Radiohead - Pablo Honey

 

Pablo Honey

 

Radiohead

Veröffentlichungsdatum: 22.02.1993

 

Rating: 5.5 / 10

von Kristoffer Leitgeb, 30.03.2016


Bescheidene Anfänge mit den Vorbildern im Nacken.

 

Dereinst schrub ich - das ist die neue neue Rechtschreibung, die kommt erst - hier an diesem Plätzchen, die Briten wären dazu verdammt, gute Musik zu machen. Das hat schon irgendwie seine Richtigkeit, immerhin werden die mit den Studioalben bald einmal zweistellig sein und, seien wir ehrlich, die Chancen, dass bis dahin noch eine schlechte LP kommt, sind begrenzt. Doch mit der Fehlerlosigkeit waren sie auch selten genug auf Tuchfühlung, am allerwenigsten damals in den frühen 90ern, als man hinter dem Namen Radiohead noch eher eine unliebsame technologische Innovation erwartet hätte als eine Band. Es waren dies die Tage, in denen die Inspiration noch weniger aus dem Insel-Quintett selbst kam, als viel mehr von diversen großen und kleinen Vorgängern, die markante Spuren hinterlassen haben auf dem, was letztlich ein durchschnittliches Debüt werden sollte.

 

'Durchschnittlich' wiederum ist ein Begriff, der Radiohead so überhaupt nicht steht, vor allem wegen der offensichtlichen Exzentrik, die man sich trotz Texten, die ähnlich unfröhlich - wenn auch weniger interessant - sind wie die auf "Pinkerton", schon damals erlaubt hat. Thom Yorke war wahrscheinlich in dezent depressiver Stimmung, hat versucht selbige in passende Zeilen zu verpacken, nur um sie in poppige College-Rock- und Grunge-Melodien einzupacken. Dazu gesangliche Theatralik, die Yorke zwar nie ablegen sollte, die er aber wenigstens in späteren Jahren weiter weg bewegt hat von Bono, stadiongroße Refrains und schon wirkt die ganze Sache kommerzieller, als sie vielleicht letztlich sogar gedacht war.

Natürlich, Creep ist trotz des großen Erfolgs eine Ausnahme. Nicht klanglich, immerhin hat der Track wie kein anderer hier das alte Pixies-Rezept aus gemütlich-intimen Strophen und in der Nähe des Brachialen gelagerten Refrains verinnerlicht. Was die Hitsingle aber fast dem ganzen Drumherum voraus hat, ist der elaborierte und durchdachte Charakter, der spätere Qualitäten erahnen lässt. Hinter den sehnsüchtigen Zeilen und Jonny Greenwoods Gitarrenexzessen steckt eine ideale Mischung aus Spontanität und kreativem Tiefgang, die insbesondere auf "The Bends" fast alles bestimmt hat.

 

Ansonsten spielt sich allerdings etwas ab, das ohne Zweifel das Bild einer eingespielten Band zeichnet, aber in der ungefährlichen Kombination aus akustischem Singer-Songwritertum, mäßig nachdenklichem Alt-Rock und vom Grunge geborgten Riff-Wänden stecken bleibt. Anyone Can Play Guitar darf da gerne als passendes Beispiel herhalten. Nicht nur, dass die Strophen dank der unablässigen Distortion-Spielereien und der trägen Rhythm Section wenig hergeben, der Refrain schreit zudem so sehr nach lockerem Radio-Hit, dass man noch nicht mal in der ohnehin schwachsinnigen Zeile "And if London burns / I'll be standing on the beach with my guitar" Ecken oder Kanten irgendeiner Art erkennen kann. Damit läutet der Track auch eigentlich den Anfang vom Ende ein, die zweite Hälfte besteht fast zur Gänze aus Performances, die vor allem in der Rückschau ein Bündel banaler Klischees darstellen. Da mangelt es eindeutig an Ideen, ganz egal, ob man sich nun das pseudo-grungige Ripcord zur Brust nimmt oder doch das lahme Lurgee, das sich ganz auf Yorkes wirkungsloses Stimmchen verlässt.

Als Rettungsanker bleibt den Briten auch dann noch, dass insbesondere Jonny Greenwood immer wieder sein großes Talent für die Gitarre durchblicken lässt, aber auch alle anderen ihren Teil dazu beitragen, dass das Instrumenten-Werkl immer weiter läuft. Einen Mangel an Harmonie kann man ihnen jedenfalls nicht vorwerfen, auch wenn im Lichte der archetypischen 90er-Alt-Rock-Produktion die Präzision merklich gelitten hat.

 

Will man Radiohead hier dabei erleben, wie sie sich ihrer Höchstform annähern, verlässt man sich am besten auf die gelungene Eröffnung oder aber den allen Abnutzungserscheinungen widerstehenden Abschluss. You eröffnet gekonnt, liefert früh den Beweis, dass auch ein Gesang wie der von Yorke in geradlinigen Grunge-Strukturen funktionieren kann. Der Sänger lässt sich aber immerhin auch so sehr gehen wie selten, klingt rauer als sonst und lässt sich auch zu lautem Gewinsel hinreißen. Während ihn dabei die meiste Zeit angriffige Riff-Wände umgeben, erweckt Closer Blow Out zumindest zu Beginn einen ganz anderen Eindruck. Die starke Bassline und zurückhaltendes Saitengezupfe sorgen für fast entspannte Stimmung, in der nur der wehmütige Gesang anderes erahnen lässt. Anfangs noch stark akzentuiert von kontrollierten Kraftausbrüchen, mutiert der Track leider zum Ende zum mühseligen Gitarrengewitter ohne größeren Charme, ein Höhepunkt bleibt er aber auch so. Ganz ruhig geht natürlich auch, der Akustik-Rock von Thinking About You sorgt in seiner simplen Kürze erfolgreich, aber doch ohne musikalische Finessen irgendeiner Art, für einen starken Gegenpol zum rockigen Rest.

 

Vielleicht hätte es mehr solcher musikalischer Abwanderungen gebraucht, um den Eindruck zu erwecken, "Pablo Honey" wäre mehr als eine Aufwärmen für Radiohead, mehr als eine Werkschau der ersten Jahre der Band. So ist es eine LP, die Andeutungen macht, was denn herausschauen könnte, ohne allzu oft in genau die Richtung zu marschieren. Stattdessen wirkt Vieles gemächlich und zahm, bei Zeiten gar ideenlos und zu nah an dem, was andere besser konnten und können. Da dürfte es nicht allzu dreist sein zu sagen, Yorke & Co. hätten damals noch nicht ganz gewusst, wohin es eigentlich gehen soll. In der Ausführung ist das Debüt trotzdem ordentlich und letztlich bleibt ja auch, dass ihnen sowohl kommerziell als auch künstlerisch der ein oder andere starke Wurf gelungen ist.

 

Anspiel-Tipps:

- You

- Creep

- Blow Out