Savages - Silence Yourself

 

Silence Yourself

 

Savages

Veröffentlichungsdatum: 06.05.2013

 

Rating: 7 / 10

von Mathias Haden & Kristoffer Leitgeb


Wieder einmal ein erfreuliches Lebenszeichen vom x-ten 'Post' des Post-Punk-Revivals.

 

Hier also der nächste kleine Hype von der Insel. Ein gekonntes Marketingkonzept, eine Handvoll gezielt grandioser Auftritte und ein bisschen Propaganda mit obligatorischem Namedropping und London hat wieder einmal eine heiße Aktie im Köcher. Die neueste Hoffnung der Briten: Das Frauenquartett Savages; die verheißungsvollen Referenzen: wie so oft Joy Division, dazu noch Siouxsee and the Banshees.

Legt man das Augenmerk auf die großen Erwartungen, die auf dem Debütalbum, Silence Yourself, der Wilden lagen, kann man aber fast nicht mehr von einem 'kleinen' Hype sprechen.

 

Der Beginn verläuft jedenfalls vielversprechend. Mit Opener Shut Up wird der Forderung nach Stille weitere Tiefe verliehen; die Powerfrauen rocken nach kurzem Spoken-Word-Intro, während sich Sängerin Jenny Beth in kraftvoller Stimme nicht um Direktheit ziert: "Oh if you tell me to shut it / I’ll shut it now". Ähnlich druckvoll marschieren die bestimmten Frauenzimmer weiter, nehmen keine Rücksicht auf Verluste. Die Titel sind knapp, aber direkt, erschüttern mit der genretypischen Mischung aus treibender Rhythmussektion und straighter Phrasierung Mark und Bein. Auf dem dissonanten City's Full dominieren diese Elemente ebenso wie auf dem in seiner verzerrten Rohheit glänzenden Strife, auf dem Beth unheilvoll verkündet:

 

"And they must seek you there

Down in the strife

And they must seek you there

Where death outnumbers life"

 

Auf dieses schaurig schöne Szenario folgen das dramatisch atmosphärische Waiting For A Sign und das beklemmende Instrumental Dead Nature. Besonders ersteres entpuppt sich rasch als hypnotischer Grower, der in nächtlichem Ambiente bei der Beschallung sein volles Potential abruft.

Was danach folgt, ist ein kleiner Qualitätseinbruch auf Seite 2. Zwischen dem starken She Will, das man in seiner brutalen Intensität als weibliches Klagelied zur bandtypischen Hymne erklären kann und auf dem auch die Gitarre einen bleibenden Eindruck hinterlässt, und dem besten Stück der LP, dem ruhigen Marshal Dear, das in seiner Funktion als Closer voll aufgeht und mit Piano und Bassklarinette noch ein wenig Experimentierfreudigkeit bescheinigt, bleibt die Kreativität etwas auf der Strecke. Weder das rotzige No Face, noch das beeindruckend nichtige Hit Me und letztendlich auch nicht das vielerorts geschätzte Husbands können nachhaltig begeistern. Gerade auf letzterem beginnt Beths ohnehin schon gewöhnungsbedürftiges Organ den schmalen Grat der Erträglichkeit endgültig zu überschreiten, was das Interesse am gestressten Sprechgesang weiter zum Versiegen führt, während der Bandexpress an der Zieleinfahrt noch einmal gehörig ins Wanken gerät.

 

Just als man dachte, die Post-Punk-Revival-Welle wäre endlich abgeflacht, seine originellsten Vertreter nach wenigen Alben ohnehin schon in der Bedeutungslosigkeit versunken, gelangt mit den Savages neuerlich ein erfrischend eigenständiges Unikat aus den Untiefen der Londoner Talentminen ans Tageslicht. Auf ihrem Debüt Silence Yourself zeigen die vier Ladies erstmals, dass der Hype um ihre Band nicht unbegründet war, auf den knapp 40 Minuten, in denen das Thema Weiblichkeit sicherlich nicht die untergeordneteste Rolle spielt, liefert das Quartett eine konstant gute, sowie eine sehr schwankende Hälfte, bleibt insgesamt aber souverän und bleibt wohl weiterhin auf der Watchlist der großen Kritiker, zumindest aber bei uns.

 

M-Rating: 7 / 10

 


Man muss sie ja nicht mögen, um sie gut zu finden.

 

Gleich vorweg, ich hab eigentlich nichts Gutes zu sagen über die Band. Die Verbindung zu Joy Division, die nämlich allerorts hergestellt wird, stellt nicht mehr als eine bodenlose Frechheit dar. Wer die perfekt umgesetzten, drückend-depressiven Epen vom offensichtlich unrettbar leidgeplagten Ian Curtis mit diesem pseudo-emotionalen Emanzengequatsche verbindet, der soll mich wenigstens nicht darauf anreden. Noch viel weniger, da niemand wirklich glauben kann, dass hinter den dramatisierten First-World-Problems der Damen nicht irgendwo im Hinterzimmer das Wort Kalkül draufgekleistert wurde. Eigentlich zum Schmeißen.

 

Diesen unvorteilhaften Diskurs beiseite, zeigt sich aber trotz allem etwas sehr deutlich: Das Quartett stellt sich irgendwo zwischen den Debüts von The Cure und Dead Kennedys an, bringt dabei wegen des ernsten Grundtons weder das dezent Träumerische von Ersterem noch den Humor der Kennedys zustande, kann aber - und das über jeden Zweifel erhaben - mit den bassgetriebenen harten Minuten musikalisch seine Qualitäten locker ausspielen. Das macht den Mangel an wirklich verwertbarer Message und den schwierigen Ton, den Sängerin Beth anschlägt, ordentlich wett. In diesem Sinne auch ein großes Lob an den Kollegen. Der hat richtigerweise die erste Hälfte als stärkere herausgefiltert, die Songs schon hinreichend ausgesiebt. Das eröffnende Sprachstück von Shut Up sorgt tatsächlich kurz für Beklemmung, die Musik wirkt dagegen mit den starken Drums und dem großartigem Klang der Gitarre schon fast fröhlich. Ein Eindruck, der mit dem Holiday In Cambodia-Gedenkintro von I Am Here und dessen grenzgenialer Kombi aus Drums und Bass nur noch weiter verstärkt wird.

 

Zu Beginn bekommt man also Post-Punk, der dem Punk mit röhrenden, stark inszenierten Riffs näher kommt als viele Genregenossen, das ändert sich mitunter aber auf eher fragwürdige Weise. Mit dem trägen Strife kommt erstmals so etwas wie fehlender Nachdruck durch, das aus mir unbekannten Motiven gelobte Waiting For A Sign schläfert dann mit seinem defensiven Versuch grungige Ballade zu bieten und auch trotz brilliant spärlicher Bridge eher ein. Die übrigen faulen Stellen sind schon genannt, ob es der obligatorisch-unnötige Hyperaktivitätsanfall von Hit Me oder das schwer zu schluckende Husbands mit seinem tödlichen Refrain ist. Im Gegensatz dazu ließe sich No Face dank kraftvoller Präsentation und einer besseren gesanglichen Vorstellung eher genießen.

 

Kann aber auch sein, dass das im Lichte des vorhergehenden She Will etwas untergegangen ist. Dessen Riff kristallisiert sich umgehend als Volltreffer heraus, wird aber klugerweise nicht endlos breitgetreten, sondern in den ruhigeren Strophen gekonnt von Beths Stimme ersetzt. So viel Zustimmung und doch bleibt ein weiterer Plagiatsversuch beim Kollegen nicht aus. Closer Marshal Dear kann einen mit dem zu Hilfe geholten Klavier und dem hypnotischen Bass nämlich wirklich beeindrucken, liefert einen großartigen Schlusspunkt für das Debüt.

 

Der aber, so ehrlich muss man sein, ein paar Schwachstellen überdecken muss. Ganz abgesehen vom fragwürdigen Charakter der Band ist nämlich auch abseits der mäßigen, von zu oft zu ausrechenbarem Feminismus durchtränkten Texte auch musikalisch nicht immer alles am Platz. Ist aber wurscht, gekonnter Rock, mit wem man ihn nun auch vergleichen will, erwartet einen mit Sicherheit. Ab und an schimmert Genialität durch, insbesondere was das musikalische Gespür angeht. Schafft man es das zu kanalisieren, die Patzer hier und da auszumerzen, dann steht einer großen Zukunft nicht viel im Wege.

 

K-Rating: 7 / 10

 

Anspiel-Tipps:

- Shut Up

- She Will

- Marshal Dear