Ramones - Brain Drain

 

Brain Drain

 

Ramones

Veröffentlichungsdatum: 23.03.1989

 

Rating: 7 / 10

von Mathias Haden, 24.04.2020


Mit den Füßen voraus in die Ramones-Hölle, die Siebte: Ein angemessener Ausklang.

 

Als Quasi-Freelancer oder Teilzeitpraktikant oder freundlicher Helfer aus dem Off und gänzlich ohne jegliche Verpflichtung und Schreibvorgaben möchte ich in dieser besonderen Reihe einer ganz speziellen Liebe meinerseits nachgehen: den wunderbaren, unvergessenen und seit kurzem nicht mehr platinlosen Ramones. Der Gedanke dazu ist folgender: In relativ kurzer Zeit möchte ich die auf MusicManiac noch fehlenden, immerhin neun LPs der New Yorker unter das Rezensionsmesser legen und mit passenden Worten bedenken. Dass es hier - wie spitzzüngige und gleichermaßen ahnungslose Kritiker auch über die Musik der Ramones urteilen würden - wenige Überraschungen geben dürfte, ist angesichts der verjährten, aber beinahe immer noch gültigen Top 10 eh klar, geht es doch vorwiegend um eine gar nicht so kleine Würdigung meinerseits der coolsten amerikanischen Band aller Zeiten gegenüber und um nichts anderes. In welcher Reihenfolge die fehlenden Alben, die ich chronologisch anpacken werde, online lesbar sein werden, überlasse ich dem Kollegen, dafür spare ich mir mit dieser copy+paste-Einleitung fortan ein wenig Zeit und Gehirnschmalz. In diesem Sinne an den großen Big Boss und alle anderen: man sieht sich, man liest sich, man hört sich. Nun, man liest sich zumindest.

 

Wer hier die letzten Monate und Jahre mitgelesen hat oder ein halbwegs profundes Wissen über die Ramones mitbringt, dem wird nicht entgangen sein, dass die Karrierewege der Band in den 80ern zwar nicht so unergründlich waren wie jene des Herrn, aber doch einige sehr kuriose Wendungen genommen haben. Das fängt mit Phil Spector an und führt über erratische Produktionen und Songs sowie eine überdurchschnittlich gesellschaftskritische Phase zu Brain Drain und damit einem Punkt, an dem man das Jahrzehnt mit seinen einzigen Konstanten abschließt: einerseits wieder mit einem neuen und gleichzeitig alten Drummer (das Comeback von Marky, wer hätte das gedacht) und andererseits mit Stephen King, seines Zeichens ein riesiger Fan der Band. Für den hatte das Quartett ja schon Anfang der Dekade auf Do You Remember Rock 'n' Roll Radio und It's Not My Place (In the 9 To 5 World) genug Platz, ihn jeweils mit einer kleinen Referenz zu würdigen. Dieser gegenseitige Respekt sollte schließlich zum größten Triumph der letzten offiziellen Platte mit Dee Dee werden.

 

King war es nämlich, der dem Songwriter eine Kopie von seinem Buch "Pet Sematary" in die Hand gedrückt und zum Schreiben eines Songs zum gleichnamigen Film animiert hatte. Dieser wurde dann nicht nur zum perfekten Filmabspann, sondern auch zu einem der bekannteren Tracks der Band, auch wenn er nie die Top 100 gesehen hat. Zu Recht, darf man sagen, denn mit seinen fantasievollen Zeilen und der unsterblichen Hook, die das Stück zieren, konnte man die 80er erhobenen Hauptes hinter sich lassen:

 

"I don't want to be buried in a pet cemetery

I don't want to live my life again"

 

Mit so einem Stein im Brett hat es jedes Album einfach, in einem müden LP-Jahr wie 1989 zu bestehen. Wie schon auf Halfway To Sanity ist auch hier das Sequencing der Platte interessant, mit sechs der ersten acht Stücke primär von Dee Dee geschrieben und vier der fünf übrig gebliebenen (plus ein Cover) Joey-Kompositionen am Ende platziert. Gut nur, dass Ersterer seine Form der zweiten LP-Seite des Vorgängeralbums nicht mitgenommen hat. Zwar ist sein brachiales Learn To Listen dank Einbahnstraßenhärte und ungehobeltem Ausdruck das schwächste Stück der LP, dafür lässt er sich sonst nicht viel zuschulden kommen. Nach seinen sehr wechselhaften Beiträgen der vergangenen Jahre ist er hier am letzten Album als offizielles Bandmitglied nämlich ein Garant für solide Schreibkunst, auch wenn er laut eigenen Angaben gar nicht viel bei den Aufnahmen beteiligt war. Das überraschend hoffnungsvolle, gleichzeitig unpathetische I Believe In Miracles, die kraftvoll kompromisslosen Zero Zero UFO und Don't Bust My Chops und auch das von ihm Höchstselbst vorgetragene, zur Abwechslung alles andere als hingerotzte Punishment Fit The Crime, sie alle liefern starke Minuten im Schatten seiner größten Errungenschaft seit langem. Der ungeschliffene, organischere Sound, der schon Halfway To Sanity gut getan hat, kommt diesen ebenfalls entgegen.

 

Etwas unauffälliger unterwegs ist diesmal Joey. In seinen Gesangsbeiträgen wie immer makellos, hat er neben den beiden gelungenen Midtempo-Balladen Can't Get You Outta My Mind und dessen wuchtigen Drums bzw. dem gemäßigten Come Back, Baby sowie der ultracoolen Pop-Punk-Weihnachtssause Merry Christmas (I Don't Want To Fight Tonight) zum Abschluss auch zwei belanglose Stücke mitgebracht. Während All Screwed Up mit dynamischen Drums und geschmackvollem Riff einläuft, aber über seine Gesamtspielzeit von vier Minuten im gleichförmig trägen Tempo unterwegs ist, darf man bei Ignorance Is Bliss wieder die stumpfe Heavy-Metal-Ambition als Hauptursache für eine wenig überzeugende Darbietung anführen. Um das aggressive Titledropping aber noch zu einem gelungenen Abschluss zu bringen, sei an dieser Stelle auch noch auf das überaus eigenwillige, aber großartig inszenierte Cover Palisades Park hingewiesen, das sich mit seinen hypnotischen, immer schneller werdenden Gitarrenriffs zum klaustrophobischen Höllenritt steigert.

 

Es war tatsächlich nur ein kurzes Zwischentief, das die Ramones in Sphären der biederen Durchschnittlichkeit geführt hat. Von den drei Häufchen Elend, die sich als zu großer Rucksack für den Vorgänger entpuppen sollten, ist man auf Brain Drain glücklicherweise weit entfernt. Stattdessen wird hier mit gesunder Härte, der passenden Produktion und konstant soliden Stücken zu Werk gegangen und stöbert nicht mehr so oft im Kuriositätenschatzkästchen. Das Ergebnis ist ein rundes, gutes Album und ein angemessener Ausklang einer für alle schwierigen Dekade. Nicht mehr, aber um Gottes Willen auch kein bisschen weniger.