The Band - Cahoots

 

Cahoots

 

The Band

Veröffentlichungsdatum: 15.09.1971

 

Rating: 5.5 / 10

von Mathias Haden, 12.10.2015


Enttäuschendes Stück Bandgeschichte, das eine Phase der Disharmonie bestens dokumentiert.

 

Man kennt sie doch, die alten Gassenhauer unter den philosophischen Maximen. Der ewige Klassiker vor dem Herrn, "Geschichte wiederholt sich", im medialen Alltag nicht minder aufdringlich als "Geld schießt keine Tore" aus der Fußballecke, hängt uns wohl nicht erst seit der aktuellen Wahl [Stand 1.10.2015] zum Halse hinaus. Dass diese bis zur Erschöpfung bemühten Phrasen freilich nicht umsonst Kultstatus innehalten, ihren wahren Kern besitzen, ist klar; da hätte es - um beim sportlichen Thema zu bleiben - nicht der Demonstration der englischen Premier League-Vereine in der bisherigen Champions League benötigt. Bleiben wir vielleicht gleich noch einen Moment bei letzterem Sprichwort.

Denn ein bisschen in dessen Richtung geht eigentlich auch der vierte Longplayer der Kanadier von The Band. Gut, weniger Geld und mehr grandiose Musiker, aber irgendwie will sich dieser Vergleich beim 1971 bei Capitol erschienenen Cahoots doch aufdrängen. Keine zwei Jahre davor noch eine der vielversprechendsten Aktien der westlichen Hemisphäre und nicht umsonst von Bob Dylan über alle Maße geschätzt, zogen sich in diesem frühen Stadium der Bandkarriere bereits dunkle Wolken über die Zusammenarbeit von Levon Helm, Rick Danko, Garth Hudson, Robbie Robertson und Richard Manuel - fünf Namen, bei denen dem gediegenen Liebhaber auch heute noch das Wasser im Munde zusammenläuft.

 

Und weil Geld - leider, liebe Herren Mateschitz und Abramovich - nicht immer Tore schießt, spielen sich auch die besten Instrumentalisten nicht zwangsläufig in einen Rausch, wenn die passenden Umstände nicht gegeben sind. In diesem Fall heißt das: der einst so gefestigte Zusammenhalt innerhalb der Band war am bröckeln, Robertsons erfolgreiche Bemühungen, sich selbst zum Häuptling zu küren, fanden nicht bei jedem Kollegen so recht Anklang und letztlich sind es exakt diese Störfeuer, die sich auf Cahoots bestens raushören lassen. Aber auch das Songmaterial, erneut überwiegend aus der Feder Robertsons, leidet unter den gegebenen Umständen. Man ziehe zur besseren Veranschaulichung doch nur Where Do We Go From Here? zur Rate, das zwar mit den Zeilen "Did you hear about the eagle of distinction / The one that came on every Friday afternoon" vergleichsweise harmlos beginnt, nur um sich in tränend pathetischer Gesellschaftskritik zu verlieren - zu allem Überfluss in einem unangenehm belanglosen, zum Feuerzeugschwenken einladenden Rockgewand, das mit seiner Palette an Instrumenten nur wehmütig auf bessere Zeiten zurückblicken lässt. Dass hier begabte Herrschaften, mit ganz individuellen Vorzügen, am Werk sind, merkt man freilich nichtsdestotrotz. Nicht umsonst kann auch eine Gurke wie das passend trivial betitelte Thinkin' Out Loud seine songtechnischen Schwächen mit herrlich fesselndem Klavierspiel und damit harmonierenden Gitarrenzupfern kaschieren, ein eindimensionaler Rocker wie Volcano, der außer ein paar coolen Bläsern nicht viel anzubieten hat, steht einer behäbigen, lediglich von einem spielfreudigen Garth Hudson am Piano getragenen Smoke Signal in nicht viel nach.

 

Die lohnendsten Minuten findet man aber ohnedies viel früher, genaugenommen im Opener Life Is A Carnival, der einzigen Nummer hier, auf dem auch einem anderen Band-Mitglied als Robertson ein Credit zugebilligt wird, ihm assistieren hier nämlich Helm und Danko. Nicht umsonst spürt man auf dieser mit smoothen Bläsern, herrlicher Rhythmik und starkem Harmoniegesang gesegneten Aufnahme einen Einklang, der dem Rest der LP über weite Strecken abgeht. Und wenn es dann mit der eigenen Kreativität nicht ganz so läuft, wie man sich das vorstellt, kann man immer noch auf eine Komposition des alten Weggefährten Dylan zurückgreifen. Mit When I Paint My Masterpiece kommt die zweite, richtig dienliche Nummer mal wieder aus den schier endlosen Hirnwindungsarchiven des ehemaligen Sensei. Mit Hudsons Akkordeon zum Einstieg scheint das Eis auf dieser um Helms Mandoline hübsch arrangierten Nummer rasch zu brechen, ehe Letzterer Dylans Geschichte von einem Ausflug nach Rom (und Brüssel) seine Stimme leiht und ihn sicher ins Ziel geleitet. Bis zum finalen Höhepunkt einer durchwachsenen Angelegenheit muss man allerdings bis zum versöhnenden Abschluss The River Hymn warten, auf dem wiederum Levon Helm, der neben Garth Hudson noch am ehesten heraussticht, als Lead-Sänger die Kohlen aus dem Feuer holt und neben einem zurückgelehnten Arrangement souverän seine Show abzieht.

 

Wirklich retten kann das Cahoots aber auch nicht; ein Longplayer, der neben überwiegend mäßigem Songmaterial auch noch ein unspektakuläres Gastspiel von Van Morrison (4% Pantomime) verzeichnen kann. Die musikalischen Vorzüge der Kanadier haben wenig gelitten, dafür funktioniert die so oft als großer Trumpf hervorgehobene Harmonie nicht annähernd so, wie man das noch auf den vorigen drei - sagen wir zweieinhalb - Alben hören durfte. Da es aber mit Nachfolger Northern Lights - Southern Cross wieder besser wurde, belassen wir es einmal bei diesem kleinen Rüffel und filtern zum Abschluss noch die wesentlichste Aussage einer merkwürdigen LP heraus:

Life is a carnival, believe it or not

Life is a carnival, two bits a shot