Queen - Innuendo

 

Made In Heaven

 

Queen

Veröffentlichungsdatum: 05.02.1991

 

Rating: 5.5 / 10

von Mathias Haden, 08.12.2016


The show must go on.

 

Hallo Leute, Frage an euch: Was versteht man unter einem Innuendo? Tipp 1: Es geht nicht um die ehemals als Eskimo bezeichneten indigenen Volksgruppen, die nennt man mittlerweile guten Gewissens Inuit. Und der zweite Hinweis: Es hat nichts mit versifften Nächten in Tijuana zu tun, für die gibt es bestimmt irgendeinen anderen Begriff, der ähnlich klingt. Um es nicht zu spannend zu machen, gibt es gleich die Auflösung. Zuvor aber noch ein paar Worte über Innuendo, die vierzehnte LP von Queen und damit deren letzte vor dem verfrühten Ableben ihres Häuptlings Freddie Mercury. Durchbeißen, es lohnt sich! Eine Parole, die bei vielen Alben der Band leider direkt in tiefe Enttäuschung mündet. Besonders mit Fortlauf der 80er, eine Ära immerhin, die den Superheldenstatus der Briten endgültig einzementierte, wurden auch die Platten von Queen immer weniger hörbar. Mit Innuendo sollte sich das ändern, mit Innuendo wollte sich ein Mann von jener großen Bühne verabschieden, auf die kaum ein anderer Künstler des 20. Jahrhunderts besser gepasst hatte und mit Innuendo gelang es nach vielen trostlosen Jahren wieder, ein hübsches Artwork auf eine LP zu pressen.

 

Während das Quartett Mercury, Brian May, John Deacon und Roger Taylor in den Jahren 1989/90 am Abschiedswerk werkelte, stand es um seinen Sänger Tag für Tag schlimmer, nagten die Umstände seiner AIDS-Erkrankung auch in Bezug auf seine gesanglichen Fähigkeiten an ihm. Nichtsdestotrotz hört man auf seiner finalen Platte einen Frontmann, der wie ein Löwe darum kämpft, seinen Fans auf angemessene Art und Weis Lebewohl zu sagen. Und in der Tat finden sich auf Innuendo einige Stücke, die den Zauber und die Spielfreude der frühen Auftritte einfangen. Die meisten Freunde der Truppe würden jetzt bedenkenlos den hochambitionierten Titeltrack, der tatsächlich wie kein anderes Stück der Spätphase an die erste Hälfte der 70er erinnert, und die unsterbliche, variabel einsetzbare Hymne The Show Must Go On in den Ring werfen - doch immer ruhig mit den jungen Pferden. Fast genauso cool ist nämlich das zwischen Pathos und Todernsthaftigkeit erfrischend zurückgelehnte I'm Going Slightly Mad, das Mercurys Kraft einbüßendem Organ mit angenehm skurrilen Humor ("I'm coming down with a fever / I'm really out to sea / This kettle is boiling over / I think I'm a banana tree / Oh dear!") wie auf den Leib geschneidert ist.

 

Dass man es mit dem lieben Nonsens auch übertreiben kann, davon zeugt der zweite beschwingte Track, das von Mercury für seine Katze verfasste Delilah, einer dieser austauschbaren, sinnbefreiten Songs, die dank hübscher Melodie und augenscheinlich beherztem Vortag dann doch irgendwo ihre Daseinsberechtigung haben. Der Rest der Platte reüssiert irgendwo zwischen raubeinigem Hard-Rock-Gedöns, das im Jahr Nevermind gleichermaßen antiquiert wie hochaktuell klingt, und gewohnt theatralischem Pop-Pomp. Wie etwa das saublöde Gebolze von The Hitman mit seinen ellenlangen Brian May-Soli zum großen Fanfavoriten avancieren konnte, ist für mich nach wie vor the mystery of the mystery. Die schlechteste Nummer befindet sich allerdings irgendwo zwischen diesen Metaebenen, in einer Art spirituellen Nische. All God's People bringt nämlich nicht nur die unliebsame Religiosität ins Spiel, sondern befeuert diese zuerst mit Gospel-Gesang und schließlich mit harten Riffs - eine hundsgemeine Mischung.

 

Nur gut, dass sich auf Innuendo auch noch ein paar Stücke vorfinden lassen, die Mercury wirklich einen würdevollen Abschied zusichern können. Ride The Wild Wind würde mit seinen peinlichen Autosounds wohl niemand anderem als mir in den Sinn kommen, wenn es um die besten Momente der LP geht, doch offenbart gerade dieses zerfahrene Chaos ohne Maß und Ziel einen intuitiven, im auskalkulierten Repertoire der Band fast unheilvollen Charme. Dagegen ist das von Drummer Roger Taylor geschriebene These Are The Days Of Our Lives zwar eine sichere Angelegenheit, frei von jeglichen Überraschungen, doch ist es hier der sentimentale Gesang Mercurys, der, wie auf Wolken aus Watte und Taylors Keyboardsequenzen schwebend, in aller Melancholie ein letztes Mal zurückblickt und bereit für das Unausweichliche ist. Eigentlich der ultimative Abschiedssong, der allerdings dem ebenfalls passenden The Show Must Go On, immerhin eine der besten Singles der Band, weichen muss. In aller Theatralik von der großen Bühne abtreten, passt aber ohnehin besser zu Mercury und seinen Mannen - ein versöhnliches Ende.

 

Eines, das wie so oft nicht zur Gänze über viele, viele Ausfälle hinwegtäuschen kann. Zu tief sitzen der ohrenbetäubende Krach vom Hitman, die Verstörung über das schreckliche World-Music-Meets-Gospel-Meets-Hard-Rock-Gedenknümmerchen All God's People oder das Desinteresse an protziger Operndramaturgie a la Don't Try So Hard. Ob man sich nun an diesen Unzulänglichkeiten aufhängen will oder wegen einiger Tracks, die durchaus zu den besten der Band zählen dürften, jubeln will, die LP bleibt ein ambivalentes Erlebnis. Übrigens, ein Innuendo ist eine Anspielung. So, jetzt ist die Katze aus dem Sack.