R.E.M. - Murmur

 

Murmur

 

R.E.M.

Veröffentlichungsdatum: 12.04.1983

 

Rating: 9 / 10

von Kristoffer Leitgeb, 04.10.2020


Es erwacht ein sanfter Riese des Alternative Rock, dessen unmanipulierte Anfänge schon alles mitbringen.

 

Hätte man es kommen sehen müssen? Vielleicht schon, aber das ist natürlich in der Rückschau immer leichter gesagt. Tatsächlich hätte wahrscheinlich keiner erwarten können, dass dieses Quartett aus der Weltmetropole Athens einmal eine der größten Rockbands unserer Zeit wird. Auf der anderen Seite ist die Zahl derer, die bereits mit ihrem Debüt die Fachwelt zum Jubilieren bringen, keine so gigantische, dass man da nicht recht schnell damit rechnen darf, dass daraus etwas Großes wird. Selbst in den düsteren Tagen, als man für wirklich erfolgreichen Rock anscheinend zwangsläufig Synthesizer, irgendwelche Blechbläser und die glatteste vorstellbare Produktion mitbringen musste, hatte das etwas zu bedeuten und sei es nur ein Fingerzeig für die Zukunft. R.E.M. gingen aber in Wahrheit noch einen Schritt weiter und eroberten gegen alle Widerstände die Gegenwart, schufen ein Album für die Ewigkeit, das in diesem Jahr in Bestenlisten gleich einmal mit Michael Jackson, The Police und vielen anderen auf deren kommerziellem und künstlerischem Höhepunkt konkurrierte. Verdenken kann man es den Damen und Herren Kritikern nicht, dass aus "Murmur" schon fast ein Klassiker wurde, noch bevor das Jahr 1983 vorbeigezogen war.

Denn dieses Debüt ist insbesondere in seiner Entstehungszeit ein ungemein eigenständiges und lässt noch dazu nicht den Hauch eines Zweifels daran, dass es sich hierbei um eine fertige Band handelt, die ihren Sound und ihre Rollenverteilung gefunden hat. Michael Stipes undeutliches, in der Musik oft genug begrabenes Gemurmel, das trotz der merkwürdigsten möglichen Texte oft mehr an Emotion und Atmosphäre generiert, als man überhaupt für möglich halten würde. Peter Buck, der mit seinem hellen, jangelnden Gitarrenklang und der unspektakulär anmutenden Kombi aus E- und akustischer Gitarre die Zeitlosigkeit des Albums einzementiert und so nebenbei einige der göttlichsten Riffs in die Welt entlässt. Mike Mills, dessen melodischer Bass für eingängige Songs sorgt, wo sie aufgrund ihres fast trostlosen Anscheins gar nicht sein dürften. Und Bill Berry, der sich wie die restliche Band gegen jeglichen neumodischen Schnickschnack erfolgreich gewehrt und so seinen vielfältigen Drumparts einen genauso lockeren und organischen wie druckvollen Sound geschenkt hat. Hach, da kann man ja nur ins Schwärmen geraten. Das bietet sich so nebenbei auch an, weil ein Sezieren der einzelnen Songs trotz deren gar nicht so einheitlicher Machart wie eine ziemliche Fleißaufgabe erscheint. Inmitten kryptischer Botschaften, verschluckter Wörter und vollendet harmonischen Zusammenspiels verliert man sich eher in dieser kaum definierbaren Stimmung, die oft gleichermaßen friedvoll, locker und doch fast depressiv düster anmutet. Großartige Soundstudien gehen sich da kaum aus.

 

Vielleicht sollte aber dennoch angemerkt werden, dass eine gewisse atmosphärische und musikalische Bandbreite besteht zwischen dem Up-Tempo-Jangle-Pop von Radio Free Europe und dessen fast zur Hymne gereichenden Refrain, dem empathisch-dramatischen Gitarrengemenge von Talk About The Passion, dem Stipe trotz seiner immerwährend lustlos klingenden Stimme einiges an Emotion einflößt oder dem wunderbar optimistisch anklingenden Sitting Still, das Bucks helle Gitarrenakkorde in den Strophen bestmöglich in Szene setzt. In diesem kleinen, aber feinen musikalischen Mikrokosmos entfaltet sich eine LP, die in Wirklichkeit kaum Wünsche offen lässt. Selbst wenn irgendwann die Erkenntnis einsetzt, dass lediglich der unvergessliche Klavierbeginn von Pilgrimage und dessen mysteriöse, dank Berrys stetem, dumpfem Beat unbequeme Anspannung wirklich den Weg zur Vollendung geht, ist am Gesamtkunstwerk wenig auszusetzen.

Zu gut sind die reibungslosen Wechsel vom kryptischen, mythologisch angehauchten Laughing zum sorgenvollen Weltschmerz in Talk About The Passion und der unterdrückten Wut, die im anklagenden Moral Kiosk durchscheint. Noch beeindruckender ist die Tatsache, dass all dem dennoch nie diese unverwechselbare Mischung aus bedeutungsschwerer drückender Melancholie und beinahe unbeschwerter, popaffiner Eingängigkeit abhandenkommt.

 

Vor diesem Hintergrund ist es einem dann eigentlich auch egal, dass man nicht immer so ganz weiß, was die Wörter, die Stipes Mund verlassen, wirklich bedeuten sollen, sofern man sie denn überhaupt bei all seinem Nuscheln und der ummantelnden Produktion überhaupt entziffern kann. Niemand kann eindeutig sagen, was Pilgrimage nun tatsächlich thematisieren oder aussagen will und auch so etwas wie Shaking Through ist jetzt nicht ultimativ schlüssig. Bestmöglich illustriert wird jedoch die Schwierigkeit bei der Dekodierung und Deutung der Texte dadurch, dass man im Refrain von Catapult nicht daran vorbeikommt, statt dem Songtitel den Satz "Cat had pooped" aus Stipes Mund gehört zu haben. Natürlich hat er das nie gesungen, aber die Akustik ist schon ein Hund, auch wenn sie nicht verhindert, dass die punkige Machart von Catapult voll aufgeht.

Letztlich ist es auch nicht dieser Umstand, der dafür sorgt, dass die zweite Albumhälfte  etwas hinterher hinkt. Eher schon hängt das damit zusammen, dass 9-9 und Shaking Through trotz unverändert starker Vorstellung von Peter Buck nicht in die Verlegenheit kommen, ähnlich prägnant, eingängig und atmosphärisch zu klingen wie alles, was davor gekommen ist. Somit bleiben solide, unterhaltsame, aber etwas magere Songs, auf die noch dazu der einzige wirkliche unnötige, im Lichte der umgebenden Großtaten Rätsel aufgebende Track folgt: We Walk. Was dieses Gebilde mit dem fast Walzer-Züge annehmenden, gemächlichen Schunkelrhythmus soll, es erschließt sich mir nicht. Umso größer die Erleichterung, dass die LP dann doch nicht damit enden muss, sondern in West Of The Fields einen druckvollen und für die Verhältnisse des Albums harten, unwirtlich wirkenden Rocker findet, dessen mehrstimmige Chants im Refrain lange nachhallen.

 

So lässt es sich einfach besser leben mit "Murmur", das dann eben doch nicht perfekt ist, aber deswegen nicht weniger zu den großartigsten Debütalben zählt, die die Rockwelt gesehen hat. Man kann kaum überbewerten, wie eindrucksvoll hier bereits alles zusammenfindet, was R.E.M. die 80er über ausmachen und zu einer einflussreichen Größe ihres Genres machen sollte. Und auch wenn die experimentelleren, musikalisch breiter gefächerten Anwandlungen späterer Jahre fehlen, gibt es genug Argumente, um dem Quartett zuzugestehen, dass sie vielleicht gar schon mit ihrer ersten LP ihre beste abgeliefert haben. Nichts sonst, was sie abgeliefert haben, klingt dermaßen zeitlos, kann einen derartig vereinnahmen und in seiner mysteriösen, kaum zu deutenden Vermengung von Stimmungen so einfangen, wie es diese zwölf Songs schaffen. Dass dem dennoch kleine Makel anhaften, dass man hier und da womöglich doch ganz gern wüsste, was einem Michael Stipe denn da jetzt wirklich entgegen singt und sagen will, ändert daran wenig bis gar nichts und lässt "Murmur" nicht schwächer, sondern auf eine gewisse Art sogar noch eindrucksvoller erscheinen.