Taylor Swift - folklore

 

folklore

 

Taylor Swift

Veröffentlichungsdatum: 24.07.2020

 

Rating: 8.5 / 10

von Kristoffer Leitgeb, 06.02.2021


Aus der Not wird die musikalische Neuerfindung und damit ein ungeahnter Triumph geboren.

 

Nicht, dass das nach den vergangenen 12 Monaten wirklich noch jemals von irgendwem hätte ausgesprochen werden müssen, aber COVID-19 hat uns schon allen uandlich einegschiss'n, wie man in den proletarischen Gegenden Wiens sagen würde. Jedem einzelnen von uns auf die eine oder andere Art, so viel ist mal sicher. Während das Gros irgendwo zwischen der Gewöhnung ans Home Office, der Entwöhnung vom Händeschütteln und Umarmen, der Solidarität mit den gesundheitlichen Schwächeren, der an Logik und Sachlichkeit schwächelnden Panik, dem an Logik und Sachlichkeit sehr schwächelnden Protest, der Verzweiflung, dem wirtschaftlichen Ruin und noch so manch anderem wandelt, haben manche etwas anderes gemacht. Taylor Swift zum Beispiel. Deren unbestritten privilegierte Stellung als steinreicher Weltstar, der sich bereits mit knackigen 30 den Rest des Lebens zurücklehnen könnte, hatte zur Folge, dass die US-Amerikanerin wohl kaum entspannt und gelassen, aber dann doch mit einer gewissen Freiheit durch diese Monate gehen konnte. Und so hat sie das geschafft, was von niemandem in diesen Zeiten zu erwarten gewesen wäre, nämlich ihre Fähigkeiten produktiver und letztlich besser einzusetzen, als das bisher jemals der Fall war. Gleich zwei Alben wurden daraus, nicht enden wollender Jubel von erstmals wirklich eigentlich allen denkbaren Seiten und verdammt viele gute Gründe dafür in beeindruckender Liedform. "folklore" ist Kapitel 1 dieser überraschenden Höchstleistung.

 

Und es ist eines, das selbstverständlich von dem radikal veränderten gesellschaftlichen Leben geprägt ist, das uns alle durch 2020 hindurch begleitet hat. Primär hinsichtlich der Entstehung des Albums, aber das wird ja wohl doch auch irgendwie Einfluss auf dessen Klang gehabt haben. Allen voran liegt das daran, dass nach Jahren der Arbeit mit Produzent Jack Antonoff und so manche ewiger Größe des schillernd-hohlen Popbusiness diesmal der hauptsächliche Kollaborationspartner sehr gegen Swifts bisherigen Typ Aaron Dessner gewesen ist. Der ist hauptberuflich Gitarrist bzw. Multiinstrumentalist und einer der Songwriter von The National und somit eher nicht Teil ebendieses Business, sondern eher dem atmosphärischen Indie/Alt/Folk-Rock zuzurechnen. Das und die Tatsache, dass dieses Trio seiner Arbeit in jeweils heimeliger Isolation nachging, somit die Songs in distanzierter Zusammenarbeit und durch digitalen Austausch entstanden sind, hat genauso Spuren hinterlassen wie Swifts Lesewut, die während des Lockdowns entfacht wurde.

Und so ist "folklore" ruhiger, atmosphärischer, nachdenklicher, lyrischer und berührender als beinahe alles, was der Singer-Songwriterin bisher ausgekommen ist. Vorbei die Zeiten, in denen sie mit "1989" zur Speerspitze einer auf die 80er zurückblickenden, sinn- und inhaltsarmen, aufgeblasenen Synth-Pop-Welle wurde. Stattdessen könnte man, will man unbedingt in der Vergangenheit der US-Amerikanerin auf Spurensuche gehen, wohl am ehesten in Safe & Sound, dem 2012 für den Film "The Hunger Games" entstandenen und wohl stilistisch vielversprechendsten Song aus ihrer Feder, einen Vorboten dieses Albums finden. Insofern ist bereits Opener the 1 ein stimmungsvoller, wenn auch noch recht optimistischer Einstieg, getragen von kristallklaren Klaviernoten, leichten Gitarrenzupfern, sphärisch, aber zurückhaltend eingesetzten Streichern und vereinzelten Chorpassagen, die Swifts ausdrucksstark-ruhige Performance begleiten.

 

Schon da ist man sich sicher, Dessners Handschrift zu erkennen. Der setzt zusammen mit Swift auf neoklassischen Charme, der dennoch in sparsamer Form nicht gänzlich auf elektronische Hilfen wie den hier eingestreuten Beat oder vereinzelte Synth-Klänge verzichtet. Wie gut, wirklich unfassbar gut, das klingen kann, beweisen die beiden erstmals so wirklich in the last great american dynasty, das mit sarkastischem Unterton die Geschichte von Standard-Oil-Erbin Rebekah Harkness nacherzählt. Dass dabei sowohl textlich als auch klanglich alles passt, ist recht rasch klar. Die Geschichtenerzählerin Swift blüht hier genauso auf wie die zunehmend beschlagen wirkende Sängerin, die sich mit ihrer teils unaufgeregt trockenen, teils geschmeidig weichen Performance ideal in das Amalgam aus elektronischem Beat, E- und Slide-Gitarre, Klavier und sanften Streichern einbettet. Oft genug ist es hier ein Triumph des samtweichen, schwebenden und sphärisch intimen Klangs sowie des Songwritings von Swift, sobald Dessner und sie gemeinsame Sache machen. Zwar kommen früh mit dem mäßigen cardigan, das unausgegoren und musikalisch leicht aus der Balance wirkt, kleine Zweifel an diesem Team auf. Mit Songs wie dem wunderschönen, zerbrechlich leichten seven, dem erdigen, von schmucklosen Gitarren getragenen peace oder der unerwarteten Rückbesinnung auf ihre allerersten musikalischen Gehversuche in Form des leicht countryfizierten, hell und romantisch ausgekleideten betty bleibt allerdings kein Platz mehr für solche Zweifel. Swift und Dessner, das passt einfach unglaublich gut und sorgt für eine oft zum Dahinschmelzen schöne Stilmischung irgendwo zwischen Indie, Chamber Pop und dezenten Anflügen von Rock.

 

Das führt einen unweigerlich irgendwann zur Person Jack Antonoff, die als Langzeitweggefährte Taylor Swifts wenig überraschend deren Vertrauen genießt, aber von außen betrachtet seit 2014 auch an ihren schlimmsten musikalischen Anwandlungen führend beteiligt war. Und auch wenn mit Vorgänger "Lover" die richtige Richtung eingeschlagen wurde, zeigt sich hier, dass Antonoff keine Idealbesetzung für den angestrebten und so überzeugenden neuen Stil ist, der Swift vorschwebt. Authentisch und unverstellt soll er sein, nicht glitzernd und aufgehübscht, zumindest nicht über die Maßen und unnütz. Zwar besinnt sich auch Antonoff darauf, gleichzeitig erscheinen die von ihm produzierten Songs am ehesten noch dem Pop-Kosmos ergeben, ufern wie das langatmige, hölzerne my tears ricochet in zähen Kitsch aus, in dem von allem - Streichern, Beat, Chor - auf einmal zu viel da ist. Und so wacht er über das Gros jener Tracks, die sich in der Albummitte tummeln und dort eine Schwächephase des Albums bedeuten, in dem zwar stilistisch und in puncto Songwriting immer noch ordentlich gearbeitet wird, aber die Harmonie einfach nicht ganz zu stimmen scheint. Der Funke springt in Songs wie dem schon wieder leichtem Glitzer erliegenden mirrorball oder dem zu lauten august jedenfalls nicht über, dass daraus mehr als passable Minuten würden. Zu up-beat, zu versucht poppig und glatt und inszeniert wirkt das. Da geht die atmosphärische Kraft, der emotionale Eindruck, den die umliegenden Songs hinterlassen, zu einem großen Teil verloren und es bleibt einem nur das bisschen Sympathie, das man auch hier noch für Swifts musikalische Neuerfindung aufbringt.

 

Die Ironie verlangt jedoch danach, dass dann ausgerechnet auch der klare Höhepunkt dieses Albums doch wieder in Zusammenarbeit mit Antonoff entstanden ist. illicit affairs heißt er und ist zum Niederknien schön und gleichzeitig einer von Swifts bisher berührendsten Momenten, der seinen dezenten, an der Akustikgitarre gespielten Beginn meisterlich langsam mit weiteren Instrumenten ausstaffiert, ohne dabei je über die Stränge zu schlagen. Stattdessen ist die zweite Hälfte des Songs mit der dazugekommenen Percussion, der Slide Guitar, den kaum wahrnehmbaren Keyboard-Schwaden und den dominanten Background Vocals wohl nahe an der Melodramatik, verliert aber dennoch nichts an emotionalem Nachdruck, was auch den großartigen Zeilen zu verdanken ist:

 

"And that's the thing about illicit affairs

And clandestine meetings

And stolen stares

They show their truth one single time

But they lie, and they lie, and they lie

A billion little times

 

And you wanna scream

Don't call me kid

Don't call me baby

Look at this godforsaken mess that you made me

You showed me colors you know

I can't see with anyone else"

 

Mit präsenterem Klavier und düsterer Spannung ausgestattet, beeindruckt auch mad woman auf ganz ähnliche Art, verwandelt Swifts halbgehauchten Gesang in etwas, das voller Wut und Verzweiflung ist und deswegen auch gegen die lauter werdenden Klavierschläge, die Streicher und Percussion im Finale ankommt. Genauso einem dramatischen Finale entgegenschreitend und doch noch einmal auf ganz andere Art eindringlich ist das mit Justin Vernon gesungene Duett exile. Dass Swifts hohe, zwischen geerdeter Ruhe und zerbrechlichem Hauchen wandelnde Stimme hier so gut mit Vernons rauchig-tiefer Stimme harmoniert, war nicht vorherzusehen, ist aber nicht zu leugnen. Zusammen gelingt genau das richtige Maß an Intimität und doch Dramatik.

 

Es wäre an dieser Stelle möglich, der Schwärmerei noch weiteren Platz einzuräumen. Das sollte aber nicht weiter nötig sein, um zu verdeutlichen, dass "folklore" ein großartiges Album ist. Taylor Swifts bisher mit Abstand bestes, das unerwartet Türen in Richtungen öffnet, in denen man sie in absehbarer Zeit eigentlich nicht vermutet hatte. Die zwangsweise Isolation, die sich auch im Album bemerkbar macht, hat aber das Beste aus der US-Amerikanerin herausgeholt. Die daraus resultierende musikalische Neuorientierung, die auf subtilere, zurückhaltendere und organischere Klänge setzt, bietet mehr Platz für Atmosphäre und Emotion und für Swifts Talent als Songwriterin, dessen Größe zunehmend deutlicher wird. Zwar ist die LP deswegen noch lange nicht perfekt, aber sie zeigt eine Seite von Swift, die gleichzeitig imponiert und berührt und aufgrund der überraschenden stilistischen Wende ein wenig sprachlos macht. Sicherlich gebührt auch Aaron Dessner ein Teil dieses Lobes, ist es doch mitunter ihm zu verdanken, dass einige dieser Songs klanglich ideal in Szene gesetzt werden. Obwohl "in Szene setzen" beinahe schon eine Themenverfehlung ist, wird doch auf Pomp, Glanz und Glamour, auf die große Pop-Maschinerie bewusst verzichtet. Stattdessen zählen Intimität und Gefühl, ohne dass deswegen die Harmonie und der gesunde Hauch an Dramatik verloren gehen würden. Taylor Swift ist es also nicht nur gelungen, irgendwie das Beste aus der Ausnahmesituation des letzten Jahres zu machen, sie hat darin einen Weg gefunden, der sie in ganz neue künstlerische Sphären gebracht hat, die sie hoffentlich so schnell nicht wieder verlässt.