eine Mischung aus Jeff Mangum (Neutral Milk Hotel) und Brian Molko (Placebo). Und in der Rolle des Erzählers fühlt er sich augenscheinlich wohl. Besonders auf dem countryesken Akustik-Folkie Grace Cathedral Hill oder dem zur Abwechslung richtig 'optimistisch' instrumentierten Up-Tempo-Rocker July, July!. Letzterer ist der vermeintlich zugänglichste Track und als dieser funktioniert er auch wunderbar.

 

Auch der Rest der Band hält das Tempo gut mit, das der Frontmann vorgibt. Besonders auf Here I Dreamt I Was An Architect, das man aus der beliebten US-Sitcom 'How I Met Your Mother' kennt. Ebenso auf The Legionnaire's Lament, auf dem Meloys (der in die Rolle eines Legionärs mit Heimweh schlüpft) ambitionierter Gesang und das berauschende, mit tollem Akkordeon untermalte, Spiel der Bandkollegen perfekt harmonieren.

 

Schwächen gibt es natürlich auch, wie sollte es vor allem auf einem Debüt anders sein. Besonders auf dem monotonen 7 Minuten-Langweiler Cocoon, der zwar lieblich instrumentiert ist, aber über die gesamte Länge ohne Höhepunkt verweilt. Dazu noch eventuell das, Gott sei Dank, kürzere Clementine, das mit Chris Funks Pedal-Steel eine angenehme, zurückgelehnte Country-Nummer darstellt. Schön allemal, aber leider wieder etwas langatmig. Der Closer, bestehend aus zwei Songs, kann dieses Schicksal dank dem zweiten Teil, in Form eines umwerfend eingespielten Youth And Beauty Brigade, gerade noch abwenden.

 

Die Decemberists liefern mit ihrem ersten Album eine mehr als gelungene Talentprobe ab. Hier hatten sich ein paar großartige Musiker mit einer gemeinsamen Vision getroffen. Von der Perfektion späterer Kompositionen ist man mit dem ersten Meilenstein zwar noch ein gutes Stück entfernt, die Richtung stimmt aber definitiv. Colin Meloys packendes Storytelling und das imponierende Spiel dieser zu jenem Zeitpunkt doch recht unerfahrenen Musiker weiß zu gefallen und soll sich in Zukunft noch Step-by-Step verbessern. Schön zu sehen, dass sich im 21. Jahrhundert noch solche, vom Mainstream unbeeindruckten, Bands gründen lassen. Und, Gott, wie ich dieses Cover liebe. "My name is Leslie Anne Levine / I've got no one left to mourn for me / My body lies inside its grave / In a ditch not far away".