The Beatles - The Beatles

 

Abbey Road

 

The Beatles

Veröffentlichungsdatum: 26.09.1969

 

Rating: 8 / 10

von Kristoffer Leitgeb, 08.11.2019


Eine letzte, etwas unstete Machtdemonstration bevor der Vorhang fällt.

 

Die vorerst vorletzte Gelegenheit, einem dem kanonischen Kern dessen, was die Beatles in ihrer nicht gar langen gemeinsamen Zeit so alles geschaffen haben, wird die letzte für überschwängliche schriftliche Kniefälle vor der zeitweiligen Genialität dieses Quartetts sein. Natürlich ist allein das bemerkenswert. Immerhin war 1969 nicht mehr sonderlich viel mit Einklang, Harmonie und dem Sinn fürs Gemeinsame, was an und für sich keine wahnsinnige Neuigkeit bedeutet, aber so kurz vor dem Ende der 60er einen Höhepunkt erreicht hat, der schon die Entstehung von "Abbey Road" zu einer Leistung für sich macht. Das vorangegangene Projekt "Get Back", das im Jahr darauf mit diversen, von Bandseite nicht abgesegneten Änderungen als "Let It Be" in die Welt entlassen wurde, war in seiner ursprünglichen Ambition als Mischung aus Album, Liveauftritt und filmischer Dokumentation dessen eindrucksvoll gescheitert. Und an diesem bandinternen Tiefpunkt angekommen, hat man nur wenige Wochen später wieder zusammengefunden, um etwas aufzunehmen, das an die glorreichen Zeiten der Band erinnert.

 

Natürlich war das bis zu einem gewissen Grad bereits die Idee hinter "Get Back", das ja das gemeinsame Einspielen von Songs wieder in den Mittelpunkt rücken und die Produktionsexzesse vorangegangener Alben zurückschrauben sollte. "Abbey Road" wiederum ist der erfolgreiche Versuch eines Kompromisses, der Paul McCartneys ungebrochen ambitionierten Zugang mit John Lennons zumindest strukturell konventionelleren Vorstellungen unter einen Hut bringen sollte. Hier die Idee ineinanderlaufender Songs und eines albumumspannenden stilistischen Konzepts im Sinne von "Sgt. Pepper's Lonely Hearts Club Band", da der Wunsch, einfach nur Songs aufzunehmen und ein Album daraus zusammenzustellen, möglichst vielleicht noch fein säuberlich auf verschiedenen LP-Seiten angeordnet je nach Songwriter. Herausgekommen ist eine Mischung aus beidem, eine kaum zusammenhängende Songansammlung, die die erste Albumseite einnimmt und auf Seite 2 überschwappt, und ein aus diversen Kompositionen und Teilen davon in detailverliebter Arbeit arrangiertes Medley als letztlich inoffizielles Finale der Beatles-Ära.

Weil das alles wenig bis gar nichts über den Sound des Ganzen aussagt, ist wohl ein kurzer Abstecher in diese Richtung nötig. "Abbey Road" klingt...präzise und angenehm. Das sind schwammige Zuschreibungen, aber höchst passende Adjektive für diese durchwegs nicht überbordend in Soundspielereien begrabenen Songs. Die sind allein in der Hinsicht beeindruckend, dass sie nahtlos das Gefühl von traditionellerem Rock ohne große Anfälle von Exzentrik mit dem unglaublichen Händchen George Martins und auch der Band für einen jede Feinheit perfekt ausleuchtenden, facettenreichen Sound verbinden.

 

Dementsprechend mangelt es nicht an Minuten, die Begeisterung und Ehrfurcht auslösen können. Lennons bluesige Seite sorgt dahingehend für zwei herausragende Momente in der ersten Albumhälfte. Opener Come Together stampft mit Ringos wuchtig dumpfen Drums kraftvoll dahin, glänzt mit Lennons trockenem, stetem Riff, McCartneys prägnant ansteigender Bassline und Harrisons grandiosen Licks insbesondere in der Bridge und im langgezogenen Outro, in dem auch das Keyboard als starker Akzent dazugesellt. Es geht aber noch cooler, weil Lennon in I Want You (She's So Heavy) diesen Blues-Sound gleichermaßen in psychedelisch drückender Härte zelebriert, solange sein gedämpftes "She's So Heavy" ertönt, auf der anderen Seite aber mit dem wiederum nicht zu toppenden Bass und Ringos smoothem Auftritt insbesondere an den Becken den "I Want You"-Part schon fast in Richtung Jazz abdriften lässt. Diese Mixtur ist erstklassig und überlebt auch die lang angesetzen fast acht Minuten, die in einem dreiminütigen, quasi Heavy Metal vorwegnehmenden instrumentellen Outro gipfeln.

 

Und damit wäre noch gar nicht viel vom Album angetastet. Harrison findet neue songwriterische Höhepunkte in den sentimental-süßlichen Something und Here Comes The Sun, beide großartig gesungen und mit Streichern und Flöten verziert, sodass man lediglich die Hammondorgel im eigentlich so wunderbar zurückhaltenden Liebeslied Something als etwas Fehl am Platz wahrnimmt. Abseits davon sind es erfrischend gefühlsbetonte Minuten, beide instrumentell wunderbar ausgestaltet und arrangiert, ohne dabei Gefahr zu laufen, in kitschiges Terrain abzurutschen. McCartney wiederum verewigt sich mit dem schleppenden, im klassischen R&B und Blues verwurzelten Oh! Darling zwar auch ebendieser etwas kitschigen Manier, allerdings genauso mit einer seiner leidenschaftlichsten Performances seit langem. Und er zeichnet immerhin auch zu einem Gutteil verantwortlich für das ehrgeizige Medley, das das Album beschließt. Dass er es so gekonnt eröffnet wie mit dem auf diversen musikalischen Hochzeiten tanzenden You Never Give Me Your Money, ist nur folgerichtig. Als theatralische Pianoballade mit sanftem Harmoniegesang beginnend, landet man plötzlich bei Boogie-Klavierakkorden, abgehackten, kernigen Gitarrenriffs und zum krönenden Abschluss einem in gesangliche Höhen abdriftenden Abzählreim. Warum das zusammengehört, weiß niemand so genau, aber es klingt stark.

 

Allerdings stellt sich die Frage, ob man das für das Medley insgesamt auch einfach so sagen kann. So viel Arbeit und Gedanken vielleicht auch in den spürbaren Fluss des aus acht einzelnen Tracks bestehenden Songamalgams geflossen sein mögen, ein schlüssiges Ganzes ergibt sich daraus trotzdem nicht. Man bekommt mit dem kantigen Rocker Polythene Pam und manch anderen dieser Songteile immer noch starke Minuten geliefert, zu etwas Herausragendem fügt sich allerdings nichts mehr zusammen. Sun King ist im Gegenteil ein zwar leicht hypnotisches, aber ultimativ wirkungsloses Überbleibsel aus psychedelischen Tagen, Golden Slumbers und Carry That Weight wiederum ein Zugeständnis an McCartneys Hang zur cineastischen Melodramatik, denen die aufwallenden Streicher und Bläser, genauso wie der schleppende mehrstimmige Gesang nicht wahnsinnig bekommen. In diesen Momenten ist das kompetent geformtes Stückwerk, das nicht zusammengehört und sich letztlich stilistisch ein bisschen zu verirren scheint, was womöglich ein Grund dafür ist, warum diese Ideen keine ganzen Songs, sondern lediglich Medley-Bausteine geworden sind. Zusätzlich gedämpft wird die Begeisterung über einiges, das einem hier geboten wird, auch durch anstrengend kindisch und verspielt wirkende Kompositionen wie Maxwell's Silver Hammer oder Ringo-Song Octopus's Garden, der als wohl einziger Track des Albums arrangementtechnisch und damit klanglich überladen und neben der Spur wirkt.

 

Daraus ergibt sich oberflächlich ein gespaltenes Urteil, das aber in Wahrheit viel eher eines gedämpfter Begeisterung ist. "Abbey Road" ist nämlich insgesamt das wohl bestgeformte Album der Band seit "Revolver", auch wenn es aufgrund mancher mäßig ankommender Tracks nicht an die Großtaten aus der Mitte der 60er heranreicht. Das gilt ohnehin nur mit Blick auf die gesamte LP, denn im Einzelnen finden sich hier nach der dahingehend etwas mageren Ausbeute auf dem vorangegangen Ungetüm, dem "White Album", wieder genug ohne jeden Zweifel herausragende und an der Perfektion anstreifende Stücke. Nichtsdestotrotz hätte es geholfen, wäre die Band auch in puncto Laufzeit zu den Tugenden ihrer besten Tage zurückgekehrt. Ein paar Minuten hätten sich wohl einsparen lassen, sodass der Eindruck, den die besten Songs hier machen, ungetrübt bleibt von der einen oder anderen mäßigen Erscheinung. So oder so darf man sich noch einmal verneigen vor dem größten Quartett der Musikgeschichte und genießen, was sie so unter Mithilfe des unverzichtbaren George Martin hervorzaubern können.