Various Artists - Pi

 

Pi

 

Various Artists

Veröffentlichungsdatum: 21.07.1998

 

Rating: 6 / 10

von Kristoffer Leitgeb, 14.07.2018


Das ewige Kreuz mit der Mathematik und der Bipolarität elektronischer Musik.

 

Die weite und relativ monochromatische Welt der Zahlen, darin wiederum insbesondere die Arithmetik, hat etwas wahnsinnig Faszinierendes an sich. So verschlungen und doch geradlinig, quasi bis in den hintersten Winkel erklärbar. Ganz für sich alleine faszinierend ist allerdings auch die Tatsache, dass die Mathematik ihrer Natur nach zwar wunderbar strukturiert und in ihren Grundfesten logisch ist, trotzdem aber für ungefähr 99,9% aller Menschen - mich inbegriffen - ab einem früheren oder späteren Punkt immer undurchsichtiger und verworrener wird. Da ist nichts mehr zu überblicken, es gilt Formeln und Querverweise zu beachten, die in ihrer Zahl den Synapsen im menschlichen Hirn Konkurrenz machen, und man landet irgendwann bei einem Maß der alltagsfernen Abstraktion, die selbst Kandinsky eingeschüchtert hätte. Jemanden, der gern stundenlang dasitzt und denkt und analysiert und dasitzt und denkt und analysiert und ewig so weiter, zieht die Zahlenlehre entsprechend magisch an. Was extrem gefährlich sein kann, wenn man sich am Ende eine Bohrmaschine an die Schläfe hält. Willkommen bei "Pi" und einem Soundtrack, der ungefähr so störrisch ist wie die karge Zahlentheorie.

 

Leute, die blumige Fantasiewelten und romantische Landschaften vielleicht nicht so wahnsinnig mögen, zieht das wiederum ziemlich sicher an. Ich sollte also perfekt aufgehoben sein in diesem, einem Elektronik-Sampler gleichkommenden Album, dem ist nur nicht wirklich so. Das Bemerkenswerte zuerst: Irgendwie schafft es der Soundtrack-Leitwolf Clint Mansell, dem Debüt von Darren Aronofsky einen kompletten Streifzug durch die vielen Spielarten elektronischer Musik in den 90ern, vor allem den britischen, zu bieten. Während das nach Abwechslung im höchsten Maße riecht, ist das nur sehr bedingt der Fall. Alles startet kurz und knackig, Mansells πr² handelt das Thema Breakbeat mitsamt flimmernder Elektronik auch entsprechend schnell ab und bietet sogar noch einen atmosphärischen Tempobruch in gerade einmal eineinhalb Minuten. Dass man eine Nähe zum Industrial-Sound verspürt, dass Mansell auch die Snare fast etwas übermassakriert, passt perfekt zur Eröffnung.

 

Jetzt ist alles andere ziemlich lang. Zugegebenerweise manchmal weniger mit glimpflichem Ende innerhalb der Fünf-Minuten-Marke, die diversen Interpreten reizen ihre Beats und Rhythmen aber doch relativ genussvoll aus. Das hat den logischen Nachteil, dass ein Track kaum im Mittelmaß landen kann, weil er einem entweder genug gefällt, um auch sieben oder acht Minuten zu überstehen, oder einfach verdammt lange nervt. Breakbeat schafft es interessanterweise durchgehend in die erste Kategorie, auch P.E.T.R.O.L. von Orbital kommt dank starker Synth-Hook und kantigem, langlebigem Beat und stark rüber. Auch Mansells zweiter Beitrag, We Got The Gun, besticht mit seinem stärkerem Trip-Hop-Einschlag, ideal eingebauten Snippets aus dem Film und zwischenzeitlichem Abdriften in funkig angehauchte Passagen.

Gleichzeitig gibt es Tracks von Genre-Kapazundern, die Aphex Twin und Massive Attack, die vielleicht nicht ganz den mit dem Film verbundenen Erwartungen entsprechen, aber ohne Zweifel ihre Qualitäten haben. Das erratische Bucephalus Bouncing Ball von Aphex Twin ist Paradebeispiel für dessen experimentellen Ansatz, mixt zuerst Steel-Drum-Klänge mit schrillen Elektronik-Sounds, mündet aber abrupt in einem merkwürdigen musikalischen Schauspiel, in dem dem Titel Rechnung getragen und also elektronisch ein Ball zum Hüpfen gebracht wird. Das entbehrt jeder Rhythmik, Eingängigkeit und kurzfristig eigentlich allem, was man mit Musikalität verbindet. Aber es ist ein bisschen hypnotisierend, bis man mit eher fragender Miene aus dem Ganzen aufwacht. Massive Attack finden sich dagegen mit ihrer Single Angel in der Tracklist wieder, legen es damit verhältnismäßig konventionell an. Der Soul-Gesang will zwar so gar nicht passen, die darunter liegende Mischung aus schwerfälligem Trip-Hop und röhrenden Gitarrenwänden ummantelt dafür aber im besten Sinne und entwickelt quasi eine magnetische Anziehungskraft. Genauso wie übrigens Drippy, das von Banco De Gaia mit tropfendem Wasser und Marschgetrampel begonnen wird, alsbald aber in die bestmögliche Form der Monotonie übergeht. Der Weg hin zum Techno ist spielerisch, der Beat überlebt acht Minuten und das auch dank einer orientalisch anmutenden Mischung aus verzerrten Bläsersounds, pastoralen Choreinlagen und zum Schluss tatsächlich einer Gesangseinlage auf Hindi.

 

Während das wunderbar ist, gibt es eben auch Tracks, die einen weglaufen oder einschlafen lassen. Gerade die zweite Hälfte geizt leider nicht damit und kann solcherlei gleich zwei Mal im Doppelpack anbieten. Da wäre No Man's Land, das mit seinen sphärischen, luftigen Synth-Wänden lange wenig tut, um die unspektakuläre Gangart des trabenden Downbeat-Tracks zu verbessern. Erste zur Songhälfte kommt Leben hinein und es entsteht ein 80er-Retro-Elektronik-Gebilde mitsamt Marching Drums und Glockengeläut. Was mehr ist als das lähmende Trio des Albums, Anthem, Third From The Sun und A Low Frequency Inversion Field. Alle drei stecken im fadesten Eck fest, das man im Downbeat finden kann, bieten über Minuten und noch mehr Minuten nichts, um aus der zu spärlich ausstaffierten Lethargie herauszukommen. Allen gemein ist, dass es wahrscheinlich Tracks sind, die in ein oder zwei Minuten ihre Wirkung entfaltet hätten und wohl sogar ganz gut dagestanden wären. Ausgewalzt auf das Dreifache ist das aber an Langatmigkeit  nicht zu überbieten und reißt riesige Löcher in die LP.

 

Die dementsprechend auch nicht so wahnsinnig glänzend wirken will. Mit der Elektronik ist es eben immer schwierig, weil sie in ihrer Reinform relativ leicht monoton wirkt und es nicht so wahnsinnig oft gelingt, das abzufedern, auszugleichen oder sogar im Positiven zu nutzen. Für "Pi" gelingt es hin und wieder, was sich mit den ohnehin aus diesem Schema ausscherenden Tracks zu einem notwendigen und ausreichenden Gerüst, um einen einigermaßen unbeschadet ans Ziel zu bringen. Dass das Ende des Soundtracks aber überhaupt ein Ziel ist, kann man schon nicht wirklich als Erfolg werten. Siebzig Minuten purer Elektronik sind einfach zu viel, wenn pur auch bedeutet, dass man sich mit klobigen und beinahe ereignislosen Epen ohne Epik in der Länge von Stairway To Heaven herumschlagen muss. Komplett schmerzlos hätte man die Tracklist um 15 Minuten erleichtern können und damit einen starken Abriss der Elektronik-Szene im UK der späten 90er geboten. Aber zu viel ist eben zu viel, das gilt für manches Genre genauso wie für die Mathematik.

 

Anspiel-Tipps:

- πr²

- P.E.T.R.O.L.

- We Got The Gun

- Drippy