The Beatles - Let It Be

 

Let It Be

 

The Beatles

Veröffentlichungsdatum: 08.05.1970

 

Rating: 6 / 10

von Kristoffer Leitgeb, 26.09.2020


Ein (un)würdiges Finale, das alles abdeckt: Exzellenz, Gefühl, Mäßigkeit, Geschmacksverirrung.

 

This is the end, my only friend, the end.... Oh, warte, falsche Band.

It's all over now, all over now, baby blue... Hm, noch immer nicht richtig.
There will be an answer, let it be.... Ha, endlich! Aber der Albumtitel macht es einem auch nicht einfach, auf den richtigen Song zu kommen. Na, jedenfalls war es 1970 endgültig vorbei und zwar zum Zeitpunkt, als "Let It Be" auf die gespannte Welt traf, auch schon offiziell, sodass zur antizipierenden Spannung auch einiges an Wehmut und Trauer dazu kamen. Die Beatles auf einmal weg, nachdem sie doch eigentlich immer, also zumindest sieben Jahre lang, da waren. Aber es hatte sich angekündigt in den Jahren davor, dass die Harmonie endenwollend, das Banddasein wohl keines für alle Ewigkeit war, was aber nicht daran liegt, das die Band oder zumeist Teile davon es nicht versucht hätten. Dass 1969 das Projekt "Get Back" ausgerufen wurde, kam jetzt nicht ganz zufällig und war nicht nur darin begründet, dass man musikalisch wieder die eigenen Wurzeln und höchsten Hochs der mittleren 60er ins Auge fassen wollte. Damit sollte schon auch ein neuer Zusammenhalt einhergehen, der den Fortbestand der Fab Four begünstigen könnte. Dass aus "Get Back" nach langem Hin und Her und dem dazwischen aufgenommenen und veröffentlichten "Abbey Road" irgendwann "Let It Be" wurde, darf als  symptomatisch dafür gelten, wie sehr das Ziel des Projekts verfehlt wurde. Genauso wie die durchwachsene musikalische Bilanz.

 

Diese hat diverse, nur mäßig miteinander verbundene Ursachen. Das ganze Projekt gleich einmal multimedial anzulegen, mag den Fokus ein bisschen von der reinen klanglichen Qualität der LP wegbewegt haben. Die Unstimmigkeiten innerhalb der Band taten jedoch ihriges, um eine Fertigstellung des Albums in die Länge zu ziehen und es ultimativ zur Fertigstellung in die Hände eines Phil Spector zu geben. Der hat nicht zu Unrecht einiges dafür abbekommen, was er aus so manchem Track gemacht hat, ist aber, wie John Lennon zu seiner Verteidigung einmal anmerken sollte, nicht verantwortlich dafür, dass das zugrundeliegende Songmaterial bereits nicht dazu geeignet war, einen wirklich grandiosen Abschluss für die Band zu formen. Dafür ist "Let It Be" zu zerrissen, wenn es sich auch musikalisch weit eher den Basics widmet, als man mitunter von den Briten gewohnt war. Die klangliche Diskrepanz ist deswegen dennoch eine beachtliche, wenn leichtgewichtiger Country-Rock auf eine wehmütig-theatralische Klavierballade, schwerfälligen Blues-Rock und ein bisschen Folk trifft. Psychedelische Anwandlungen entdeckt man in all dem zwar nur ein Mal, wenn überhaupt, aber eine wirklich homogene Masse wird aus diesem Album dann doch nicht.

 

So schaut es dann auch qualitativ aus. "Let It Be" spart gar nicht so sehr mit eindeutigen Höhepunkten. Sowohl das eröffnende Two Of Us, das als Duett von McCartney und Lennon und großteil der akustischen Gitarre und Ringos unaufdringlichen Drums gewidmeter Song großartig funktioniert, als auch der straighte, energiegeladene Closer Get Back  zeigen die Band noch einmal von einer ihrer besten Seiten. Speziell der Abschluss der LP, der mit der Refrainzeile "Get back to where you once belonged" quasi das ursprüngliche Credo des ganzen Projekts zusammenfasst, besticht durch das dynamische Zusammenspiel von Lennon und Harrison an den Gitarren und Billy Preston am Fender Rhodes Piano. Der liefert mit dem abgehackt-harten Riff unter sich auch eine geniale Bridge, während Ringos dahinrollende Drums den nötigen Nachdruck garantieren und McCartneys ungeschönt-leidenschaftliche Gesangsperformance seinen Höhepunkt am finalen Album der Beatles markiert. Und weil es da ja noch einen dritten beschlagenen Songwriter im Bunde gibt, liefert George Harrison mit I Me Mine ein letztes Mal im Namen der Band ein Gustostückerl ab. In typischer Manier spirituell angehaucht und dem textlich dem Egoismus entgegentretend, ist der starke Kontrast aus den sphärischen, schwerfälligen Walzerstrophen, die Spector wenigstens nicht allzu störend zwischenzeitlich mit Choral, Streichern und Bläsern ergänzt, und dem druckvollen Rock'n'Roll-Geschrammel des Refrains ein Genuss.

 

Das war es dann aber mit dem herausragenden Material auch schon, sodass man sich rundum mit passablen bis genuin unguten Minuten abfinden muss. Der gefühlvoll startende, letztlich aber recht blutleer geratene Blues-Rock von Dig A Pony gehört da genauso zur ersten Gruppe wie der locker runtergespielte Klavier-Rocker One After 909, der im Ohr gut ankommt, aber nichts Erinnerungswürdiges mitbringt, oder Harrisons ungewohnter Ausritt ins leichtgewichtige Terrain mit For You Blue. Dessen interessanter Part überlebt die Introsekunden kaum, mündet in recht hölzernem Plucking an der akustischen und mal unpräzise, mal ziemlich großartig anklingenden Einlagen von Lennon an der Steel Guitar. Die paar interessanten Eindrücke durch Lennon rechtfertigen aber nicht, wie nervig der Song abseits davon ist.

Wirklich bitter wird es aber hauptsächlich dort, wo Spector allzu deutlich Hand angelegt hat. Across The Universe ist auch ohne sein Zutun, wie man beispielsweise in der älteren Past Masters Version hört, kein Glanzstück, schlurft musikalisch scheintot dahin, ohne dabei in irgendeiner Weise harmonisch oder präzise zu klingen. Stattdessen wirkt trotz des grundsätzlich simplen Arrangements diese Vermengung von Gitarren, Drums und Bass unförmig und störrisch, genauso wie Lennon inmitten dessen daneben klingt. Dass Spector geglaubt hat, darüber unbedingt noch Streicher und Chor legen zu müssen, zieht den Song dann nur mehr endgültig in den Abgrund. Noch unwillkommener sind Spectors Ideen in The Long And Winding Road, das aus mir unerfindlichen Gründen zunehmende Kritikergunst genießen dürfte, in Wahrheit aber eine kolossale Schnulze aus McCartneys Feder ist, die Spector mit allem vom Chor bis zur Harfe zukleistert, um den ohnehin schon schmalzigen Gesang in ein unpackbares, theatralisch-kitschiges Nirvana zu befördern. Da ist kaum zu verteidigen.

 

Will man schon unbedingt bedeutungsschwangere Minuten aus der Feder von Sir Paul, dann sollen es doch hier bitte die von Let It Be sein, die sich zwar entgegen ihrer anhaltenden Beliebtheit und Lobpreisung eher nicht dazu aufschwingen, eine der besten Beatles-Kompositionen zu sein, aber trotzdem stimmungs- und gefühlvolles Pop-Handwerk darstellen. Dennoch geht dem Song die Intimität von perfekten Minuten wie jenen von Yesterday ab, wird doch die simple, allerdings unbestreitbar starke Klaviermelodie eher ungebeten von zu dominanten  Einlagen Ringos, einem übermäßig lauten Harrison-Solo und prominent eingemischten Orchesterparts begleitet, die das Arrangement überdimensioniert erscheinen lassen. Da hat die Singleversion klare Vorteile. So oder so geht einem jedoch hier wie auf dem gesamten Album etwas wie Don't Let Me Down, das sich als eine der emotionalsten Kompositionen in Lennons Repertoire und großartige gemeinschaftliche Performance der Band einen Platz hier und nicht lediglich als B-Side von Get Back redlich verdient gehabt hätte.

 

Es kam anders und "Let It Be" wurde eines möglichsten Höhepunkts beraubt, während so manch für die Beatles recht unwürdige Minute einen Platz gefunden hat. Die durchwachsene Reputation, die der Schlusspunkt - zumindest in puncto Releasedatum - des gemeinsamen Schaffens genießt, ist vor diesem Hintergrund nicht unbedingt ungerechtfertigt. Zwischendurch kommt immer noch Genialität und Inspiration durch, bekommt man auch ein Bild davon, was der ursprünglich dem Projekt innewohnende "Back to the roots"-Ethos zu bedeuten hat. In seiner Gesamtheit ist das hier zusammengefasste Material aber nicht konstant genug, um von der Stärke einzelner herausragender Momente wirklich profitieren zu können. Es ist ein Auf und Ab, bei dem es an mehreren Fronten krankt und das definitiv nicht auf eine Art überzeugt, die es zu einem wirklich würdigen Abschluss einer solch beispiellosen Karriere machen würde. Auf der anderen Seite war bei den Beatles auch davor nicht immer alles erstklassig, insofern ist ein Ende der Fab Four, das musikalisch noch einmal alles abdeckt, die qualitativen Höhen, die Tiefen und alles dazwischen, vielleicht gar nicht so schlecht.

 

Anspiel-Tipps:

- Two Of Us

- I Me Mine

- Get Back