System Of A Down - Mezmerize

 

Mezmerize

 

System Of A Down

Veröffentlichungsdatum: 17.05.2005

 

Rating: 7.5 / 10

von Kristoffer Leitgeb, 05.04.2014


Ein starker Beweis dafür, dass Metal auch im neuen Jahrtausend noch etwas zu bieten hat.

 

Selbst der optimistischste Metal-Sympathisant muss gemerkt haben, dass das anbrechende neue Millenium nicht die beste Phase des Genres ist. Vorbei die Tage als die Big Four reihenweise Klassiker auf den Markt warfen und sogar so manche Hair Metal-Truppe zu überzeugen wusste. Dafür gibt's Nu-Metal und bei Zeiten unerträgliches Death Metal-Gegröle, das einen entweder mit Verwunderung oder Beklemmung, wohl aber weniger mit einem positiven Fazit zurücklässt. Ein Glück ist es da, dass die vier Mannen von System Of A Down zur Rettung heranschreiten. Die haben schon hinreichend bewiesen, dass in ihnen mehr steckt als all das oben Genannte. Zu viele Facetten hat das Werk der Band dafür mittlerweile schon, ein Umstand, zu dem gerade "Mezmerize" einen guten Teil beigetragen hat.

 

2005 trafen sich nämlich auf dieser LP mehr unterschiedliche Einflüsse als auf allen Vorgängern zu finden waren. So viel Punk gab's noch nie, so viel Pop gab's noch nie und auch die armenischen Wurzeln bekommen wieder ihren prominenten Auftritt. Mit dem Wissen überrascht einen dann auch das ruhige Soldier Side-Intro schon weniger, als man glauben möchte. Zum dezenten Gitarrengezupfe gesellt sich nur mehr das äußerst gut harmonierende Gesangsduo Tankian/Malakian, das die nächsten zehn Tracks dominieren sollte. Während man hier aber noch mit einem Schulterzucken auf die Fortsetzung wartet, schlägt B.Y.O.B. - Kurzform für 'Bring Your Own Bombs' - ein wie eine Bombe (man verzeihe mir das Wortspiel). Selbst bei all den Riffs die Daron Malakian in seiner Karriere ausgepackt hat, der hier aufgetischte sticht selbst da noch als einer der feinsten heraus. Und bei einem der wohl fähigsten Metal-Gitarristen darf das schon was heißen. Gut nur, dass dem die Vocals und mit offensichtlicher Antikriegsbotschaft ausgestatteten Lyrics in nichts nachstehen und so eine würdige Leadsingle entsteht.

 

Nichts leichter als nun mit wehenden Fahnen unterzugehen. Nachdem der leichte Weg aber oft auch langweiliger ist, entscheiden sich die Jungs netterweise anders und bieten mit dem Duo Revenga und Cigaro eine punkige Fortsetzung, in der neben Malakian mehr und mehr auch die Drums eine starke Figur machen, zudem aber auch das verdammt starke Zusammenspiel von Frontmann Serj Tankian und seinem Gitarristen als Sänger ausnehmend gut gefällt. Beide klingen nämlich melodischer und sanfter denn je, gleichzeitig wirkt das Ganze auch variantenreicher. Immerhin klappt der Übergang von Cigaro zum Akustik-Intro mit weicherem Gesang von Radio/Video glänzend, auch wenn einen der Wechsel vom Punk-Terrain hin in den musikalischen Mittleren Osten schon kurz etwas am falschen Fuß erwischt. Nichtsdestotrotz darf auch dieser Ausflug als ein gelungener gelten, verliert doch die Mid-Tempo-Nummer nie zu viel Energie, macht trotz übermütiger vier Minuten Länge ziemlich Spaß.

 

Ein Motto, das für die restliche Platte auch durchaus gelten darf. Zwar ist das mit dem Spaß bei den so oft so offen politischen Songs der Band immer so eine Sache, musikalisch wird "Mezmerize" aber beinahe durchgehend zu einer ausnehmend kurzweiligen Geschichte. So auch beim großartigen Mix aus akustischen Strophen und harten Riffs in Question!, Sad Statue, das mit seinem konventionellen Mid-Tempo-Rock schon fast zum Außenseiter wird, und tatsächlich sogar beim erfreulich sinnlosen Old School Hollywood, in dem der Band mit den schrägen Synthies eine überraschende Premiere gelingt.

 

Nachdem ich mich aber sicher nicht zum 'System Of A Down Fan for Life'-Klub zähle und wir es hier nicht mit künstlerischer Perfektion zu tun haben, darf natürlich die Schattenseite nicht fehlen. In all seiner Experimentierfreude gelingt dem Quartett dann doch zumindest ein veritabler Fehlschlag. This Cocaine Makes Me Feel Like I'm On This Song heißt der Track, lässt schon mit dem Titel nicht viel Gutes erahnen. Er präsentiert sich dann auch als kurzer, aber nicht weniger nerviger, Trip in Richtung Noise Rock, in dem Drummer John Dolmayan zwischendurch voll aufdreht, allerdings kaum auf die gute Art. Dazu kommt eine mühsame Zurschaustellung der stimmlichen Vielseitigkeit Tankians, die einem so manch große Minute beschert hat, hier aber nur lachhaft wirkt. In die entgegengesetzte Richtung wandert Closer Lost In Hollywood, der als fünfminütige Ballade zum endgültigen Beweis für eine starke Gesangsvorstellung wird, in seiner Länge und musikalischen Monotonie aber auch mit nachdenklichem Text zu einer zähen Hörübung wird.

 

Während alles andere hier vor allem wegen der Songlängen kaum einmal als zäh zu bezeichnen wäre, springt einen dann doch nicht überall Genialität an. Vielleicht doch, aber genial Gemachtes muss sich ja nicht immer genial anhören - das Debüt der Band kann mehr als ein Lied davon singen. So kommt's, dass Tracks wie Revenga oder Radio/Video nicht ganz den Absprung schaffen und trotz sympathischem Sound keinen Platz in irgendeiner Bestenliste verdient hätten. Es ist unbestritten gutes Filler-Material, das System Of A Down da ihr Eigen nennen dürfen, als solches zu identifizieren ist es dann trotzdem.

 

Ein Umstand, der das Gesamtbild bei gerade einmal 36 Minuten Laufzeit doch etwas mehr trübt als nötig. Auch deswegen kann "Mezmerize" nicht als Höhepunkt der Bandgeschichte betrachtet werden. Muss es aber auch mit Sicherheit nicht, um einen gut zu unterhalten. Diese Eigenschaft kann das Album dann auch allemal vorweisen. Vieles hier war die lange Arbeit im Studio wert und mit B.Y.O.B. bekommt man auch früh den einen Volltreffer, den noch jede LP der US-Band zu bieten hatte. Wer also auch im neuen Jahrtausend guten, interessanten und durchdachten Metal hören will: This is the way to go.

 

Anspiel-Tipps:

- B.Y.O.B.

- Cigaro

- Question!