Radiohead - Kid A

 

Kid A

 

Radiohead

Veröffentlichungsdatum: 02.10.2000

 

Rating: 9 / 10

von Kristoffer Leitgeb, 08.05.2015


Ein elektronisches Charakterstück mit alles umschließender Aura. Ein Klassiker, der den Namen wirklich verdient.

 

Das riecht doch eigentlich danach, dass hier ein kleines Duell ausgerufen wird. Und zwar eines zwischen den beiden vielleicht gewichtigsten Rockalben der letzten 20 Jahre. In der linken Ecke, mit einem Gesamtgewicht von 53 Minuten und bisher ungeschlagener Triumph der Menschheitsgeschichte, "OK Computer". In der rechten Ecke, der Herausforderer mit einem Gesamtgewicht von 50 Minuten und kühner Vertreter der Elektronik-Szene, "Kid A". Aber nein, gibt's nicht. Erstens weil OKC schon reviewt ist, zweitens weil der Kampf wegen der eindrucksvollen Natur des Herausforderers eher einseitig wäre und drittens weil sich diese LP einen ganz, ganz eigenen Review verdient. Ist ja auch ein ganz, ganz eigenes Album, das irgendwie mit seiner alles, nur nicht anheimelnden Aura auch ein paar Leutchen verschreckt hat. Nicht mit uns, wir wissen um die Qualitäten des einen und einzig wahren besten Radiohead-Albums.

 

Ja, ich nehm es schon zurück. Die offensichtlich recht große "The Bends"-Fraktion lyncht mich sonst noch. Fakt ist, anno 2000 liefen die Briten irgendwie von Höhepunkt zu Höhepunkt, zumindest was den Jubel von allen Seiten anbelangt. Und in diesen multiplen Orgasmen - schauen wir mal, wo diese Metapher noch hinführt... - haben sie es noch dazu geschafft, sich ganz ordentlich zu verrenken. Rock war gestern, irgendwas ist angesagt. Irgendwas deswegen, weil das Millennium nicht nur Computer beinahe abstürzen ließ, sondern eben hier einen musikalischen Paradigmenwechsel der anderen Art mitgebracht hat. Vielleicht mit ein bisserl Aphex Twin, Brian Eno, oder Björk untergemischt, aber eben doch anders. Was einen aus heiterem Himmel in den Genuss von Everything In It's Right Place bringt. Dadaismus und Electronica zum Dahinschmelzen quasi, beides von Beginn weg vollends ausgeformt mit einem Keyboard-Intro für die Ewigkeit und der unweigerlich epischen Zeile "Yesterday I woke up sucking a lemon". Abseits des üblichen Rockgewands, dafür mit einfacher Drum Machine und den Keys spielt sich mit Thom Yorkes wüst zusammengeworfenen Zeilen ein leicht mystisches Spektakel ab, das aber seine unglaubliche, poppige Eingängigkeit auch mit flehendem oder verzerrtem Gesang nicht verbergen kann.

 

Ein Beginn zum Jubeln und doch auch zum Verzweifeln. Die Enttäuschung liegt ja so nahe. Netterweise ist der Abstieg in weniger beeindruckende Gefilde aber ein ziemlich langsamer, der Titeltrack lässt ihn noch nicht zu. Das unheilschwangere Intro mit seiner Spieluhr-Melodie und dem pulsierenden Beat rollt den Teppich aus für Yorkes ins Unkenntliche verzerrte Gesinge, das die wenigen brutalen Zeilen auf unheimlichste Art präsentiert. In der Elektronik scheint die Einfachheit noch Programm, doch hinter den wenigen Instrumenten und in den wenigen verschiedenen Klangschichten verstecken sich zu viele ideal eingeflochtene Soundmanipulationen und Feinheiten, als dass man von Monotonie sprechen könnte. Was spätestens mit dem lauten Bläser-Chaos von The National Anthem ohnehin endgültig ad absurdum geführt wird. Denn der bassgetriebene Song hat nicht nur das sphärische Ondes Martenot zu bieten, sondern auch eine Armada an Blechinstrumenten, die wild durcheinander und doch geordnet den Jazz ins Haus holen. Unerwartet und nicht ganz im Einklang mit dem unter die Haut gehenden Beginn, gekauft ist es aber trotzdem.

 

Doch die Unbesiegbarkeit bekommt Risse. Am meisten natürlich durch die, Walgesängen gleichenden, endlos gedehnten Gitarrenzupfer des Instrumentals Treefingers. Fast vier Minuten in beinahe psychedelischen Sphären, ganz eindeutig zu viel des Guten - kürzer wär's nämlich wirklich verdammt gut. Doch auch drumherum gibt man sich gesitteterer Güte hin, lässt die wahrlich atemberaubenden Momente ein wenig verschwinden. Das trifft den zu brav gespielten Low-Tempo-Rock von In Limbo, dessen Gesamtarrangement zwar imponiert, das aber nicht mit vollem Akku runtergespielt wurde. Und trotz der Gefahr, der Ehrenbeleidigung bezichtigt zu werden, trifft dieses Schicksal auch die Hymne How To Disappear Completely. Die Fehlerquelle ist in der dezenten Akustik- und Streichernummer schwer auszumachen, müht sich doch auch Yorke redlichst ab. Doch obwohl die drückende Schwere des Songs greifbar ist, wirklich hundertprozentig will sie einen nicht treffen. Vielleicht auch wegen dem ungünstigen Platz nach The National Anthem.

 

Doch man liefert im nach alter Manier eingespielten Optimistic nicht nur den Gipfel des Sarkasmus ("You can try the best you can / The best you can is good enough"), man beweist auch bald wieder höchste musikalische Güte. Allen voran natürlich in dem einen Moment, an dem kein Mensch, der dieses Album kennt, wirklich vorbeikommt: Idioteque. Hunderte Seiten fassende Dystopien sind daran gescheitert, eine Atmosphäre aufzubauen, die an die Endzeitstimmung dieser Performance heranreicht. Die perfekt ineinandergreifenden Samples formen eine apokalyptische Aura sondergleichen, harmonieren ideal mit dem sphärischen Hintergrundwispern und Yorkes kryptischen Zeilen. Ein glorreicher Moment, dessen abgehackte Beats noch einige Zeit nachhallen, genauso wie so manche Zeile:

 

"Who's in a bunker, who's in a bunker

I've seen too much

I haven't seen enough

You haven't seen enough

 

I'll laugh until my head comes off

Women and children first

And children first

And children..."

 

Da verblasst selbst die emotionale Endnote Motion Picture Soundtrack mit ihrem Pedal Keyboard zur Nebensächlichkeit, obwohl sie doch wirklich stark inszeniert ist.

 

Womit es wieder einmal Zeit für eine nette Conclusio wird. Was reimen wir da zusammen? Ein einfaches 'Gut gemacht' wird nicht reichen, ein bisschen tosender Applaus vielleicht schon eher. "Kid A" ist nämlich das, was "OK Computer" gerne wäre. Ein ziemlich revolutionärer Brocken Musik. Nicht ohne Vorbereiter aus allen Ecken der Elektronik, aber mit unverwechselbarem Charakter und einer Atmosphäre, die bei Zeiten ihresgleichen sucht. Abstriche gibt es fast überall dort, wo die Normalität oder die Überschätzung der eigenen Ausdauer auf den Plan treten, was selten genug der Fall ist, um die LP nicht weiter Schaden nehmen zu lassen. Also doch: Everything in its right place...