Phil Collins - Both Sides

 

Both Sides

 

Phil Collins

Veröffentlichungsdatum: 08.11.1993

 

Rating: 4.5 / 10

von Mathias Haden, 24.06.2016


Nur vereinzelte Lichtblicke am düsteren Pfad zum Schlagersänger.

 

Okay, ich bin mal wieder an der Reihe, unserem liebsten glatzenförmigen Punchingball eins auf die Mütze zu geben! Alles klar. Nachdem der Kollege eines der wenigen, wirklich brauchbaren Alben des Meisters des Soft-Pop ein bisschen zu hart angepackt hat und ...But Seriously unter den Langweiler No Jacket Required gedrückt hat, verharren die Hoffnungen, Letzteres vom Thron zu kicken, auf überschaubar wenigen Schultern. Und da wohl weder das Cover-Abschiedswerk, noch einer seiner Soundtracks auf Albumlänge abräumen werden, bleibt es wie so oft an den (beiden) Einstiegswerken, die Ehre von Phil Collins wiederherzustellen. Ach ja, und natürlich an Both Sides. Berechtigterweise, denn immerhin ist das fünfte Soloalbum des Briten auch jenes, auf das der Sänger am meisten stolz ist.

 

Selten waren Hoffnungen allerdings ungerechtfertigter, soviel sei verraten, und damit direkt rein ins Vergnügen. Dass der Spannungsbogen hier etwas gar flach ausfällt, liegt übrigens daran, dass

 

            a) oben ohnehin schon die Wertung verraten wurde und

b) man sich von Collins in den Neunzigern nicht viel erwarten durfte, sieht man von der einen oder anderen passablen Single ab.

 

Na, überzeugt? Gut so. Wenn nicht, dann habe ich noch folgendes in petto:

 

c) Collins-Fans oder Leute, die sich tatsächlich Kritiken zu seinen Alben durchlesen, sowieso einiges an Spannungsarmut gewohnt sind.

 

Dabei startet Both Sides mit Both Sides Of The Story, einer dieser gerade beschriebenen Ausrutscher nach oben, ganz und gar nicht schlecht. Liegt vielleicht daran, dass der ehemalige Balladenkönig, wie ich in einst unter Kritik von allen Seiten benannte, hier einen seiner selten gewordenen Ausflüge ins Upbeat-Terrain wagt. Wie sich der treibende Beat der Drum-Machine mit quirligen Keyboardklängen und der okayen, ansonsten eigentlich nicht erwähnenswerten Gitarre verwebt, das kann schon was. Und stimmlich war good old Phil auch noch bei der Stange, in diesem Stadium seiner Transformation zum Schlagersänger. Mit seltenen Ausnahmen war es das dann nämlich schon, mit Tempo und vor allem: mit einem Adjektiv, das "fesselnd" zumindest nahe kommt. Auf den weiteren zehn Stücken, die das Album auf ungemütliche 67 Minuten hieven, dominieren balladeske Töne. Mitunter sicher nicht seine schlechtesten, wie etwa Can't Turn Back The Years oder Everyday, bei dem man das Gefühl bekommt, er habe sich aus der Idee von Genesis' Never A Time heraus entwickelt. Warum hier aber (mit einer Anomalie) jede einzelne Nummer mühsam auf über fünf Minuten hinausgezogen werden musste, erschließt sich beim Hören nicht so ganz. "Atmosphärisch" mögen manche Collins-Liebhaber womöglich zu I've Forgotten Everything sagen - und so ganz Unrecht haben sie aufgrund der Synthschwaden auch nicht - aber abseits des lethargischen Drumbeats und des noch viel lethargischeren Sängers tut sich hier einfach nichts. Die wirklich unerträglichen Balladen erwarten den Hörer aber erst gegen Schluss, wenn sich schon jede Faser in Richtung Plattenteller streckt, um dem Treiben endlich ein Ende zu bereiten. Da hinten tut sich aber auch wirklich kaum mehr was, wenn We Fly So Close, There's A Place For Us oder der selbst in dieser Gesellschaft fast schon bemerkenswert langweilige Schlusspunkt Please Come Out Tonight im Schneckentempo anrauschen und bereits vor dem nächsten Gang aufs WC schon wieder vergessen sind.

 

Immerhin sorgt der legendäre Drummer zwischendurch dafür, dass zumindest Abwechslung aufkommt. Nur selten gelingt es ihm zwar, seine Ideen zu mitreißenden Minuten umzumünzen, aber weder das Dudelsackintro in Verbindung mit den marschierenden Trommeln vom zweiten schnellen, und damit auch schon zweiten starken Stück We Wait And We Wonder, noch das in seinem gesamten Arrangement leicht skurrile We're Sons Of Our Fathers liefern abgesehen von den schwierigen Längen schwache Minuten ab. Immer will man das natürlich nicht hören und mit den unpassenden World Music-Anleihen der Nullnummer Can't Find My Way, die immerhin mit einem aussagekräftigen Titel bedacht wurde, ging ja mindestens ein Experiment schwer in die Hose, aber man kann zumindest im Ansatz nachvollziehen, was Collins, zudem einziger mitwirkender Musiker auf der LP, zu seinen wohlwollenden Kommentaren veranlasste.

 

Man muss ja immer aufpassen, dass man sich gerade bei polarisierenden Leuten wie Phil Collins nicht von zugehörigen Meinungsströmungen überwältigen lässt und vorschnell in den hasserfüllten Tenor einstimmt. Leute, die seine Arbeit mit Genesis schmälern wollen oder selbst mit Singles wie In The Air Tonight und Easy Lover (mit Philip Bailey) nichts anfangen können, denen kann man ja ohnehin nicht helfen in ihrer unreflektierten Blindheit. Bei Both Sides kommt allerdings jede Hilfe zu spät, einige sehr ordentliche Nummern aus ihrem trägen Kosmos zu filtern. Wann immer es etwas schneller zu Wege geht, blitzt das Können Collins' zwar kurz auf, nur um in der Folge aber wieder im Morast der klangtechnischen Behäbigkeit stecken zu bleiben. Dazu kommt, dass man nach einem zufriedenstellenden Auftakt sehr rasch in Beliebigkeit zurückfällt und nur mehr gelegentlich hörenswerte Ergebnisse liefert. Und wie sagte Teamchef und vermeintlicher Lieblingsschweizer Koller gerade erst über unser klägliches Scheitern bei der EM? Nur eine Halbzeit reicht einfach nicht - schon gar nicht für mediokeren Schlager-Pop.