Dario Marianelli - Kubo And The Two Strings

 

Kubo And The Two Strings

 

Dario Marianelli

Veröffentlichungsdatum: 05.08.2016

 

Rating: 6 / 10

von Kristoffer Leitgeb, 13.07.2019


Bekannte Muster in der Orchestrierung und ein Instrument als Rettung in der Not.

 

Gleich vorweg: Stop-Motion-Animation ist die bessere Animation. Davon kann mich tatsächlich kein Zeichentrickklassiker, kein computeranimierter Augenschmaus, noch nicht einmal ein in alle Ewigkeit unschlagbares Anime-Meisterwerk abbringen. Zu tun hat das mit dem eigenen verschrobenen Charme der Stop-Motion-Welt, die nicht unbedingt auf glatte Schönheit und abgerundete Formen aus ist, sondern stattdessen üblicherweise eine unglaubliche Hingabe und Kreativität der Macher erfordert, diese gleichzeitig mit einer Vielzahl eigenwilliger Gestaltungsmöglichkeiten und Stile belohnt. Vielleicht wirkt all das nur so, weil der Aufwand für einen guten Stop-Motion-Film so gewaltig ist, dass sich ihre Zahl in engen Grenzen hält, während Zeichentrick- und CG-Werke angeschwemmt werden wie Plastik im Meer. Doch der Mut zum Anderssein, zur wirklich individuellen Gestaltung und damit die Gabe, einen visuell zu überraschen, aus dem Look allein unglaubliche Faszination und gleichermaßen Humor zu beziehen, der wohnt diesem Filmgenre inne wie keinem anderen. Umso mehr würden es sich die Meisterwerke dieser Machart verdienen, auch entsprechend außergewöhnliche Soundtracks zu bekommen.

 

"Kubo And The Two Strings" ist keine Ausnahme, sondern eher ein Paradebeispiel, wenn es um den visuellen Aspekt geht, spielt es sich doch mit genialen Darstellungsformen, ohne dabei auf Geschichte und Charaktere zu vergessen. In einem Wort ist der Film großartig. Musikalisch wiederum steht einem partielle Ernüchterung bevor. Ob man die wirklich an Dario Marianelli festmachen kann, ist nicht eindeutig zu klären. Der Mann, der seine besten Momente laut einhelliger Meinung im Verbund mit Regisseur Joe Wright und damit in der Welt der Historiendramen hatte, passt vielleicht nicht gerade wie die Faust aufs Auge zur farbenfrohen und doch ernsten, gefühlsbetonten Szenerie, die rund um und mit Kubo geboten wird. Der Italiener entstammt, zumindest seinen bekanntesten Arbeiten nach zu schließen, einem zutiefst klassischen Milieu und darin dem eher romantischen Eck. Nun ist das schön und gut, will man das Leben Anna Kareninas musikalisch begleiten, einem Jungen auf der Suche nach seiner Mutter und im Kampf gegen Figuren der japanischen Mythologie, bewaffnet einzig mit einer Shamisen, steht dieser Stil allerdings vielleicht weniger.

 

Diese Dissonanz wird einem nicht allzu schmerzhaft verdeutlicht. In Wahrheit arbeitet Marianelli durchwegs ordentlich, ohne einen wahnsinnig zu beeindrucken. Das ist im Vergleich zum Film eine Enttäuschung, die insbesondere daher rührt, dass absolut nichts an den klassischen Kompositionen eigenwillig oder genuin interessant wirkt. Das macht sie nicht zwingend schlecht, tatsächlich sind die meistens durchaus passabel. Problematisch ist nur, dass man "Toy Story", "Harry Potter" oder "Pirates Of The Caribbean" genauso mit manchen dieser Stücke vertonen könnte, ohne dass irgendetwas davon deplatziert wirken würde. Und das ist filmtechnisch betrachtet ein solch weites Feld, dass sich daraus unweigerlich der Befund ergibt, Marianellis Kompositionen wären ziemlich austauschbar. Das spürt man, wenn er wie in The Giant Skeleton mit Bläsern und hellen Streichern eine dramatische Spannung erzeugen will, die nach Hans Zimmer klingt. Man bekommt es aber auch schon in der Eröffnung The Impossible Wave mit, weil die hauptsächlich nach aufgebauschter, nach Atmosphäre suchender Epik klingt.

 

Tut der Opener das nicht, ist es einer einzigen Sache zu verdanken: Der Shamisen. Das Instrument, das in extrem unspannender Form auch als japanische Langhalslaute bezeichnet werden darf, ist der Lichtblick des Soundtracks und sicherlich dessen Rettung. Wann immer man diese hellen, klaren Zupfer, kombiniert mit dem charakteristischen, rauen Scharren zu hören bekommt, liegt Spannung in der Luft. Kubo Goes To Town präsentiert die Shamisen nach stimmungsvollem Beginn mit Streichern und Flöten in beschwingter, feierlicher und klassische japanischer, paart sie dabei mit Streicherstakkatos und Flötenklängen. Wirklich zur Geltung kommt die Wirkung des gekonnten Lautenspiels aber erst mit Story Time und damit dem überzeugenden Paarlauf der Shamisen und den Streichern, unterlegt von dynamischer Percussion in wuchtiger und luftig-hölzerner Form. Auf die simpelste Formel heruntergebrochen, lautet der Befund: Ist die Shamisen da, findet Marianelli nach Belieben Dynamik, Emotion und Spannung.

 

Umso störender ist, wie selten das Instrument eine wirklich tragende Rolle spielen darf. Zwar erkennt man in Origami Birds und vor allem im zunehmend uninteressanter werdenden The Leafy Galleon, dass allein ein paar Zupfer einzustreuen, sicher nicht alles ist. Aber selbst in diesem Fall ist von der zähen, kitschigen Melodramatik von Ancestors mit seinen schweren Streichersätzen keine Spur. Insofern gilt es, sich an das zu klammern, was da ist. Im besten Fall heißt das Monkey's Story und verarbeitet die enge musikalische Bandbreite des Soundtracks in bestmöglicher Manier, indem Shamisen und Shakuhachi zwar durchgehend von Streichern begleitet, aber nie von diesen dominiert werden. Stattdessen stehen die Saitenanschläge auch ohne akustisches Vakuum drumherum eindeutig im Zentrum und sorgen für atmosphärische Emotion, die zur Abwechslung zum Ende sogar mit zurückhaltendem Gitarrenakkorden und Chor akzentuiert wird und auch kurzes Aufwallen der Streicher überlebt. Hanzo's Fortress ist im Vergleich dazu herkömmlichere Kost, schafft aber noch genug an stimmungsvollen Passagen, um erfolgreich anzuschließen.

Wirklich eindringlich gerät der Soundtrack abseits davon allerdings nur mehr zum Ende. Rebirth trifft mit anfangs mit Klaviersolo, dann mit alleingelassenem Zupfen den richtigen Ton, auch wenn der dank dramatischer Streichereinsätze in der Folge verloren geht. Vor allem ist es aber das abschließende Cover des von George Harrison geschriebenen Beatles-Tracks While My Guitar Gently Weeps, das einiges ausbügelt. Regina Spektor darf man es zuschreiben und die Singer-Songwriterin verzichtet zwar mitnichten auf cineastische, voluminöse Streichersätze, besinnt sich aber gleichzeitig erfolgreich auf die asiatische Prägung des Films und den meditativen Charakter des Ursprungssongs, erhält in bravouröser Manier beides.

 

Der Rest ist Durchschnittlichkeit oder weniger. Warum es beispielsweise die klischeehaften Streicherstakkatos und Bläserkanonaden von United-Divided braucht, erschließt sich nicht wirklich. Zu laut, zu unspezifisch und zu weit weg von der spielerischen Prägnanz des Films klingt das. Genauso ergeht es Above And Below und sogar einer Komposition wie Meet The Sisters!, deren zugrundeliegende Szene eigentlich wie geschaffen wäre für stimmungsvolle und dem kulturellen Background angepasste Klänge. Stattdessen bekommt man typische Hollywood-Kost in musikalischer Form. Die enttäuscht aber letztendlich nicht nur aufgrund dessen, dass sie sich nur schwer in das Setting des Films und dessen Eigenheiten einpasst, sondern auch wegen ihrer relativ nuancenarmen Präsentation. Die Orchestrierung ist instrumental wenig überraschend - was für sich genommen auch keine Überraschung ist, aber nicht hilft - und klanglich zu limitiert, um die mäßigen Lautstärkeausbrüche oder am Kitsch anstreifenden Passagen irgendwie im Gedächtnis zu halten.

 

Dario Marianelli lässt in dieser Hinsicht ohnehin so manche Gelegenheit aus auf dem Soundtrack. Seine Arbeit für "Kubo And The Two Strings" ist, wie bereits erwähnt, keine genuin schlechte, aber eine relativ uninteressante, die man mitunter, wenn sie denn auf einen gelungenen Moment folgt, sogar als störend empfindet. Selten war es so offensichtlich, dass ein Instrument hier als Rettung fungiert. Die Shamisen kann nicht alles richten, aber wenn Marianelli sie einsetzt, dann meist gut genug, dass sich daraus Minuten ergeben, für die es sich wirklich lohnt. Wenn dazu noch die Beatles und eine beschlagene Musikerin mithelfen und für einen großartigen Schlusspunkt sorgen, kann man eigentlich schon wieder niemandem mehr böse sein. Eine verpasste Chance bleibt das hier trotzdem, weil sich die Kreativität und die Menge an Ideen, die der Film anzubieten hat, absolut nicht in diesem Soundtrack widerspiegeln. Eher wirkt manches hier nach dem Einmaleins der Soundtrackwelt, nach aus dem Fundus ausgegrabenen Dingen, die man in jedem x-beliebigen Film zu hören bekommen könnte. Das ist hauptsächlich schade, denn dass es anders hätte gehen können, bekommt man hier genauso gezeigt und zwar mehr als einmal.