The Beatles - Revolver

 

Revolver

 

The Beatles

Veröffentlichungsdatum: 05.08.1966

 

Rating: 9 / 10

von Kristoffer Leitgeb, 22.10.2016


Alles Gute zum 50er für den obligatorischen Beatles-Meilenstein. Reloaded...

 

Der Kollege will immer noch nicht, was bedeutet, dass ich auch dieses Jahr einer LP dieser britischen Band, die manche von euch vielleicht kennen, zum halben Hunderter gratulieren "darf". Eine elendigliche Aufgabe, weil insbesondere über den siebenten regulären Albumauftritt der Beatles schon so unfassbar viel geschrieben, geredet, gesungen und wahrscheinlich auch getanzt wurde, dass ich, wenn ich einfach nur Zitate zusammensuche, auch auf zirka 2000 Wörter käme und noch welche in der Hinterhand hätte. Aber es hat Vorteile, also eigentlich vor allem einen: Die LP bekommt keinen 10er! Das ist schon einmal viel wert, auch wenn ich natürlich jedes einzelne Merchandise-Trumm besitze, das dieser Band jemals gewidmet wurde. Eine Bemerkung der bisherigen war eine Lüge, welche, darf geraten werden.

Das mit dem Rating übersteht aber auch einen Lügendetektortest. Nein, dieses Album ist nicht perfekt. Und zur Überraschung aller liegt es nicht nur an Yellow Submarine.

 

Oh, da fehlt eigentlich davor etwas. Also, es fällt relativ schwer, über die Beatles zu schreiben, sie in vielerlei Hinsicht zu loben und trotzdem nicht in Superlative zu verfallen. In Bezug auf die Qualität wären die nur partiell angebracht, zumindest einen Aspekt kann man aber kaum genug hervorheben und das ist die Bedeutung dieser 14 Songs für das Quartett. "Revolver" ist, wenn es auch ziemlich sicher nicht die Überdrüberrevolution ist, als die sie in Musikgeschichtsbüchern steht, sicherlich ein bandeigener musiktechnischer Quantensprung. Und zwar der wahrscheinlich bedeutendste in einer Karriere, die ohnehin der Sprünge genug vorweisen kann. Nur einer kommt da heran, nämlich der, der "A Hard Day's Night" als erste komplett selbstgeschriebene und insbesondere als erste ansprechend produzierte LP war. 1966 musste naturgemäß mehr als das passieren und die Beatles ließen sich nicht lumpen, machten "Revolver" sogleich zu ihrem ersten persönlichen Experiment in Albumform.

 

Das wiederum brachte alles, nur keine Abkehr vom simplen Format des poppigen Zwei- bis maximal Dreiminüters. Aber man muss Stärken auch nicht komplett aushebeln, um sich zu erneuern. Im Gegenteil, diese komplett nahtlose Verbindung des mittlerweile aus dem Handgelenk geschüttelten Ohrwurms mit den zunehmenden Einflüssen aus der die Band umgebenden Rockkollegenschaft und extravaganteren musikalischen Arealen lässt einen Zeitweise nur jubeln. McCartneys komplette Vernachlässigung all dessen, was eine Rockband eigentlich ausmachen sollte, bringt einen zum Beispiel als Hörer in die sehr vorteilhafte Lage, Eleanor Rigby erleben zu können. Was fast zu dem Gedanken führt, dass eine LP nur mit McCartney und Streicher-Oktett im Hintergrund voll der Hit wäre. Im kleineren Rahmen bleibt, dass sein bedächtig gesungenes und auf instrumentaler Ebene mit cineastisch-dramatischer Einfachheit arrangiertes Song auf ewig ein Höhepunkt der Bandgeschichte bleiben sollte, sei es wegen der unheilvollen Prägnanz der Musik oder wegen der ähnlich wenig aufmunternden Zeilen, die der Bassist zu bieten hat.

 

Nicht immer sind die Brüche so dramatisch - durchaus mehrdeutig zu verstehen - wie eben in diesem Fall oder mit Harrisons (Drogen-)Trip nach Indien, Love You To, dessen sphärisch produziertes Aufeinandertreffen von Tabla, Sitar und dem zu unorganischem Klang verzerrten Gitarrenpart gleichermaßen faszinierend und befremdlich wirkt. Dass die Band nämlich mit Taxman eröffnet, einem Opener stilistisch fast deckungsgleich zu dem von "Rubber Soul", Drive My Car, wird seine Gründe haben. Doch selbst diesen geradlinigen Rock und seine aggressiv-sarkastische Botschaft durchziehen mit dem dezenten - im verzerrten Sound etwas untergehenden - orientalischen Touch des Gitarrensolos und dem zwischen Motown und Funk herumrudernden Rest Eigenheiten, die der bis dahin vorherrschenden Einfachheit nicht mehr voll entsprechen. Mit dem bisschen Country von Dr. Robert oder dem "Merseybeat lernt Bläser kennen"-Schema von Got To Get You Into My Life verhält es sich ganz ähnlich. Und selbst wenn man im Fall von Good Day Sunshine einfach nicht und nicht an den Klavierparts vorbeikommt, sind das ohne Zweifel nicht die großen Errungenschaften, die "Revolver" ausmachen. Eher schon gelungene Verfeinerungen und Modifikationen bekannter Formeln.

 

Wieviel berechnende Strategie hinter dieser Gestaltung der Tracklist steckte, wird schwer herauszubekommen sein. Die Chancen stehen aber gut, dass es schwierig gewesen wäre, ein Album voller Momente wie dem finalen Triumph Tomorrow Never Knows ähnlich bekömmlich zu gestalten. Ein Track, mehr Collage als gängiges Songmaterial, könnte in mancherlei Hinsicht als das ultimative Meisterwerk der Beatles bestehen. Wenig überraschend einem LSD-Trip Lennons entsprungen, werden die drei Minuten aber gerade durch die - mehr oder weniger - nüchternen Arbeiten und Tüfteleien im Studio zu einem Fest für bemühte Zuhörer. Eine einzige große Spielerei, zusammengehalten von Lennons ambitionierter Songidee und George Martins Fokus, der die diversen Loops des Quartetts und die rückwärts abgespielten Instrumentalparts zu einer grenzgenialen Einheit psychedelischen Pops formt. Lennon wiederum ist über allem zugutezuhalten, dass er in diesem Sammelsurium der Töne, inmitten technisch gequälter Gitarren- und Drumparts alles andere als untergeht, sondern mit seinem stimmlich monotonen Monolog genau den richtigen Akzent zum Song hinzufügt.

Im Lichte dessen ist es umso großartiger, dass der zweite krönende Höhepunkt der LP einer von McCartneys lieblich-kitschigen Pop-Momenten ist. An For No One reicht auf diesem Gebiet in puncto nicht übertriebener Emotion und Eleganz wenig heran, selbst mit dem unter wehmütigen Zeilen zwangsläufig deplatzierten Horn als dezentem Makel.

 

Nach dieser endlosen Lobhudelei nun zum notwendigen Klartext. Zum einen: "Revolver" ist im Endeffekt selten genial. Ein geniales Konzept möglicherweise, aber dass Paulys Süßholzraspeln in Here, There & Everywhere oder Johnnys so unfassbar offensichtlichem musikalischem Drogenzugeständnis She Said She Said der Legendenstatus anhängt, macht sie noch nicht perfekt. Der filigrane Detailreichtum, den die Band neben ihrer eigenen Experimentierfreude vor allem Martin zu verdanken hat, ist in keinem Moment zu leugnen. Jede Tonspurverzerrung hinterlässt ihren Eindruck im Song, jede verzerrte Zeile scheint mit Hintergedanken platziert. Aber diese Kombination aus relativ mondänen Klängen und Präzision ist nicht gar so lockerleicht zu hören. Schläferhymne I'm Only Sleeping oder Dr. Robert erreichen nicht mehr als die Stufe des passablen Wohlgefallens. Und während das auch für McCartneys Verhältnisse ziemlich einfach gestrickte Good Day Sunshine mit dem Klavier sein Auslangen findet und And Your Bird Can Sing einen genialen Riff zu bieten hat, bleibt trotzdem noch Yellow Submarine als Schandfleck über. Was macht dieser Song da?! Irgendwann gewöhnt man sich daran, dass Ringo einfach immer einen Song bekommen muss - vor allem, weil sowas wie What Goes On tatsächlich gut klingt -, aber muss der so ausschauen? Und zwar nicht, weil er stümperhaft wäre, sondern im Gegenteil, weil ein kindlich-dümmlicher Track mit so offensichtlicher Hingabe verfeinert wurde. Verfeinert, nicht wirklich verbessert, so ziemlich keiner der eingebauten Klangschnipsel tut viel für das Hörvergnügen.

 

Darf infolgedessen trotzdem noch ein 9er als Rating dastehen? Wahrscheinlich nicht. Aber ich bin hier der Kritiker und kann hier fragwürdig bewerten, wie ich will. Außerdem und in diesem Fall tatsächlich ernst gemeint: "Revolver" ist nicht wirklich schlechter als "Rubber Soul", auf rein technisch-musikalischer Ebene eher das Gegenteil. Es ist nur schwerer, es auch genauso sehr zu mögen. Hauptsächlich deswegen, weil die Studio-Präzision und der Detailreichtum, der die dahinter steckende Arbeit offensichtlich macht, für eine nicht zu leugnende Distanz zu so manchem Song sorgt. Man staunt, recht ordentlich sogar, aber wann immer der Mensch staunt, geraten andere Emotionen etwas aus dem Fokus. Paul McCartney ist es vorbehalten, einen doch zweimal ganz ordentlich zu erwischen, John Lennon sorgt für finale Sprachlosigkeit. So ist dann die Welt wieder ziemlich heil und das Album wieder ziemlich großartig, auch 50 Jahre später noch.

 

Anspiel-Tipps:

- Taxman

- Eleanor Rigby

- For No One

- Tomorrow Never Knows