Trent Reznor & Atticus Ross - Gone Girl

 

Gone Girl

 

Trent Reznor & Atticus Ross

Veröffentlichungsdatum: 30.09.2014

 

Rating: 6.5  / 10

von Kristoffer Leitgeb, 30.08.2020


Überzeugende atmosphärische Dissonanz, die sich in ihrer Unendlichkeit erschöpft.

 

David Fincher ist einer von den Guten. Immerhin hat er "Se7en" zu verantworten und damit einen der besten greifbaren Psycho-Thriller. Und "The Game", und "Fight Club", und "Zodiac" und auch  "Gone Girl". Letzterer nötigt einen zwar dazu, Ben Affleck über mehr als zwei Stunden lang zuzuschauen, was prinzipiell schwierig ist. Abgesehen davon, dass Affleck sich aber tatsächlich ganz gut macht, ist seine Anwesenheit auch Grund für umso mehr Lob in Richtung von Fincher, weil der Film unabhängig vom Hauptdarsteller beeindruckend atmosphärisch und emotional beklemmend gerät. Und er macht einem das Heiraten auch so wahnsinnig schmackhaft damit!

Jedenfalls braucht ein atmosphärischer Thriller, der einen mit seiner Spannung und seiner Vermengung von Gefühlslagen nicht zu sehr anspringen will, möglichst einen Soundtrack, der das ebenfalls vermeidet, sondern sich in einer etwas subtileren Gangart versteht. Und weil das Fincher schon ganz gut funktioniert hat, wenn er mit Trent Reznor, Frontmann der Nine Inch Nails, und dessen langjährigem produzierenden Weggefährten Atticus Ross bereits ganz gut - also ganz gut im Sinne von Soundtrack-Oscar-Preisträger-gut - geklappt hat, soll das auch hier nicht anders ausschauen. Das kongeniale Duo macht sich dementsprechend auch in gewohnter Form daran, "Gone Girl" mit düsterer und unwirtlicher, elektronischer Hintergrundbeschallung auszustatten.

 

Das aber nicht etwa in der "Pi"-Form erratischer, hektischer Härte, sondern trotz markanter Änderungen immer noch so, wie sie es 2010 für "The Social Network" in Academy-Award-Form getan haben. Also in Ambient- und Downbeat-Form, unterschwellig unheimlich, hier dank zusätzlicher Unterstützung durch klassische Orchestrierung oft genug als Kollision von Gegensätzen. So werden aus friedlich schwebenden Elektronik-Schwaden, aus intimen Klavierpassagen und sanften Streichern bald einmal unheimliche Soundcollagen, die definitiv nicht überladen werden, aber mit harten, tonangebenden Elektronikelementen jeglicher Ruhe und Harmonie beraubt werden. In den anfänglichen Minuten passiert das eher gemäßigt, beziehungsweise geraten die sphärischen Elektronikklänge von What Have We Done To Each Other? oder Empty Places eher herkömmlich in ihrer Mischung aus ruhiger Vorahnung und unruhiger Anspannung. Entsprechend unspektakulär ist es, das anzuhören und sich mit der schwelenden Monotonie anzufreunden, die in Empty Places zwar irgendwie von einem dumpf pochenden Beat abgelöst, aber nie zu etwas wirklich Effektivem geformt wird. Erst With Suspicion illustriert so wirklich, wie beklemmend und unwirtlich die Arbeit der beiden klingen kann und wie die angespannte Ruhe durch gesampelte elektronische Sounds, durch hämmerndes Stakkato und undurchdringliches, unnatürliches Dröhnen sich im Sekundentakt steigernde Anspannung Einzug hält.

 

Alles tiptop also, abgesehen von der nicht ganz zu vernachlässigenden Tatsache, dass Reznor und Ross das im Laufe des Soundtracks eher ungerne so deutlich machen. Nun kann man das loben, weil es diese Symbiose aus vermeintlicher Friedlichkeit und beklemmendem Horror weitaus subtiler macht, wie es etwa in Appearances passiert. Dessen sich langsam ausbreitender Klangteppich wird nur sporadisch und beinahe rhythmisch von metallischen Anschlägen unterbrochen, driftet nur kurzzeitig in düster-dröhnende Unwirtlichkeit ab. Daraus ergibt sich dann eine für den Film wichtige Uneindeutigkeit, in der einem  die Anspannung eben nicht eingehämmert wird, sondern dafür in jeder Sekunde unterschwellig jegliche Harmonie verhindert.

So großartig das für sich genommen ist, kommt man im Laufe der insgesamt fast eineinhalb Stunden jedoch nicht umhin, sich die Frage zu stellen, ob das denn wirklich 24 Tracks überdauern muss. Die markanten Kompositionen, die tatsächlich einen starken Eindruck hinterlassen, sind dafür nicht zahlreich genug, um das rechtfertigen zu können. Und die übrigen Minuten sind zahlreich und schaffen es, aufgrund der stilistischen Einheitlichkeit des gesamten Soundtracks relativ eindruckslos zu einer großen Masse zu verschmelzen, die durch Reprisen einzelner Kompositionen noch zäher erscheint. Grundsätzlich muss das nicht schlecht sein, wenn  allerdings wie im Fall des dahintrottenden Klavierspiels von Background Noise oder dem akzentarmen elektronischen Flackern von A Reflection einfach nichts zur atmosphärischen Wirkung beiträgt oder erinnerungswürdig heraussticht, ist die Frage nach dem Warum definitiv nicht weit.

 

Erschwerend kommt in einem solchen Fall dann immer hinzu, dass es ja genug Gegenbeispiele gibt, die entweder zumindest in Ansätzen emotionale Kraft und atmosphärische Dichte ausstrahlen oder generell einfach großartige Minuten darstellen. The Way He Looks At Me ist dafür das eindringlichste Beispiel, was aber auch daran liegt, dass hier keine Sekunde auf die bewegungsarme Ambivalenz gesetzt wird. Stattdessen nimmt die Überlagerung der zaghaften Klaviernoten mit aggressiven elektronischen Samples, düsteren Trommeln, abgehacktem, synthetischem Beat und kratzigen Soundwänden schon eher brutale Züge an. Jedenfalls fühlt man sich ausreichend beklemmt, wenn man das hört. Während dem eher wenige Ausreißer, wie With Suspicion oder das angespannte Clue Two oder aus der soliden bis mäßigen Masse uniform ausgerichteter Kompositionen vorangehen, ist die an The Way He Looks At Me anschließende zweite CD von mehr Aktivität geprägt. Technically, Missing verkörpert dabei am ehesten klassischen Reznor'schen Einfluss, paart einen anfangs nur mit Bass unterlegten, fünftönigen Elektronik-Loop mit drückend verzerrten Gitarrenriffs, die sich mit kaum merklicher Unterstützung von Streichern mehrmals zu einer dicken Soundwand aufbauen.

 

Secrets wiederum vermengt kristallklare Klaviernoten mit einem wuchtig pulsierenden Beat, kratzigem Flirren und eingestreuten Elektronik-Bits, deren kalter Klang an alte Faxgeräte oder Modems erinnert. Strange Activities verzichtet wiederum fast generell auf organische Sounds, auch wenn zwischen den diversen Samples irgendwann einmal ein paar Gitarrenzupfer herausstechen dürfen. Beide Tracks machen als klaustrophobe, einengende Soundcollagen einiges richtig in Sachen Atmosphäre. Auf der anderen Seite des Spektrums geht man mit Still Gone die Sache geordneter an, paart lediglich Klavier und einen pulsierenden Beat, mischt zwischenzeitlich düster aufwallende Synths dazu, belässt es aber bei dieser effektiven Einfachheit. Kaum komplizierter ist Consummation, das lange ereignislos dahintrottende Synth-Schwaden durch stetig lauter werdendes, dröhnendes Rauschen ablöst, bis dieses in einem komplett übersteuernden, beängstigenden Höhepunkt mündet. Dass ebendas noch einmal wiederkommt, um nach mehrminütiger Stille auf den atmosphärischen Closer At Risk zu folgen und das Album möglichst düster abzuschließen, nimmt man gerne noch mit.

 

Gleichzeitig muss man am Ende aber dennoch feststellen, dass hier, insgesamt betrachtet, gar nicht so viel mitzunehmen ist. Der Soundtrack zu "Gone Girl" schafft es, jegliche musikalische Anzeichen von Frieden und Ruhe, die Trent Reznor und Atticus Ross einbauen, erfolgreich zu zerstören und in ein dunkle, beklemmende und unwirtliche Elektronik zu überführen. Die Effektivität dessen im Einzelnen, also Track für Track, lässt jedoch ein bisschen zu wünschen übrig, weil schlicht zu viele dieser Minuten schlussendlich zu einer Suppe mit gleichen Eigenschaften, gleichen Stilmitteln und gleich überschaubaren Spannungsmomenten verschmelzen. Das kann so nicht ganz gewollt sein. Immerhin gibt es ja auch auf der anderen Seite genug Momente, die nicht diesem Credo folgen, sondern eben doch atmosphärisch gehörig Eindruck hinterlassen. Über eineinhalb Stunden wird daraus aber dennoch eine etwas zähe Angelegenheit, die in ihrer Intention großartig ist und sich kaum wirkliche Schwächen erlaubt, deren Ausführung aber letztlich dazu führt, dass man den Soundtrack eher darauf limitiert sieht, den großartigen Film höchst passend zu begleiten, als einen für sich genommen in seiner Gesamtheit zu beeindrucken.