Taylor Swift - 1989

 

Lover

 

Taylor Swift

Veröffentlichungsdatum: 23.08.2019

 

Rating: 6 / 10

von Kristoffer Leitgeb, 16.11.2019


Ein textlicher Schritt nach vorne, ein musikalischer in die Vergangenheit und damit die bitter nötige Teilrehabilitierung.

 

Man darf nie die Hoffnung aufgeben! Von wem könnte und sollte dieser Satz schon eher kommen als vom allseits bekannten, fanatischen Optimisten unserer Tage, also mir? Deswegen käme ich auch nie nicht jemals auf die Idee, eine Künstlerin mal einfach so abzuschreiben und davon auszugehen, dass das nichts mehr wird. So rennt das bei mir, alle bekommen jedes Mal wieder eine neue Chance und werden unbefangen und offen empfangen....

Too much? Vielleicht ein bisschen. Nachdem damit sowieso keiner mehr daran denkt, mir zu glauben, kann ich es ja geradeheraus sagen, dass bei Taylor Swift seit geraumer Zeit nur mehr ein Status aktiv war: Anhören, um zur Abwechslung schlechte Bewertungen abzustauben. Aus dem Nichts kommt dann aber eine langweilig und kitschig betitelte und gleichermaßen unsympathische visuell aufbereitete LP daher, die das Wesentliche, nämlich die Musik, auf einmal wieder überzeugend hinbekommt. Ich stehe also reichlich blöd da, was lediglich dadurch abgefedert wird, dass "Lover" zwar verdammt nach Rehabilitierung riecht, dann aber doch kein popmusikalisches Meisterwerk geworden ist.

 

Dass sich beides gleichzeitig ausgeht, liegt primär daran, dass die Messlatte bei Taylor Swift nicht die allerhöchste ist. Unabhängig davon, dass mit "Speak Now" in fast vergessenen Tagen all das, was sich in ihren jungen Jahren entwickelt hat, seinen zeitweise beeindruckend konstanten oder eben konstant beeindruckenden Höhepunkt erreicht hat, ist ihre Karriere insgesamt keine Fundgrube genialer Songs. Diese Mischung aus sporadisch dem Country zugewandten Folk- und Pop-Rock, die sich da anfangs herauskristallisiert hat, war zu oft textlich grenzwertig kitschig und gleichzeitig musikalisch einfalls- und abwechslungsarm. Und über die schwierigen Zeiten der elektronisch gestützten Pop-Queen-Übungen, deren anorganische Machart überdeutlich und latent abweisend war, sollte wohl ohnehin hinwegblicken. "Lover" erlaubt nun aber insofern ein positives Fazit, als dass sich der Sound organischer, das Songmaterial eklektischer und die dafür verantwortliche Singer-Songwriterin erwachsener präsentieren. Insofern ist das Album legitim als eine Vermengung dessen anzusehen, was Swift davor ein Jahrzehnt lang anzubieten hatte, allerdings auf keine zu offensichtliche oder grobschlächtige Art. Stattdessen ist das Gebotene eine wahrnehmbare Weiterentwicklung, in der klanglich nicht mehr dauernd die Monotonie ums Eck linst. Ohne jeden Zweifel kämpft "Lover" dadurch zwar mit der gleichen thematischen und stilistischen Zerrissenheit, die schon "Red" geplagt hat. Gleichzeitig weckt aber genau das endlich wieder Interesse an dem, was sie so auf der Tracklist anzubieten hat.

 

Und das ist doch einiges. Ultimativ überzeugender ist definitiv die gefühlsbetonte, ruhigere Seite der LP, die man in der Form auf den beiden Vorgängern gleich gar nicht hat suchen müssen, weil es sie einfach nicht gab. Speziell die großartige, mit den Dixie Chicks eingespielte Akustikballade Soon You'll Get Better, die sich der Krebserkrankung von Swifts Eltern ohne Kitsch oder Geschmacklosigkeiten annimmt, beschert einem einen lange vermissten emotionalen Höhepunkt. Musikalisch bringt es die reduzierte Einfachheit des Debütalbums zurück, allerdings mit einer harmonischen Subtilität, die man bisher von Swift nur ganz, ganz selten zu hören bekommen hat. Kombiniert mit den emotionalen Zeilen, die höchstens noch von ihrer Single Ronan übertroffen werden, hat man ganz schnell den Glanzpunkt des Albums gefunden. Doch sie findet auch im angestammten Terrain der süßlich-romantischen Balladen wieder einmal zu alter Stärke zurück. Der Titeltrack mag im ersten Moment überproduziert wirken, doch der eigentlich simple Aufbau gewinnt durch Jack Antonoffs deutliche Handschrift und den damit verbundenen, schwebenden Klang von Swifts Stimme und der Instrumentierung, die trotzdem mit den trockenen Drums und der prominent hervorgehobenen Klavierparts starke Akzente bietet.

Ähnlich gut präsentiert sich das eigenwillige It's Nice To Have A Friend, dessen luftiger Sound mit Ukulele, Steel Drums und Bläsern entspannt anklingt. Überraschenderweise funktioniert sogar das klobig startende, spärlich mit Synthesizern ausstaffierte R&B-Stück False God, das insbesondere von Swifts neu gefundener stimmlicher Sicherheit profitiert. Und da ist ja auch noch Miss Americana & The Heartbreak Prince, das sich musikalisch überdeutlich an Lana Del Rey, aber auch an Vorgänger "Reputation" orientiert und die damit verbundene, drückende Atmosphäre perfekt umsetzt. Primär dem Keyboard und düster mäandernden Synths verpflichtet und damit düster melancholisch, kann man zwar von keiner gesanglichen Höchstleistung sprechen, gleichzeitig ist Swifts erfrischend indirekt geäußerter, ernüchterter Blick auf ihre US-amerikanische Heimat textlich einer ihrer besten Momente.

 

Ein bisschen störend ist es da schon, dass die pflichtgemäß zuhauf eingestreuten Up-Beat-Minuten oft genug die aufgebaute Atmosphäre sabotieren und über die gesamte Laufzeit verstreut dazwischenfunken müssen. Das wiederum bedeutet auch nicht, dass die allesamt ein Reinfall wären. Schon der Opener I Forgot That You Existed ist eine nette Abrechnung mit dem Ex, locker und sparsam instrumentiert mit leicht funkiger Gitarrenarbeit, Klavier und Snaps als zeitweisem Beatersatz. Paper Hearts auf der anderen Seite ist die Art irritierender Bubblegum Pop, die einen leicht zum Erbrechen bringen kann, hier aber stark genug arrangiert und gesungen ist, um sich einigermaßen sympathisch ins Gedächtnis zu fräsen. Und als Highlight bleibt einem da ohnehin ein Treffer wie The Man, der aber fast zwangsläufig wenig unbeschwerte Sonnigkeit mitbringt, sondern sich stattdessen mit großartiger Hook und starken Synths den ungleichen Bedingungen für Männer und Frauen im Musik- und Showbusiness widmet. Das ist dann der beste Beweis für Swifts Fähigkeit, so manche intelligente Zeile und ein - je nach Blickwinkel mehr oder weniger starkes Statement - in einen unabhängig davon großartigen Popsong zu verpacken. Denn auch musikalisch ist das äußerst gelungen ausgestaltet und in diesem Fall von Joel Little gelungen in Szene gesetzt, ohne dass die sich überlagernden, schwer unter einen Hut zu bringenden Sounds je irritierend wirken würden.

 

Ich nehme nichtsdestoweniger an, dass den meisten ziemlich klar ist, dass man einen Haufen entbehrlicher Minuten auch aufgetischt bekommt. Ansonsten käme es auch nicht dazu, dass das Album locker eine Viertelstunde zu lang geraten ist. Insbesondere einige Up-Tempo-Tracks sind ein akustischer Achsbruch und ein umgehender Dorn im Auge. London Boy ist ein dahintrottendes, lahmes Synth-Spektakel, das seine inhaltslose Romanze so stumpfsinnig zum Besten gibt, dass selbst ein Vergleich mit Fergie ein bisschen unfair dieser gegenüber wirkt. I Think He Knows wiederum ist musikalisch lockerer und dahingehend nahe dran am Opener, vergibt aber jede Chance auf einen positiven Eindruck durch die stupide textliche Schwärmerei und mehr noch durch Swifts im Refrain zu ertragender, elendiglich hoher Fistelstimme. Verglichen damit steigt auch You Need To Calm Down noch fast gut aus, auch wenn der viel zu laute, energiearme Synth-Pop mit schmerzhaft platter Offenheitsbotschaft insgesamt genauso wenig hat, was wirklich für ihn spricht. Das sind Minuten, die einigermaßen vergessen machen, dass auch der Versuch, emotionale und atmosphärische Songs zu formen, im Falle von Cruel Summer oder Daylight bestenfalls sehr durchschnittliche Ergebnisse hervorbringt. Das wiederum ist aber nichts, wenn man es einer Leadsingle wie ME! gegenüberstellen kann. Denn das ist ein solch zersetzend unnatürlicher, selbstgefälliger, der Instagram-Generation angepasster Egozentriker-Pop, dass es zwar kaum überrascht, dass ausgerechnet Brendon Urie für das Duett herhält, dass aber auch wirklich nichts, rein gar nichts an positiven Eindrücken zurückbleibt. Das ist scheiße, auch im Vergleich mit manch anderer bescheidener Hitsingle aus Swifts Feder.

 

So landen wir an einem Punkt, an dem "Lover" seine offensichtliche stilistische und atmosphärische Multipolarität etwas zu stolz vor sich herträgt, um wirklich als gelungen gewertet zu werden. Es ist einfach fehlgeleiteter Eklektizismus, der einem hier begegnet, was letztlich wahrscheinlich daran liegt, dass Taylor Swift bisher nicht so viele wahnsinnig sympathische Facetten in ihrer Musik gezeigt hat, dass man gleich eine Stunde mit allen davon anfüllen könnte. Wobei man das natürlich könnte, es wäre dann nur nicht mehr ein solches Hin und Her, wie es hier praktiziert wird. Zu wünschen ist es ihr, dass irgendwann einmal eine stimmungs- und gefühlvolle LP herausschaut, die so präzise und doch mühelos geformt ist, wie es schon hier zeitweise den Anschein macht. Das ist beinahe ausschließlich dann möglich, wenn sich die US-Amerikanerin ihrer ernsteren Seite widmet. Nachdem das anscheinend nicht über das gesamte Album hinweg passieren darf und es ihr wenig überraschend auch nicht gelingt, jede Ballade zu einem Volltreffer zu machen, bleibt ein für Taylor Swift früher einmal übliches, gespaltenes Fazit. Aber das ist immer noch ein Aufstieg gegenüber dem, was man in den letzten Jahren über ihre Musik sagen konnte.