The Byrds - Dr. Byrds & Mr. Hyde

 

Dr. Byrds & Mr. Hyde

 

The Byrds

Veröffentlichungsdatum: 05.03.1969

 

Rating: 7 / 10

von Mathias Haden, 28.02.2016


Mit Genie und Wahnsinn macht die neueste Formation der Band dem Albumtitel alle Ehre.

 

Am Scheideweg stand Roger McGuinn im Herbst des Jahres 1968, als sich mit Chris Hillman der letzte Byrds-Kollege der ersten Stunde verabschiedete und die Zukunft der Band offenließ. Da McGuinn aber erst kürzlich die exzellenten Gene Parsons als Drummer und Clarence White als Gitarristen angeheuert hatte und damit bereits eine verdammt schlagfertige Truppe auf den Beinen hatte, wurde die Idee der Bandauflösung schnell ad acta gelegt. Noch rasch John York als Hillman-Ersatz angelacht und schon konnte die Reise mit zwei Alben im folgenden Jahr erfolgreich fortgesetzt werden - zumindest in künstlerischer Hinsicht.
Wirft man einen Blick auf die erste LP dieser Konstellation, Dr. Byrds & Mr. Hyde, weiß man nicht so recht, mit was man es zu tun hat. Nicht Fisch, nicht Fleisch, könnte man behaupten, erblickt man nach dem Frontcover mit den vier Cowboys die Rückseite im spacigen Outfit. Und tatsächlich sind das die beiden Strömungen, in die sich die Scheibe mit der niedrigsten Chartsplatzierung der Band treiben lässt.

 

Auf der einen Seite natürlich die Fortsetzung des am Vorgänger Sweetheart Of The Rodeo mit Gram Parsons (keine Verwandtschaft zu Gene) initiierten Country-Rocks mit dem zynischen Drug Store Truck Drivin' Man als zentralem Stück. Noch als Überbleibsel vergangener Songwriting-Sessions zwischen McGuinn und (Gram) Parsons im Repertoire, mockiert sich Erstgenannter, der auf Dr. Byrds & Mr. Hyde das einzige Mal alle Lead Vocals übernimmt, zur großartigen Pedal Steel von Lloyd Green über einen renommierten Country-DJ, der in seiner Sendung den Byrds gegenüber abwertende Bemerkungen machte: "He's a drug store truck drivin man / He's a head of the Ku Klux Klan". Die anderen knapp 50% der vorliegenden Tracks lassen sich von abgefahrenen Psychedelic-Ausflügen der letzten Jahre ableiten, insofern stellt die siebente LP in vier Jahren eine Art 'Best of both worlds'-Konglomerat dar, letztlich aber auch die erste, von Kritikern ordentlich verrissene Byrds-Platte. So ganz unverständlich ist das aber nicht, wirken die knapp 35 Minuten doch ziemlich uneinheitlich und in erster Instanz die kosmischen Töne des Öfteren etwas unausgegoren. Bestes Beispiel dafür ist Opener This Wheel's On Fire, ein Jahr zuvor noch ein krönendes Highlight am The Band-Debüt und auch in deren gemeinsamer Version mit Bob Dylan ein zeitloses Schmankerl. Diese prophetische Nummer wird hier mit so viel Dramatik zugepflastert, dass der an sich großartige Song gar nicht zum Atmen kommt, Parsons' Drum-Hall nervt ein wenig und auch das Zusammenspiel zwischen Whites frischem Fuzz-Gebolze und McGuinns charakteristischer 12-String funktioniert noch nicht so recht.

 

Wie wertvoll White für diese späte Konstellation der Byrds aber noch werden würde, deutet sich auch an anderer Stelle an. Dem schwungvollen Country-Tune Your Gentle Way Of Loving Me, den Parsons aus früheren Tagen in petto hatte, haucht er mit fantastischer Lead-Gitarre Leben ein und auch dem unheilvollen Bad Night At The Whiskey hilft er mit harten Gitarrenwänden, wie eine Lawine aus den Boxen herauszubrechen. Dazu noch das Instrumental, nach seiner und Parsons ehemaliger Gruppe Nashville West benannt, auf dem sich besonders die beiden austoben dürfen und ihrer Liebe zu Country & Western Music von Häuptling McGuinn eine dankbare Bühne zur Verfügung gestellt wird.
Dieser scheint es überhaupt sehr zu genießen, die Fäden als einzig verbliebenes Gründungsmitglied erstmals vollständig in der Hand zu haben, die internen Querelen der vergangenen Jahre zudem endlich hinter sich gelassen zu haben. Aber obwohl er mit dem gesellschaftskritischen King Apathy III einen seiner besseren Songs
("All the changes superficial / Apathy still a king / Liberal reactionaries / Never doing anything for now") aufs Album gepackt hat, bleibt er hier nicht vor fragwürdigen Entscheidungen verschont. Mit an Bord sind nämlich auch zwei Kompositionen, die der Bandleader zuvor für den Film "Candy" geschrieben hatte; Child Of The Universe und das gleichnamige Candy. Während Ersteres mit jangelnder 12-String, polternden Drums und einer einnehmenden Melodie noch ein paar Argumente für sich zu Buche stehen hat, ist das seichte Candy eine Wegwerfnummer, die  sich zwischen Country- und Space-Rock nicht entscheiden kann, das Album damit aber immerhin besser repräsentiert als das bluesige Medley als Closer.

 

Nach den Abgängen von Gram Parsons und Chris Hillman gelingt es McGuinn und seinen Byrds allen Widrigkeiten zum Trotz dennoch, aus der Not eine Tugend zu machen und die verschiedenen Soundexperimente der Vergangenheit in einem merkwürdig abgemischten Mix (danke, Bob Johnston) zufriedenstellend ineinander zu verweben. Die neue Band harmoniert noch nicht zu 100%, stellt aber immer wieder eindrucksvoll unter Beweis, dass man der legendären Grundformation in Sachen Musizierfertigkeit mindestens ebenbürtig ist. Dafür fehlt allerdings der rote Faden, der sich durch das Album ziehen sollte und auch den einen oder anderen Füller kann man nicht bestreiten. Musik für Space-Cowboys und jodelnde Astronauten.