Sofa Surfers - Sofa Surfers

 

Sofa Surfers

 

Sofa Surfers

Veröffentlichungsdatum: 28.10.2005

 

Rating: 6.5 / 10

von Kristoffer Leitgeb, 02.10.2018


Formwandlung im überzeugenden Stil mitsamt R&B- und Rockverstärkung.

 

Es sollte immer ein gerüttelt Maß an Misstrauen im Spiel sein, wenn man von irgendwelchen Künstlern das Statement vernimmt, so würden nicht auf der Stelle treten und sich möglichst mit jedem Album verändern wollen. Zum Einen schon allein deswegen, weil es sich selten genug in der Musik niederschlägt und trotzdem oft alles in der eigenen musikalischen Vergangenheit des Interpreten zusammengesucht werden kann. Zum anderen aber auch, weil diese Ankündigungen stilistischer Brüche und Verwandlungen immer ein klein wenig die Form einer Drohung annehmen. Natürlich ergibt sich aus solchem Veränderungswillen eine stetige Spannung und es gibt immer das Potenzial für großartige Überraschungen. Aber mal ehrlich, wenn die Band des Vertrauens daherkommt und nach ein, zwei starken Alben die Lust nach Veränderung proklamiert, rechnet man doch auch mit dem Schlimmsten, oder? Gut, womöglich geht es nur Pessimisten so. Bekehren könnten einen diesbezüglich sicherlich die Sofa Surfers, die schon a priori vor kaum einem stilistischen Experiment zurückscheuen und ausgerechnet mit ihrer self-titled LP eine komplette Neucodierung der eigenen musikalischen DNA wagen.

 

Ob es dafür nun eine Notwendigkeit ist, das auch gleich durch eine personelle Änderung zu verstärken, wird nicht eindeutig zu klären sein. Nimmt man sich die davor veröffentlichten Alben zur Brust, wird man eigentlich genug Wandlungsfähigkeit in dem heimischen Elektronik-Quartett vermuten, um auch höchstselbst einen drastischen Bruch mit den eigenen stilistischen Konventionen herbeizuführen. Gemacht hat man es nicht, weil mit Mani Obeya jemand gefunden wurde, der den eifrigen Programmierern bisher gefehlt hatte: Ein Sänger. Jetzt ist es nicht so, dass in fast einem Jahrzehnt nie ein gesungener Ton auf einem Album der Sofa Surfers zu hören gewesen wäre. Aber die einheitliche Stimme hat gefehlt, was für Breakbeat nicht wahnsinnig wichtig ist, mit dem Trip-Hop, den man zunehmend gepflegt hat, und spätestens mit der hier zelebrierten Kombination von ebendiesem und zunehmend der Gitarre und organischem Drum-Sound zugewandten Rock-Anleihen aber weniger harmoniert. Auf dem Vorgänger hat man es mit einem Haufen Rappern überbrückt, hier jetzt also the real deal mit einem Sänger, der in seiner Stimme nicht viel mehr hat als Soul. Das reicht aber, damit Obeya den Sofa Surfers eine wirklich vitale neue Komponente hinzufügen kann.

 

Zugegebenermaßen sind Atmosphäre und klangliche Textur für die Österreicher offenbar immer noch alles. Der Opener White Noise beweist, dass das so ist, aber auch wie effektiv das Quartett im Formen ihrer minimalistischen Soundcollagen ist. Es bewegt sich nicht wahnsinnig viel, doch gerade darin liegt die Stärke, die sich durch die monoton dahintrabende Bassline und die anorganischen, elektronischen Soundschnipseln irgendwo zwischen klirrend hoher Beatunterstützung und metallischer Keyboardschwaden ergibt. Der Einstieg ist dementsprechend bedrückend unterkühlt, was durch Obeyas wärmende Stimme kaum kontrastiert wird, allein weil der Text nichts in diese Richtung erahnen lässt. Die folgenden Tracks schlagen meist in eine ähnliche Kerbe, bauen zwar auf den zwischen Trip-Hop-Beats auf, verstärken diese aber wieder und wieder mit kargen Zupfern an der E-Gitarre und spröden, kurz angebundenen Riffs. Rein tempomäßig gestaltet sich das unterschiedlich. Die schleppende Fortsetzung von White Noise heißt Say Something und klingt wie ein weniger vereinnahmender Bruder des Openers, Softly und Believer wurzeln dagegen weit eher in Soul und R&B, bringen einerseits hookfokusiertes Songwriting, andererseits mehr Spielraum für Obeya, der allerdings gerade dann weniger zu überzeugen weiß.

 

Überhaupt ist es so, dass man einem vordergründig emotionaleren Touch nur wenig abgewinnen kann. Schon Believer versucht sich daran, Love As A Theory versinkt dann überhaupt im modernen Soul und findet dort verdammt wenig Gefühl, quält einen noch dazu mit künstlich hochgeschraubtem Gesang in den Refrains. Während das ein einmaliger Ausrutscher bleibt, kommt auf anderer Ebene bald die Erkenntnis, dass von Bandseite zwar der Wille zur Erschließung komplett neuen musikalischen Terrains da war, man aber gleichzeitig ein ziemlich kleines gewählt hat. Anders ausgedrückt, hat man ganz offensichtlich einen sympathischen Sound gefunden, tritt diesen aber auch auf allen zehn Songs ohne nennenswerte Abweichungen aus. Das allein verhindert keine gute Musik, sorgt aber für eine relative Spannungsfreiheit gegen Ende des Albums. Begründet liegt das auch darin, dass man es partout nicht schafft, den Minimalismus des Openers in einer Form zu reproduzieren, sodass eine ähnliche atmosphärische Ausdrucksstärke zum Vorschein käme. Insofern kämpft man mit zu vielen im ersten Moment interessanten, ultimativ aber durchschnittlich und relativ eindruckslos wirkenden Songs.

 

Dem entgeht man eindrucksvoll, wann immer man sich für eine andere Gangart unterscheidet. Zwar kann weder vom hyperaktiven Dub- und Breakbeat-Sound der frühen Tage noch von anderen Energieexzessen die Rede sein, doch man nutzt die neuen musikalischen Elemente, die man sich zugelegt hat, trotzdem nicht nur für den diese Mischung aus zurückgelehnten R&B-Anleihen und gespenstischem, elektronischem Minimalismus. Stattdessen bringen Notes Of A Prodigal und Good Day To Die zwar eine ähnliche bedrückende Aura mit, das allerdings einerseits mit dröhnenden Riffs, die schon das Intro unwirtlich wirken lassen, andererseits langgezogenen Verzerrungen und kurz angebundenem Strumming. Während damit Notes Of A Prodigal den Weg in Richtung metallischen, unnatürlichen Sounds geht, kristallisiert sich der zweite Track als die wohl beste Basis für Obeyas Stimme heraus, der in seiner Rhythmik entfernt an eine lebhaftere Version des Acid-Jazz-Downtempo von "Cargo" erinnert. Der dritte in diese Richtung gehende Song wartet mit One Direction und ist quasi der finale Schritt für die Band von ihrem traditionellen Elektronik-Sound hin zu konventionellen Melodien und Songstrukturen, die den Song im Pop-Rock verankern. Keine Schwäche, auch nicht austauschbar, aber nahbar, wie es die Sofa Surfers wohl noch nie waren.

 

Dieses Fazit lässt sich auch ganz generell ziehen, betrachtet man "Sofa Surfers" und den damit verbundenen stilistischen Wandel. Zwar ist von Mainstream keine Rede und die Band hat sich ihre Vorliebe für den Effekt der minimalistischen Klanglandschaften durchaus bewahrt. Neuzugang Mani Obeya und eine Annäherung an das, was man gemeinhin als Pop und Rock kennt, bedeuten aber neue Stützen für das Gedächtnis, wenn man sich an die Songs erinnern soll und helfen ganz gewaltig beim Verarbeiten der einzelnen Tracks. Dass die Band dem Gedächtnis gleichzeitig damit entgegenarbeitet, dass sie ihre neuen Charakterzüge unvorteilhaft abwechslungsarm gestaltet, schadet letztlich weniger den einzelnen Stücken als vielmehr der LP als Ganzes. Denn die Höhepunkte sind da und sie überzeugen einen schnell davon, dass die Sofa Surfers mit Rock und R&B durchaus harmonieren können und dass sie ihren alten Stärken nicht eingebüßt haben. Aber schwache Minuten gibt es und oft ist die Ursache dafür, dass man nur mehr die Produktion dahinter wahrnimmt, weil der Song selbst klingt, als hätte man ihn bereits gehört.