Rise Against - The Black Market

 

The Black Market

 

Rise Against

Veröffentlichungsdatum: 07.10.2008

 

Rating: 5.5 / 10

von Kristoffer Leitgeb, 11.02.2017


Immer noch auf der erfolglosen Suche nach dem Ghost of Success Past.

 

Shame on me! Zu ausländisch? Stimmt, also nochmal: Schande über mich! Es gibt keine Entschuldigung für einen Verrat solchen Ausmaßes. Nicht, dass ich irgendjemand anderen verraten hätte, dagegen wär fallweise nicht so gar viel einzuwenden. Aber es ist viel mehr der Selbstverrat, der wie ein "Kick Me"-Zettel an meinem Rücken pickt. Der Schwur, nie zu einem dieser Dolme zu werden, die einer Band nach einem Leistungsabfall keine Chance mehr geben, nur mehr in der Vergangenheit von Qualitätsarbeit sprechen. Rise Against zwingen mich jetzt aber dazu, diesem tugendhaften Vorhaben ein vorläufiges Ende zu setzen. Nun hat dieses Gespann über Jahre nicht viel weniger gemacht, als einen mit konstant treffsicherem und energiegeladenem Punk zu versorgen, nur um sich schließlich doch dem Alter, der Müdigkeit oder auch nur den Charts zu beugen. Vielleicht nichts davon, auf alle Fälle krankt's seit einiger Zeit im Getriebe. Die Suche nach dem, was vor einem Jahrzehnt noch unbezwingbare Güte war, wird also noch ein Weilchen ohne Ergebnis bleiben.

 

Andererseits ist eine Dreiviertelstunde an Musik jetzt nicht nichts, also die Band liefert schon etwas ab. Nachdem allerdings 2 + 2 nicht 5 ergibt und also nicht jedes Ergebnis a priori ein richtiges sein muss, darf auch "The Black Market" hinterfragt werden. Manch einer wird es erahnen, die LP hält einer solchen Untersuchung nicht wirklich stand, es fehlen schlicht die schlagkräftigen Argumente. Nicht ganz zu Anfang, da kracht es noch etwas im Gebälk, ganz nach Wunsch. Das Streicher-Intro von The Great Die-Off widerspricht dem zwar vehement, die Eröffnung gewinnt auch im Songverlauf nie wirklich an Sinn, aber immerhin entfaltet sich danach das übliche, also durchaus starke Gitarrengewitter, gepaart mit Tim McIlraths kernigem Organ und den unentbehrlichen Background-Chants. Geschliffen klingt all das trotzdem und die Erinnerungen an wirkliche Brechstangenminuten wie die von State Of The Union wollen sich nicht einmal kurzzeitig einstellen. Doch der Track steht in der länger werdenden Tradition aggressiver Opener, die als Reminiszenzen auf vergangene Wutausbrüche nicht Gefahr laufen, irgendeine Richtungslosigkeit zu offenbaren. Noch jede LP seit "The Sufferer & The Witness" musste einen solchen Anfang zelebrieren.

 

Leider zeigt aber nicht nur dabei die Tendenz langsam, aber sicher in die Tiefe, auch die Orientierungslosigkeit gewinnt in der Folge zunehmend an Raum. Beginnend mit Leadsingle I Don't Want To Be Here Anymore ist diese LP nichts mehr als der Versuch, die Formeln des erfolgreichen 2006er-Vorfahren wieder zum Leben zu erwecken. All das aber mit dem Schleifpapier, wo man einen musikalischen Vorschlaghammer bevorzugen würde. Mit kraftloser Mid-Tempo-Sucht, wo man sich riffigen High Speed wünscht. Mit an Kraft und Wirkung zehrenden Stilbrüchen, wo früher ohne Rücksicht auf Verluste durchgeprescht wurde. Folglich wäre zumindest so etwas wie Abwechslungsreichtum zu erwarten, nur erlauben weder der charakteristische, unveränderliche Sound der Band, noch deren thematische und atmosphärische Fixierung irgendetwas in dieser Art. "The Black Market" klingt oft ziemlich gleich, blöderweise nicht einer bedingungslosen Punkigkeit geschuldet, sondern eher dem Gleichschritt in Richtung unbequem klingenden Pop-Rock. Tragedy + Time oder der lahme kleine Bruder vom sonnigen Pop-Punk The Dirt Whispered, und Sudden Life können beide wenig vorweisen, das mehr wäre als zähe Riffspektakel, denen gleichermaßen Härte und Tempo abgehen, um die Einfachheit der Kompositionen wirksam abzufedern. Wobei gerade ersterer so einfach nicht ist, immerhin erlaubt man sich in der zweiten Hälfte einen kühnen Tempo- und Strukturbruch, um ein wenig Frische in die alten Klänge zu zaubern.

 

Blöderweise setzt beim Hörer das Verständnis aus, wenn das Quartett versucht, zu langsame oder zu zurückhaltende Songs mit noch langsameren und noch zurückhaltenderen Passagen wiederzubeleben. Ein Stampfer-Beat hier, ein grässlicher Stadion-Chant dort, ein bisschen verpuffendes Gezupfe wieder woanders. "The Black Market" kennt trotz dieser Instrumente, die im Rock generell und auch im Rise-Against-Kanon durchaus bewährt sind, kaum Atmosphäre oder mitreißende Minuten. Nachdem zuletzt mit "Endgame" zumindest der Schritt gewagt wurde, sich mit einer gegensätzlichen Mischung aus glatter Produktion und Metal-Einflüssen ein bisschen vom angestammten Terrain zu lösen, ist diesmal die Flucht zurück angesagt. Allerdings ohne irgendwo den vergangenen Glanz wiederzufinden.

 

Halt! Stopp! Aus! Die Band stellt nämlich sehr wohl die richtige Frage und untermalt sie mit etwas, das man eigentlich schon vergeblich zu suchen geglaubt hat. The Eco-Terrorist In Me hat Power, Botschaft, Wut und Tempo, dazu ein fast nostalgisch wirkendes Zusammenspiel aus kernigen, nicht nachlassenden Riffs und Tim McIraths zum Geschrei mutierender Performance. Eine Wiederauferstehung und plötzlich klingt man frisch wie eh und je. Dass man sich ungünstigerweise mit der Zeile "And when it all comes down, will you say you did everything you could?" gleich selbst die Frage stellt, die einem als Zuhörenden durchaus legitim vorkommt, ist da eher ironische Randnotiz. Die Frage drängt sich aber auch auf, weil man mit der durchaus stimmigen Power-Ballade People Live Here, deren Akustik-Akkorde im Paarlauf mit Streichern für einen der wenigen guten ruhigen Momente in der Karriere der Mannen aus Chicago sorgt, und dem nach alten Mustern gelungenen Awake Too Long durchaus noch Geschütze auffährt, um sich gegen zu harsche Urteile zu wehren. Warum also nicht mehr davon?

 

Irgendwer wollte eben nicht und hat sich gedacht, der Rest wird schon so passen. Und er passt schon so ins Bild des biederen Chart-Rock. Was nicht heißen soll, hier hätte eine Band ihre Ideale gegen den Erfolg eingetauscht. Nur führt der Weg von Rise Against in eine Richtung, die sich mittlerweile eben mit dem kreuzt, was man im Radio gerade noch spielen kann. Das klingt meistens ok, aber auch so belanglos und frei von jeglichen Berührungspunkten mit dem, der es vorgesetzt bekommt, dass sich wenig Nachhall entwickelt. Ein paar Echos hört man, die einem die Idee früherer Qualität ins Ohr setzen. Aber selbst dann bekommt man, um mit Plato zu sprechen, nur einen Schatten dessen zu sehen, was in Wahrheit in der Band steckt. Vielleicht wird das in Zukunft alles bleiben, was die ehemaligen Punker preisgeben wollen. Zu wünschen ist es allerdings nicht wirklich.