Taylor Swift - Taylor Swift

 

Taylor Swift

 

Taylor Swift

Veröffentlichungsdatum: 24.10.2006

 

Rating: 5 / 10

von Kristoffer Leitgeb, 21.04.2018


Aufgedeckte Potenziale gleichen weder die klangliche noch die textliche Schüchternheit voll aus.

 

Die Vermutung liegt nahe, dass es etwas mit einem macht, wenn man genau fünf Singles herausbringt und am Ende fünf davon mit Platin ausgezeichnet werden. Sowas tut nicht gut, auch der geerdetsten 16-Jährigen des Planeten nicht. Nachdem man relativ diskussionsarm zu dem Schluss kommen kann, dass die Erdung bei Taylor Swift nicht ganz so beispiellos ausgeprägt war und ist, kann man gleich genauso gut sagen, dass es nicht nur zu ihrem Besten war, was damals rund um ihr Debüt passiert ist. Ob sich von dort weg wirklich eine schlüssige Linie hin zu den stilistischen Achsbrüchen der letzten Jahre ziehen lässt, ob der schüchterne Pfad zum überwältigenden Erfolg vielleicht Nährboden für die selbstauferlegte Kommerzialisierung und den damit einhergehenden Identitätsraub an ihrer eigenen Musik war, wer kann das schon beurteilen? Niemand so wirklich, was einen wiederum nicht unbedingt daran hindert, den ersten Schritt in Richtung Superstartum auf dessen musikalische Tauglichkeit zu überprüfen. Das lässt positive Erinnerungen genauso aufkommen wie die Erkenntnis, dass Swift schon damals mit lauwarmem Wasser gekocht hat.

 

Die US-Amerikaner waren natürlich trotzdem verrückt nach ihr und haben gekauft, gekauft, gekauft. Die Gründe dafür liegen in einer unsagbar günstigen Überschneidung der Zielgruppenbedienung in ihrer Musik. Dass sich Swifts Welt und folgerichtig auch ihre Musik nämlich um Schule, Selbstzweifel und natürlich vor allem die große Liebe drehen, hat den netten Effekt, dass ihr Millionen halbwüchsiger und noch jüngerer Mädls zu Füßen liegen. In Verbindung mit der zumindest rudimentär eingearbeiteten Country-Nähe, also diesem zutiefst erdigen in der klanglichen Umrahmung ihrer Texte, die keinen noch so stockkonservativen Hinterwäldler in der größten KKK-Hochburg des Landes zu größerer Kritik oder Geringschätzung bewegt, ergibt das eine sehr große Zielgruppe. Also eine wirklich große für ein weißes Landei, das eigentlich nur mit der Akustikgitarre umgehen und süß ausschauen kann.

Swifts Leistung besteht nun vor allem darin, diesen Vorteil so souverän auszuspielen. Die Instrumente dafür sind simpel und bei Zeiten tatsächlich effektiv. Zusammen mit dem Produzenten ihres Vertrauens, Nathan Chapman, versteht es die Teenagerin nämlich wie nur wenige im Business, den passenden Raum zwischen schlichtem, alltäglichem Pop-Appeal und der musikalischen Integrität des altehrwürdigen Country-Genres auszufüllen. Simpel zusammengefasst ist der Sound, den die LP durchwegs zu bieten hat, dermaßen aufpoliert und jeglicher instrumentaler Extravaganzen beraubt, dass etwaige Reibeflächen mit der verschroben-kitschigen Romantik des Country beinahe komplett verschwinden. Gleichzeitig ist der Umgang mit der Fiddle, dem Banjo oder der obligatorischen Pedal Steel ein rundum harmonischer, dem man keine zwanghafte Unnatürlichkeit nachsagen müsste.

 

Swift ist also durchaus dort daheim, wo sie sich musikalisch hinpflanzt. Das hat den Vorteil, dass man sie selten als deplatziert erlebt, wenn die Mandoline einen Farbtupfer setzt, die Fiddle den dramatischen Unterton besorgt oder an der Pedal Steel gezupft wird. Das ist vom ersten Ton im Breakthrough-Hit Tim McGraw zu spüren und hilft selbst einem melodramatischen Stück wie diesem dazu, unaufdringlich gut arrangiert vorbeizuziehen. Klarerweise erweist es sich da als Vorteil, dass Swifts ureigenstes Talent das der griffigen Hook ist. Zwar geizt der Opener mit dem nötigen Tempo, um diese Fähigkeit wirklich voll zum Vorschein zu bringen. Sobald aber das Tempo angezogen wird, ist der zukünftige Pop-Star immerhin schon durch das pointierte Songwriting herauszuhören. Umso ertragreicher erscheint einem das, traut sich die Sängerin auch gleich noch, textlich ein wenig in die Offensive zu gehen und den Herzschmerz gegen kleinlaute, aber immerhin hörbare Rachegelüste einzutauschen. Picture To Burn und Should've Said No stechen in diese Kerbe und überzeugen hauptsächlich, weil sich die stimmlichen Rahmenbedingungen für den wütenden Unterton weit eher eigenen als für schmachtende Zerbrechlichkeit und weil sich die gemütlich-unbeschwerten Melodien im Kontrastprogramm mit dem geringsten vorstellbaren Anflug von Härte und dem plötzlich aufkommenden Geschwindigkeitsrausch besonders gut behaupten.

 

Umso auffälliger wird das, stellt man solche Spielereien den pseudoatmosphärischen Herzschmerzballaden gegenüber, die zu einem der Grundpfeiler in Swifts Repertoire werden und trotzdem immer ihre Achillesferse bleiben sollten. Überraschen kann es da niemanden, dass die schleppenden Arrangements von Teardrops On My Guitar, dem vom Klavier dominierten Cold As You oder Tied Together With A Smile weniger emotional, dafür eher einschläfernd wirken. Das liegt einerseits daran, dass sich keiner der Beteiligten über das zugewiesene Mindestmaß hinaus in den Songs ausbreitet und dementsprechend ein müder Mischmasch diverser fast zu klischeehafter Country-Elemente entsteht. Andererseits ist es definitiv nicht förderlich, wenn die gesanglichen Fähigkeiten der Dame im Mittelpunkt genau dort aufhören, wo gefühlsbetonte Minuten anfangen würden. Swifts Gesang ist nicht schlecht im eigentlichen Sinne, nur zu platt, um den wenig speziellen Songs genug Charakterstärke und insbesondere emotionales Gewicht zu geben. Folglich gilt die Faustregel, dass das Debüt schlechter wird, je langsamer ein Song dahinplätschert. Dann ist nämlich durch die handzahme Musik, die sich zwar harmonisch, aber nie und nimmer mutig anhört, ein Vakuum entstanden, das nicht mit Hooks oder aufkommender Angriffigkeit gefüllt wird, sondern von Swifts Schmachten erfolglos beseitigt werden soll.

 

Ausnahme gefällig? Eine gibt es tatsächlich, ausgerechnet der unglaublich langweilig betitelte Our Song darf als krönender Abschluss bezeichnet werden, was allerdings auch damit zu tun hat, dass die kitschige Liebesgeschichte - die sollte im Love Song eine sehr ähnlich geartete und ähnlich erfolgreiche Fortsetzung finden - mitnichten leblos klingt. Nach dem zurückhaltenden Intro wird aus der Ode an die vermeintliche Liebe des Lebens nämlich ein dynamischer, abwechslungsreich ausstaffierter und von Swift mit der nötigen auf Finessen verzichtenden Leichtigkeit gesungener Track, dem vor allem die Vielfalt an Instrumenten gut tut. Eigentlich packt man da dann einfach all das hinein, was vorher auf diverse Songs aufgeteilt auch geboten wurde. Nur eben in kleinen Häppchen, dafür ohne jede Tendenz zur Langeweile. Gerade diese Fähigkeit bringt eigentlich sonst nur noch das melancholische, zwischen Einsamkeit und Aufbruchsstimmung steckende A Place In This World mit, dessen lockerer Folk-Rock gerade genug Staub aufwirbelt, um der Singer-Songwriterin nicht zu viel Verantwortung umzuschnallen. Die kann entsprechend frei drauf los singen und vielleicht klingt gerade deswegen der beladene, schwermütige Unterton authentischer als bei den meisten anderen Versuchen ihrer mittlerweile ein Jahrzehnt überdauernden Karriere.

 

Wobei es ein Fehlschluss wäre, dass es dem selbstbetitelten Debüt der US-Amerikanerin an Authentizität mangeln würde. Gerade das vielleicht weniger, immerhin sind die Songs auch alle von oder zumindest mit ihr geschrieben worden. Das allein muss reichen als Beleg für Talent und Potenzial von Taylor Swift, insbesondere angesichts der Qualität zumindest einiger weniger der hier versammelten Songs. Dass sie im Kern aber vielleicht gerade wegen der natürlichen Basis, auf der das Album fußt, nicht wahnsinnig viel Interessantes zu sagen hat, liegt in ihrem Alter und der mangelnden Erfahrung begründet. Es fehlt die kreative Wortwahl von "Fearless", die emotionale Treffsicherheit von "Speak Now", letztlich auch irgendwie die Lebhaftigkeit von "Red." Reinfall ist der erste Auftritt der späteren Pop-Queen trotzdem keiner, was in einem trotz aller Unzulänglichkeiten souveränen Umgang mit den nötigen Zutaten für ihren Country-Pop begründet liegt. Dass das in Summe nicht gar so viel ist, zeigt sich immer dann, wenn mehr als nur ein kurzweiliger Song entstehen soll.