The Beatles - Please Please Me

 

Please Please Me

 

The Beatles

Veröffentlichungsdatum: 22.03.1963

 

Rating: 7.5 / 10

von Mathias Haden & Kristoffer Leitgeb, 10.10.2015


Liebesgrüße von der Merseyside: Erste Gustostückerl aus den legendären Abbey Road Studios.

 

Na also, geht ja. Widmet sich der einst in einem einleitenden Kommentar Gebetene schließlich doch noch einleitend den von allen Seiten Angebeteten. Warum auch nicht, dürfte ja ein dankbarer Job werden, dem unsterblichen Pilzhaarschnitt und seinen prominentesten Repräsentanten ein paar enthusiastische Zeilen zu widmen. Wer allerdings die Magie der legendären Sechziger sucht, der darf hier auf spätere LPs des Quartetts (wie Rubber Soul) vertröstet werden, sollte sich vorher aber auch informieren, warum diese hier vergeblich zu finden sind. Anno 1963, als nach einer Ära an Gigs in Hamburg und einer überraschend erfolgreichen Single Love Me Do eine unvergleichliche Karriere mit Please Please Me eingeleitet wurde, standen Rockmusik - von dem man erst Jahre später sprach - und besonders die LP noch in den Startlöchern; die 7" Single stand nach wie vor in der Blüte und gab sein Zepter nur höchst widerwillig ab.

 

Diesen Widrigkeiten zum Trotz finden sich auch am ersten Longplayer der Beatles feinste Tunes, hübsche Arrangements und eine erfrischende Dosis Rock 'n' Roll, frisch aus den Abbey Road Studios und den Händen George Martins. Logo, die Automatismen greifen in diesem frühen Stadium noch nicht so perfekt, weder das gemeinsame Songwriting, noch die gefürchtete Symbiose der beiden Leader ist hier bereits am Höhepunkt, trotzdem atmen die knapp 30 Minuten eine Mischung aus dem Beat der frühen Sechziger und dem dreckigen Dunst der Merseyside. Das alles überragenden Stücke ist freilich der damals anstößig aufgefasste Titeltrack mit seinem unverwechselbaren Mundharmonika-Auftakt und dem gediegenen Zusammenspiel der vier Liverpooler. Daneben kokettieren etwa Anna (Go With Him) - eine von sechs Coverversionen - , als Lennons erste große Ballade mit fragilstem Gesang und hübschen Gitarrenakzenten aus der Richtung Harrisons, das bekannteste Stück I Saw Her Standing There mit seinem unwiderstehlichen Drive und das abschließende Twist And Shout, bei dem noch kein Bein der Versuchung des taktvollen Wippens zu widerstehen vermochte.

 

Schwachstellen gibt es wie oben angedeutet, jedoch eher in Form von technischen Mängeln und fehlender Erfahrung, die der LP sogar einen gewissen Charme verleihen. Trotzdem hätte es, bei allem Respekt für den Drummer, Ringos Boys nicht unbedingt bedürft, das zwar mit starker Rhythmusabteilung aufwartet, in seiner ziellosen Vorwärtsbewegung und mit Starrs mäßigen Gesangseinlagen nur höchst eingeschränkt Freude bereiten kann. Alles in allem steht Please Please Me mit seiner rauen Rock 'n' Roll-Ästhetik und seinen schwungvollen Beat-Rhythmen für einen fantastischen Einstieg einer unvergleichlichen Karriere - und doch nur als Appetizer für weitere Glanztaten, welche die Fab Four dem Himmel (und Jesus) noch weit näher bringen sollten.

Sorry, aber selbst eine Kurzbeschreibung funktioniert ohne seine essentiellen Hintergründe nur bedingt, der inhaltliche Fokus wird dafür beim Kollegen umso mehr ins Scheinwerferlicht gerückt. Und um nicht an der eingangs verlesenen Aufgabestellung vorbeizupinseln, noch ein Schlusswort: Pilzfrisuren waren nie cool und werden es nie sein, sorry Justin.

 

M-Rating: 8 / 10

 


Die Fab Four sind zum Start noch nicht so fabulous, die späteren Meister aller Klassen hört man trotzdem schon heraus.

 

Glaubt dem Typen über mir kein Wort, er ist ein hoffnungsloser Fall. Er ist für die Beatles das, was waffennarrische Texaner für die Republikaner oder die Tifosi für die F1-Abteilung von Ferrari sind. Da gibt's fast nur himmelhoch jauchzend oder zu Tode betrübt und weil die Fab Four seit über 40 Jahren keine Musik mehr gemeinsam gemacht und also nie versagt haben, bleibt kein Platz für letzteres. Wenn also Kollege M für den nötigen Batzen euphorischer Zuneigung zuständig ist, braucht es irgendwo diesen unsympathischen erhobenen Zeigefinger und wer wäre dafür besser geeignet als der Typ, der den Zeigefinger ohnehin nicht runternimmt?

 

Blöd nur, dass die LP tatsächlich gut ist, auch wenn von "feinsten Tunes" nur selten zu sprechen ist. Etwas überraschend scheint der beste Beatle ganz zu Anfang George Harrison zu sein, vor allem wenn es um die Arbeit am Mikro geht. Die große Show bietet er zwar nicht, doch das kurze Do You Want To Know A Secret? bringt diesen etwas gewöhnungsbedürftigen Mix aus Rock 'n' Roll, R'n'B und fast schon Surf-Rock am besten zur Geltung, weil Harrison bemühter und klarer klingt als die Kollegen, gleichzeitig aber der Background-Gesang ideal eingepasst und abgestimmt ist. Dass musikalisch nicht viel falsch läuft, überrascht ohnehin wenig, die Großtaten der Band folgten ja keine drei Jahre später. Noch weniger läuft in Chains falsch. Das hat diese wunderbare Eigenart, irgendwie hingerotzt und trotzdem harmonisch eingespielt zu wirken. Deswegen wirkt es eigentlich ehrlicher als die meisten Pop-Nummern, die sich drumherum stapeln, was dafür sorgt, dass tatsächlich eine der ach so vielen romantischen Botschaften tatsächlich ankommt, was sonst nur mehr dem schon ausreichend gelobten Anna (Go With Him) gelingt.

Das braucht es erfahrungsgemäß aber nicht für klassische Gassenhauer und griffigen Pop-Rock, was für Love Me Do, den Titeltrack, vor allem aber I Saw Her Standing There nur Gutes bedeutet. In puncto Botschaft zwar ziemliche Nullnummern, dafür aber ein erster Beweis für die Stärke des Komponisten-Duos Lennon/McCartney und ziemliche Hausnummern, wenn es darum geht, die infinite Eingängigkeit so intiutiven Songwritings zu belegen.

 

Jetzt bringt einem aber die beste Komposition wenig, wenn sie nicht passend in Szene gesetzt ist. Und wo könnte es bei "Please Please Me" eher hapern als dort? Die suboptimale Produktion, allzu oft entschuldigt mit den Worten "Das war halt die Zeit damals", sorgt dafür, dass Harrisons Gitarre karg und hohl dahinklingt, wird außerdem fast konstant unterstützt durch die durchwachsenen Gesangsleistungen. Lennon krächzt sich mit seinem gereizten Hals wacker durch die Songs, klingt dabei aber genauso ein wenig überfordert wie der restliche Trupp beim Versuch, die Backgroundgesänge flüssig klingen zu lassen. Das nimmt dann doch einiges der Wirkungskraft in Songs wie Misery, dem ohnehin kitschigen P.S. I Love You und allen voran Twist And Shout, das trotz Energieüberschuss letztlich ein einziges raues Geschrammel und Gejaule ist.

Überhaupt bleiben ein paar Fragen offen. 13 Stunden Aufnahmezeit? Alles an einem Tag? Und warum klingen die Beatles eigentlich manchmal, als würden sie darauf abzielen bald bei Motown zu unterschreiben?

 

Muss ja nicht alles geklärt werden. Wenigstens wissen wir dank des Kollegen mit Sicherheit, dass Pilzfrisuren immer schon lächerlich waren. Ist ja auch was. Wir wissen auch, dass Lennon und McCartney das Songwriting genauso wenig erst nach "Please Please Me" erlernt haben wie Harrison sein Gitarrenspiel. Da waren sie auch damals schon ziemlich oben auf. Deswegen ist das Endergebnis, das diese 14 Tracks darstellen, noch immer beileibe kein schlechtes. Die überwältigende Qualität schlägt einem bei dieser halben Stunde enthusiastischen, aber eben doch holprigen Pop-Rocks aber sicher nicht entgegen.

 

K-Rating: 6.5 / 10