Various Artists - Trainspotting

 

Trainspotting

 

Various Artists

Veröffentlichungsdatum: 06.07.1996

 

Rating: 6.5 / 10

von:

Kristoffer Leitgeb

 

am:

08.08.2017


Britische Generationenkämpfe zwischen Rock, Elektronik und dem Lebensgefühl eines Jahrzehnts.

 

Es ist sehr leicht, die Bedeutung eines kleinen Stückchens Kunst zu überschätzen. Eigentlich ist es schon verdammt einfach, etwas als Kunst zu bezeichnen, das diesen Begriff möglicherweise weder verdient, noch haben will. "Independence Day" ist zum Beispiel ein verdammt erfolgreicher Film gewesen damals, 1996. Aber ist er Kunst? Will er es sein? Darf es ein Emmerich-Produkt jemals sein? Keine verdammte Ahnung. Auf alle Fälle hat Deutschlands unprämiertester Regisseur mit seiner epochalen Geldvernichtungsmaschinerie in Filmform das Kino ein bisschen geprägt.

Dieser Effekt verblasst im Vergleich zu dem, was "Trainspotting" gelungen ist. Epochal höchstens in Bezug auf die Dimension des Erfolgs - eingespielt wurde mehr als das 30-fache des Budgets -, hat Danny Boyle weniger ein bisschen Unterhaltung geschaffen, sondern eher ein Mahnmal einer Generation. Eher keiner ganzen Generation, Zigtausende von Halbwüchsigen werden ungläubig auf die Leinwand gestarrt haben, bei dem, was da abrennt. Aber von Britpop über Drogenexzesse bis zu allen Formen der Depression, die ein Land nach Margaret Thatcher erleben kann, wurde eigentlich alles in diesen Film gepackt, was Großbritanniens 90er ausgemacht haben. Inklusive eines Soundtracks, der manch Adelsprädikat verliehen bekommen hat.

 

Die hochgereckte Nase des aufgeklärten Europäers verspürt nun keine Verwundung darüber, dass ein solcher Soundtrack aus Europa kommen muss, nie auf der anderen Seite des Atlantik entstehen hätte können. Der hochgereckte Mittelfinger der US-Amerikaner begegnet dem mit zwei Worten: Iggy Pop! Die Menschheit kennt keine feinere Ironie als die, dass die begleitende Musik zu einem integralen Werk britischer Filmgeschichte von einem US-Amerikaner gekrönt werden sollte. Gut, David Bowie hat die Musik geschrieben für Lust For Life und man könnte aus der relativ deutlichen Distanz zu wirklich rauen Tönen auch nichts als seine Handschrift herauslesen, zumal Hook und die lebhafte Vielfalt an instrumentalen Eindrücken auch eindeutig in seine Richtung weist, nicht so sehr in die von Iggy Pop. Und doch ist es der Ur-Punker, der selbst in den späten 70ern, als der Einfluss Bowies auf seine Musik ihn in lichte qualitative Höhen katapultiert hatte, noch dieses unbedingt nötige Salz in der Suppe darstellt, diesen perfekt passenden Misston inmitten eines harmonisch abgerundeten Arrangements. Lust For Life wäre also wahrscheinlich uninteressant, hätte da nicht einer den Text so charismatisch hingerotzt. Außerdem ist auch die helfende britische Hand nicht immer der Wahrheit letzter Schluss im Schaffen Pops, soviel verrät einem das mitten im Soundtrack thronende Nightclubbing. Das klingt einigermaßen stark, passt aber nur sehr peripher zum Stooges-Frontmann und weiß weniger mit dessen Qualitäten anzufangen.

 

Vielleicht auch gut so, der Fokus sollte eher auf den 90ern und eher auf den Insulanern mit der Queen vornweg liegen. Die haben jetzt musikhistorisch elendiglich viel erfunden und geboten und doch in ihrer wankelmütigen, rastlosen Natur auch manches geboten, das nicht zündet. Beides vereint "Trainspotting", wobei Boyle gerechterweise sowohl die arrivierten Stars als auch die Szene-Anführer der 90er zu Gewinnern und Verlierern werden lässt. Denn die Plätze an der Sonne teilen sich neben Pop auch noch die ehemals der Düsternis ausgelieferten Post-Punker von New Order, die mit der 87er-Neuaufnahme ihrer Single Temptation einmal mehr beweisen, dass sie ähnlich gute Elektronik-Pop-Rocker sind, wie sie mit Ian Curtis unerreichte Todessehnsüchtler waren. Auf der anderen Seite steht dafür Bedrock und damit ein Trance-Duo, das zwar nie die Chartspitzen, dafür aber die Raves im UK dominiert hat. Der eigene Remix von For What You Dream Of bietet da genretypische Kost, gibt sich dahingehend aber relativ melodiös und vor allem dank des stimmlichen Gastgeschenks von Sängerin KYO nicht nur brachial und elektronisch karg. Die kurzzeitigen Kritikerlieblinge von Elastica mit ihrem schleppenden Post-Punk-Track 2:1 hier, das streicherverzierte Glam-Melodram Perfect Day von Rock-Gott Lou Reed da. Man könnte ins Schwärmen geraten, würde nicht beides mit dosierter Stärke aufwarten. Durch Atomic bekommt man sogar gleich einen Mischling aus Alt und Neu, nämlich ein Sleeper-Cover des vormaligen Blondie-Hits.

 

Kurzum: Es ist alles da, was das Herz begehren könnte. Außer Konstanz. Die fehlt auf qualitativer und musikalischer Ebene. "Trainspotting" schwimmt hin und her zwischen Rock und Elektronik, akustischen Drogentrips und dem nötigen luziden Wachrütteln. Im gleichen Atemzug reißt man das Ruder auch anderweitig hin und her, steuert gleich zu Beginn dank Iggy in Richtung Triumph, landet aber zwischendurch beim ewig unnötigen Piano-Schläfer Sing von Blur oder dem fragwürdig ereignislosen House-Sound von A Final Hit. Der Soundtrack ist genauso erratisch wie der Film, was manche grandios finden mögen, aber unweigerlich eine erschwerte Verarbeitung aller Eindrücke mit sich bringt. Einsinken kann klanglich ähnlich wenig wie visuell. Es folgt quasi auf jedes Baby mit Wirbelsäulenproblemen eine Szene, an die man sich kein Stück erinnern kann oder will. Was vielleicht gut ist, denn ein Verharren an einem Ort erlaubt Boyle dem Soundtrack wohl auch zurecht nicht, um Abnutzungserscheinungen vorzubeugen. Gerade die einsinkenden Minuten sind nämlich auch die, die wie das zehnminütige Lounge-Elektronik-Intermezzo Trainspotting, quasi Main Theme des Films, eine beträchtliche Ausdauer vom Hörer verlangen.

 

Vielleicht ist "Trainspotting" als Film wie als Soundtrack auch einfach nur schwerer zu verstehen für Leute, die Mitte der 90er noch zu jung waren, um von Drogenrausch zu Drogenrausch zu leben. Wenn dem so ist, büßt beides automatisch den Status der Zeitlosigkeit ein. Andererseits wäre das drastische Härte. Die Feststellung, dass weder die Musik noch das Leinwandspektakel wirklich so genial sind, wie es ihr Kultstatus erahnen ließe, ist in diesem Sinne eigentlich die freundlichere und trifft auch eher einen Nagel auf den Kopf. Trotzdem kommt man nicht drumherum, hier eine Art Mahnmal zu sehen und zu hören, wenn man auch nicht so ganz genau weiß, wofür denn eigentlich. Vielleicht für ein strauchelndes UK in einem bunten Jahrzehnt, vielleicht für ein paar jämmerliche Edinburgher, die nichts mit sich anzufangen wissen. So oder so, die Perfektion spricht aus nichts von all dem, auch nicht daraus, dass Lou Reeds romantischste Stunde auf Pulp'schen Zynismus und musikalischen Wahnwitz trifft. Doch den Perfektionisten gehört ohnehin nicht die Welt, sondern nur diese Webseite.

 


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