Taylor Swift - Fearless

 

Fearless

 

Taylor Swift

Veröffentlichungsdatum: 11.11.2008

 

Rating: 5.5 / 10

von Mathias Haden, 20.11.2013


Country-Mucke für Rednecks und Hillbillies war gestern. Welcome to Europe, Taylor!

 

Wer hätte gedacht, dass ausgerechnet eine 16-Jährige blonde Teenagerin dem Country-Genre auf die Sprünge hilft. Von ihrem selbstbetitelten Debüt verkauften sich in den USA jedenfalls über fünf Millionen Stück. Warum eigentlich 'auf die Sprünge helfen'? Das Country-Genre erfreut sich doch immerzu allergrößter Beliebtheit. Nun, zumindest im Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Wenn man aber den Kontinent wechselt, schaut es nicht mehr so rosig aus mit dem amerikanischen Kulturgut. Und hier kommt Kollegin Swift ins Spiel. Denn während die Mitstreiter Carrie Underwood oder Keith Urban in Europa kaum Relevanz aufweisen können, beweist der unschuldige kleine Engel die beeindruckende Fähigkeit, ihre Herzensangelegenheit, die hierorts zu Unrecht verpönte Countrymusik, unter die Menschen auf der ganzen Welt zu bringen.

 

Aber rudern wir zunächst ein bisschen zurück. Nicht überall wo Country versprochen wird, steckt auch wirklich Country drin. Musikalisch ist das Ganze klassischer Pop, der besagten Zusatz kaum verdient. Gut, in diesen Kreisen übliche Instrumente wie Fiddle, Pedal Steel oder Banjo finden sich beinahe in jedem Song und sonst Großteils auf akustische Gitarren zu setzen, ist auch nicht untypisch. Richtig beeindruckend ist allerdings der Umstand, dass das durchschnittliche, von Justin Bieber und One Direction verwöhnte Publikum (vornehmlich weiblich und noch nicht volljährig), ihr diesen countryesken Herzschmerz-Pop aus den Händen frisst. Mit einem hübschen Gesicht und einem netten Stimmchen ist mit richtiger Vermarktung tatsächlich viel möglich, sogar im Country.

 

Thematisch bewegt sich die Angelegenheit - wie könnte es auch anders sein - zwischen kitschigen Lovestories, Liebeskummer und anderen persönlichen Geschichtchen, die man in der Pubertät so durchlebt. Bemerkenswert hierbei ist, dass Swift wie schon auf ihrem Debüt die Majorität der Songs selbst auf Papier gebracht hat. Und genau das wirkt hier schon wesentlich reifer als noch 2 Jahre zuvor. Vielleicht dann doch nicht 'wesentlich', aber man merkt schnell, dass hier einiges durchdachter, besser ausgefeilt ist. Egal, ob einem die kindisch-romantische Sicht, die Swift auf die Liebe und den Rest des Lebens hat, gefällt, wenn's um Text- und Songaufbau geht, hat sie verdammt viel Gefühl. Und so schlimm sind die Songs über die zerbrochene Beziehung und den Trennungsschmerz (Breathe, Forever And Always, Tell Me Why) oder die Romeo & Julia-Geschichte von Love Story (tatsächlich vom Shakespeare-Stück inspiriert, aber mit Happy End) auch wieder nicht.

 

"So I sneak out to the garden to see you

We keep quiet 'cause we're dead if they knew

So close your eyes

Escape this town for a little while"

 

Wirklich ätzend wird es auf den 13 Tracks nur einmal, den schwachsinnigen Pubertäts-Pop von Fifteen verzeiht man der jungen, aufstrebenden Künstlerin aber gerne. Der Track über die verletzliche 15-jährige ist dermaßen kitschig, dass das durchaus passable Arrangement des Songs ziemlich unwichtig wird. Das ist wirklich kaum auszuhalten. Apropos Kitsch: Den hält auch White Horse in einer ungesunden Dosis parat. Aber wer kann das einem etwa 18-jährigen Mädchen verdenken? Die kreischenden Girls, die bei Konzerten weinend in der ersten Reihe stehen, bestimmt nicht.

 

Wenn textlich schon einiges ganz ansprechend wirkt, dann sollte man zumindest musikalisch über einige Mängel herziehen können. Viel zu kritisieren gibt's aber eigentlich auch in Sachen Musik nicht, erwartet man doch keine revolutionären Dinge. Sind ja schließlich lauter geschulte Studiomusiker am Werk. So wirken Akustik-Gitarren-Songs mit starkem Drumbeat wie Forever And Always oder Hey Stephen durchaus stimmig. Aber auch die mit Streichern und Colbie Caillat als Gaststimme verstärkte Ballade Breathe weiß zu gefallen.

 

Dass auf Fearless dermaßen viele Country-typischen Instrumente zum Einsatz kommen, die man aufgrund der Masse in den Credits kaum nachlesen kann, fällt bei der glatten Produktion kaum auf. Aber egal ob das jetzt Country-Pop oder Britney Spears-Pop ist, es klingt ordentlich. Oft recht unspektakulär, aber gut arrangiert. Und das in einem Up-Tempo-Song mit E-Gitarren im Refrain wie dem anständigen You Belong With Me oder auch einer Großteils auf Klavier gestützten Ballade wie You're Not Sorry. Das ist insbesondere Swifts guter Stimme zu verdanken, die dennoch bestimmt mehr Potential hat, als sie hier noch zu zeigen vermag. Und zumindest das mit Percussion, Banjo und Streichern augmentierte Tell Me Why klingt ja nach Country.

 

Alles in Allem scheint das zweite Album des Teenie-Stars, in welchem musikalischen Feld sie sich selbst oder die Leute rundherum sie auch sehen mögen, eine durchaus homogene Talentprobe darzustellen. Lieben muss man die teilweise zu sehr nach 14-jährigem Mädchen klingenden Texte und die vielleicht ab und an zu unspektakulären Arrangements aber nicht. Trotzdem, Fearless ist ein durchwegs gelungenes Album, das dem richtigen Publikum ausnehmend gut gefallen kann, auch wenn die etwa 53 Minuten sich schon etwas ziehen.

 

Also, Respekt zollen muss man ihr. Wer in dem zarten Alter von 13-18 schon Songs wie Tell Me Why oder Forever And Always schreiben kann, dem liegt die Zukunft offen. Egal ob man sich, wie Fräulein Swift später, dem Mainstream annähern möchte, oder gar in eine Hard Rock-Band einsteigt. Taylor Swift wird ihren Weg gehen. Sie hat die Stimme und die Fans dazu. Weniger abgedroschene Texte und mehr 'furchtlose' musikalische Experimente, was der Frau durchaus zuzutrauen ist, und es geht sicher mehr.