Soundgarden - Badmotorfinger

 

Badmotorfinger

 

Soundgarden

Veröffentlichungsdatum: 08.10.1991

 

Rating: 8 / 10

von Kristoffer Leitgeb, 16.03.2017


Ein musikalischer Monumentalbau mit simpler Wahrheit: Gitarren sind gut, das Leben ist schlecht.

 

1991 war das Jahr, in dem Dämme brachen, ohne dass jemand ertrinken musste. Es war das Jahr, in dem Mauern fielen, ohne dass David Hasselhoff nachweisbar irgendwo gesungen hätte. Es war das Jahr, in dem manch Musikliebhaber plötzlich wieder erlernt hat, die Begriffe Lebensfreude und Hoffnung zu buchstabieren. Würg. Zugegeben, diesen schwülstigen Müll hab ich verfasst und kein anderer und bis auf den jedenfalls notwendigen Hasselhoff-Moment ist diese Einleitung nicht zu verteidigen. Um das alles zu beenden, sei gesagt, ich hänge diesen Wiederauferstehungsmythen des Rock weniger an, vor allem nicht in Verbindung mit Flanell und funkigen entkleideten Oberkörpern. Ich komm aber aus den 90ern reviewtechnisch nimmer raus, was damit zu tun haben könnte, dass retrospektiv das qualitative Upgrade im Vergleich mit der Vorgängerdekade dann doch schwerer zu leugnen ist. Die 80er hatten auch kein Soundgarden, zumindest nicht das Exemplar, das dann legendäre Alben geschaffen hat.

 

Womit wir wieder bei der Legendenbildung wären und so sehr man einen ambitionierten Menschen wie Chris Cornell vielleicht mögen kann, so viel der Ehre ist unter allen Umständen zu viel. Wobei er gut komponieren kann und mit seinen Kollegen hat er es anno 1991 sogar geschafft, sich von den etwas gar nah an Guns 'n' Roses und Aerosmith angelehnten Anfängen zu verabschieden. Zwar klingt stimmlich manch ein Einsatz der gekreischten Töne noch immer nach ebendiesen namhaften Kapellen, aber immerhin hat man musikalisch einen großen Schritt in die richtige Richtung getan. Denn es gibt so etwas wie Nuancierung und Finesse, beides Elemente, die auf dem Debüt trotz Qualitäten an der Gitarren- und Energiefront zu oft in Form von Vermisstenanzeigen vorzufinden waren. Dem ist nicht mehr so, dank einem Produzenten wie Terry Date und der gelungenen Vermählung schwergewichtiger Metal-Riffs mit den bescheidenen Grundzügen einer Präzision, die dereinst Jimmy Page an den Tag gelegt hat.

 

Und schon ist als Opener Rusty Cage fertig. Der zeigt gleich einmal, was in den oberen Temporegionen möglich ist, und wird damit unweigerlich zur ersten gelungenen Bewährungsprobe der Rhythm Section mit Ben Shepherd als Neuzugang. Gut, die steht jetzt nicht so im Mittelpunkt, wer aber so viele Taktarten auf nur 12 Songs verteilt, der braucht kompetente Leute an Bass und Drums. Noch kompetenter dürfte Kim Thayil an seiner Gitarre sein. Er muss es auch, ansonsten würde "Badmotorfinger" in aller Schnelle in sich zusammenstürzen und ein Scheiterhaufen großspurigen Hard Rocks übrig bleiben. Thayil tobt sich aus und so ist es relativ wurscht, ob man in Face Pollution Punk-Speed zelebriert, für Mind Riot einen Hauch psychedelischen Blues einziehen lässt oder im drückenden Room A Thousand Years Wide einiges zur Namensklärung des Heavy Metal beiträgt. Dass letzterer ohne Umschweife mit schleppenden Riffwänden beginnt, ist ein Pluspunkt, stellt den Rest aber nicht genug in den Schatten, um einem das Urteil zu vernebeln, dass hier überall spielerische Stärke rausquillt. Es ist relativ selten, dass instrumentale Virtuosität so gut zu atmosphärischen Klängen umgewandelt wird.

 

Einen Teil des Lobes dafür nicht auch Cornell zuteil werden zu lassen, wäre fahrlässig. Immerhin hat dieser Mann unbestritten eine der gehaltvollsten Stimmen des Genres. Gleich von Vielseitigkeit zu reden, kommt einem eher weniger in den Sinn, aber in puncto Nachdruck und Eindringlichkeit schlägt wenig Cornells Performances zwischen genretypischen schrillen Ausbrüchen und den unheilvoll tiefen Serenaden von Room A Thousand Years Wide. Dass er gleichzeitig wenig Wert auf textliche Tiefe oder auch nur klar definierte Themen legt, sei ihm da beinahe verziehen. Beinahe, weil man mitunter schon mit der Frage ringen muss, ob die leidenschaftlichen Darbietungen wirklich im Einklang mit dem sind, was gesungen wird. Dass aus rostigen Käfigen ausgebrochen, religiöser Missionierung der Kampf angesagt oder manch Seelenpein besungen wird, ist relativ rasch klar, aber den genauen Inhalt manches Tracks scheint nicht einmal die Band selbst erklären zu können.

 

Allerdings, es ging der Band darum, Stimmungen wiederzugeben und Bilder entstehen zu lassen. Soll sein, ist hinreichend gelungen, am beeindruckendsten in den härteren Momenten des Albums, sofern man dahingehend überhaupt eine ordentliche Trennung machen kann. Das finale New Damage bildet in diesem Sinne die Krönung der LP, gräbt sich mit seinen erdrückenden Riffwänden schnell ins Gedächtnis ein. Fünf Minuten, in denen zwischen den düsteren Main Riff, Thayils kurze, an Präzision kaum zu überbietende Ausritte und Cornells vereinnahmende Stimme kein Blatt Papier passt. So perfekt abgestimmt, ist der Track beispielhaft für eine LP, deren hervorstechendste Qualitäten die Pedanterie aller Beteiligten und die daraus resultierende Harmonie aller Bausteine der Band sind.

 

Folgerichtig hat man selbst in der erstarkten Musikwelt der 90er Hard Rock und Metal selten so effektiv gehört. Soundgarden sind mit "Badmotorfinger" nach einem halben Jahrzehnt bemühter Gitarrenexzesse an dem Punkt angekommen, wo sie ihren harten Sound durch ideale Produktion und verfeinerte Performances an allen Fronten so kanalisieren konnten, dass nahtlos dort fortgesetzt wurde, wo Led Zeppelin und Black Sabbath in ihren stärksten Tagen aufgehört haben. Mit den ganz großen Taten beider kann sich das Album trotzdem noch nicht messen, was vor allem daran liegt, dass man weder den emotionalen Gehalt des berühmten Nachfolgers findet, noch das Gefühl für die unwiderstehliche Mischung aus psychedelischen Anwandlungen, Pop-Harmonien und unerbittlicher Härte, die "Superunknown" zum Triumph gemacht hat. Aber gegen diesen großen Bruder darf man unterliegen, das schmälert die eigenen Qualitäten jetzt nicht wirklich.